Sie ist in einem Alter gestorben, in dem es in Ordnung ist, zu sterben: mit 97 Jahren. Sie hatte ein langes, schönes, spannendes, aufregendes Leben. Sie hat sich nicht gequält. Trotzdem wünschte ich, sie würde leben. Für einen Tag, eine Stunde, wenigstens für zehn Minuten. Sie würde neben mir am braunglänzenden Flügel sitzen und meine verfrorenen Finger mit ihren Händen warm reiben. Wir würden über mein Studium reden, über den Winter oder über ihren über 60 Jahre alten Sohn. Und dann würden wir spielen.
Ingeborg Kratz-Zuschneid war meine Klavierlehrerin. Ich habe etwa die Hälfte meiner Schulzeit und während meines kompletten Studiums bei ihr Unterricht genommen. Verbessert habe ich mich kaum. Das lag an mir, nicht an ihr. Ich habe nie geübt, nicht einmal zehn Minuten am Tag - obwohl sie mir das oft riet. Ich hatte zwar Spaß am Spielen, aber keinen Ehrgeiz, mich weiterzuentwickeln. Das machte nichts, darum ging es nicht. Ich wollte mit dieser alten Dame Zeit verbringen, die eigentlich immer gute Laune hatte. Sie war meine Vertraute, mein Ausflug in eine andere Zeit, meine Wunschoma.
Ich möchte gern noch einmal vor ihrem Haus stehen, in dem längst andere Menschen leben. Ich stelle mir vor, wie sie langsam auf die Milchglastür zuhumpelt, wie sie mir öffnet, mich mit ihren wachen, fröhlichen gelbbraunen Augen ansieht und sagt "Hallo, Katrinchen". Wie sie mir stolz ihre Orchidee auf der Fensterbank vorführt, die schon wieder blüht. Ich möchte mich neben sie an den alten Flügel setzen.
Am liebsten habe ich vierhändig mit ihr gespielt. Es war schön, sich komplett auf sie einzustellen. "Schlittenfahrt", "Das Schnörkelchen" oder "Das Lange" hießen die Stücke, die wir spielten. Viele hatte ihr Großvater selbst geschrieben. Sie war stolz auf ihn, erzählte immer wieder, wie sie mit 14 Jahren zum allerersten Mal Walzer zu einem Stück getanzt hatte, das von ihm stammte. Im Wohnzimmer ihrer Eltern.
Manchmal habe ich einen Bleistift aus dem Flügel geangelt, damit wir weiterspielen konnten. Manchmal bin ich nach der Stunde für sie gekochten Schinken kaufen gegangen oder habe die Mülltonne auf die Straße geschoben. Manchmal habe ich ihr abgesagt, weil ich etwas anderes vorhatte. Ich war nicht traurig, wenn ich sie mal nicht sah. Aber froh, sie wiederzusehen.
Eine Klavierstunde sollte immer eine halbe Stunde dauern. In Wahrheit saß ich meist viel länger auf dem Holzhocker mit dem Lederüberzug. Aber es kam mir nicht lange vor. Auf die Uhr geschaut haben wir beide nie, ihre ging sowieso immer falsch. Wenn der nächste Schüler kam und wir noch nicht fertig waren, musste er eben auf dem roten Sofa Platz nehmen und warten.
Manche Schüler, die bei ihr singen oder Klavier spielen lernten, waren erst 8 Jahre alt, andere über 80. Meine Klavierlehrerin selbst war und blieb immer die Älteste. Angemerkt hat man ihr das nicht. Nur selten sprach sie über ihr Rheuma, den dicken schwarzen Balken in ihrem Auge, den sie sah, egal wohin sie schaute, oder über den entzündeten Fuß, der einfach nicht heilen wollte.
Ich habe bei ihr gespielt, bis sie 96 Jahre alt war. Bis sie mir immer öfter die gleichen Fragen stellte, immer weniger Dinge selbst erledigen konnte. Bis ihr Sohn und ihre Schwiegertocher beschlossen, sie ins Altersheim zu geben. Dort habe ich sie einmal besucht. Obwohl es ihr in ihrer neuen Bleibe nicht besonders gut gefiel, wurde es kein trauriger, sondern ein fröhlicher Nachmittag. Sie kannte jeden, jeder kannte sie. Sie mischte das ganze Heim auf.
Dann, vor zwei Jahren, starb meine Wunschoma. Sie hat sich nicht gequält, ist einfach eingeschlafen und nie wieder aufgewacht. Sie hatte ein erfülltes Leben und hat immer das gemacht, was sie geliebt hat: Musik. Ich würde gern noch einmal neben ihr am Flügel sitzen, wenigstens zehn Minuten lang. Und wenn das schon nicht geht, möchte ich wenigstens werden wie sie, wenn ich alt bin.
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