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10.01.2008
 

Klippenspringerin Anna Bader

Kontrollierter Absturz

Von Verena Töpper

20 Meter Höhe, zwei Sekunden freier Fall, 90 Stundenkilometer Tempo: Anna Bader liebt den Adrenalin-Kick. Die Mainzer Studentin ist Europas beste Klippenspringerin. Für ihren Extremsport braucht sie absolute Körperbeherrschung, Konzentration und viel Courage.

Anna Bader darf sogar ältere Damen mit rosageblümten Badehauben nass spritzen. "Das war aber sehr schön", loben zwei Frauen, als Anna vom Boden des Beckens auftaucht. Und dann geht ehrfürchtiges Raunen durch die am Beckenrand aufgereihte Wassergymnastikgruppe, als die Studentin einige Meter über ihren Köpfen langsam die Beine zum Handstand hebt. Anna fällt rückwärts in die Tiefe, macht einen Salto und taucht kerzengerade mit gestreckten Armen voran ins Wasser. Seniorengymnastik? Die kann warten.

Den Applaus nimmt die 24-Jährige mit einem schüchternen Lächeln entgegen. Für sie war es "nur ein kleiner Trainingssprung". Normalerweise springt die Mainzer Studentin aus Höhen, die dreimal so hoch sind: Anna Bader ist zweifache Europameisterin im Klippenspringen. Zweieinhalb gebückte Vorwärtssalti aus 15 Metern Höhe, dafür erhielt sie bei der diesjährigen Europameisterschaft in Ponte Brolla in der Schweiz die Bestnote.

Vom Fünf-Meter-Turm im Mainzer Hallenbad kann sie nur einzelne Teile solcher Sprünge üben, aber es ist im Winter ihre einzige Trainingsmöglichkeit. "Das nächste Hallenbad mit Zehn-Meter-Turm ist in Aachen", berichtet Anna leicht außer Atem, während sie sich mit einem mintgrünen Tuch abtrocknet. Klippen sucht man im Umkreis der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ohnehin vergeblich. Deshalb fährt Anna, die im zehnten Semester Englisch, Spanisch und Geographie auf Lehramt studiert, im Sommer so oft wie möglich zum Training nach Österreich oder in die Schweiz.

Reine Kopfsache - und jeder Sprung ist riskant

"Zum Glück ist mir meine Familie nie mit 'ach, ist das gefährlich' gekommen", sagt sie, "bei der Europameisterschaft waren sogar alle dabei." Auf dem Weg in die Schweiz wurde selbst die Oma aus Freiburg nachts um drei Uhr aufgesammelt. Und auch sie musste sportive Fähigkeiten beweisen: "Die Klippen sind ganz schwer zugänglich, das war eine ziemliche Kletterei."

Drei Sprünge dürfen Klippenspringer im Wettbewerb zeigen, den Schwierigkeitsgrad und die Absprunghöhe bestimmen sie selbst. Anna sprang dreimal aus 15 Metern. Mit ihrem zweiten und dritten Sprung hängte sie ihre Konkurrentinnen aus Tschechien und Russland ab. Nur vier Frauen, die Mainzer Studentin eingerechnet, traten bei der Europameisterschaft an. "Viele haben Angst vor der Tiefe", sagt Anna. "Das ist total schade, denn Frauen bringen eine ganz andere Ästhetik in den Sport."

Risikolos ist das Klippenspringen nicht. Bei Absprunghöhen von 15 Metern aufwärts kann eine falsche Bewegung schnell zum Knochenbruch führen. Auch Anna mussten Rettungstrupps schon einmal aus dem Wasser fischen. Bei einem Sprung aus 21 Metern Höhe schätzte sie die Distanz zur Wasseroberfläche falsch ein, schlug mit dem Rücken auf. Sie kam mit Prellungen davon, musste allerdings bis zum nächsten Wettkampf pausieren.

"Beim Springen ist vieles Kopfsache", sagt Anna. "Bei jedem Sprung muss man sich ganz sicher sein, was man wann macht. Wenn ich mich nicht hundertprozentig gut fühle, springe ich auch nicht." Die Athleten erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern. Mit den Armen voran einzutauchen, ist da zu gefährlich, deshalb hängen Klippenspringer an jeden Sprung einen sogenannten Barani, eine Halbschraube.

"Es geht um den Spaß, den Adrenalin-Kick"

Bevor Anna den Barani vorführt, wringt sie noch rasch ihr kleines Tuch aus. Die Tropfen kräuseln das spiegelglatte Wasser, so kann sie die Entfernung besser einschätzen. Dreimal federt sie auf dem Brett, springt höher und höher, dreht sich in der Luft um ihre eigene Achse und taucht dann mit den Füßen voran ins Wasser.

Ihre Körperspannung trainiert Anna in der Turnhalle. "Das ist quasi mein zweites Wohnzimmer", sagt sie und lacht. Spagat, Flicflac, Handstand und Überschlag auf dem Schwebebalken - Anna beherrscht das volle Programm, turnt nebenbei in der Uni-Mannschaft. Für den Studiengang Sport reichte es trotzdem nicht - zweimal fiel sie bei der Aufnahmeprüfung durch.

Bis zu ihrem 13. Lebensjahr übte sie mehr als drei Stunden jeden Tag, startete bei den Deutschen Meisterschaften. Doch der Erfolgsdruck war zu groß, das Turnen machte keinen Spaß mehr. Und Wasserspringen hatte sie schon immer fasziniert. "Bei meiner Oma gab es einen kleinen See, da bin ich immer von den Bäumen aus reingesprungen", erzählt Anna.

Um professionell trainieren zu können, zog sie mit 16 Jahren nach Mainz, arbeitete sich bis in den B-Kader der Nationalmannschaft im Turmspringen vor. Und dann nahm ein Freund sie zum Klippenspringen mit. Anna war sofort begeistert. "Beim Klippenspringen ist alles viel lockerer, es geht einfach um den Spaß, den Adrenalin-Kick."

Dass sich mit ihrem Können auch Geld verdienen lässt, wurde ihr erst im letzten Sommer bewusst, als ein befreundeter Springer Ersatz für seine Showgruppe suchte. Spontan sagte Anna zu, arbeitete einen Monat lang in Sea World in China. Jetzt will sie sich beim Cirque du Soleil in Las Vegas bewerben. Die Chinesen haben ihr schon ein neues Angebot gemacht. In Mainz hat Anna selbst eine Showgruppe gegründet: Zusammen mit zwei Kommilitoninnen - die eine deutsche Meisterin im Kunstturnen, die andere Olympiateilnehmerin - will sie bei Firmenfeiern und Events auftreten. Allerdings im Trockenen.

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