Von Martin Kaul
FU-Bibliothek: "Exzellenzsaufen" an der Elite-Uni
Kaum eine Woche vergeht an der FU ohne heitere "Exzellenzinitiativen" des neu gegründeten "Fanclubs of Exzcellence", einer studentischen Initiative mit besonderem Charme. Sie machte gleich zum Semesterstart von sich reden. Mit einer Einführung ins frisch gekürte "Exzellenz-Cluster Vergleichendes Dosenstechen" fand das "Exzellenzsaufen" zur Imma-Feier eine nicht minder große Presseresonanz als danach die Jubelparade bei der Eröffnungsrede des Uni-Präsidenten: Wann immer der "Held" Lenzen, Vize-Chef der Hochschulrektorenkonferenz, Wörter wie "Drittmittel" oder "Exzellenz" intonierte, kam es zu Jubelstürmen im Saal.
Seine präsidiale Rede übertönten durchgängig klatschende Studenten. Lenzen verließ daraufhin frühzeitig die Veranstaltung. Zwar gehört es schon zur akademischen Folklore und führt an Hochschulen auch immer wieder zu Streit, wenn Studenten die Bildungsoffiziellen mit Getöse und Trillergepfeife am Reden hindern. Aber eine Immatrikulationsfeier, bei der ein Uni-Chef vor dem Applaus seiner Studis flüchtet - das ist schon eine Fortsetzung der Protestkunst mit ironischen Mitteln. Denn für die Protestler ist die Lehre an der FU keineswegs exzellent und "Elite" das Campus-Unwort des Jahres.
Immer auf der Fährte des Ministers
Die Jubelparade zum Semesterbeginn war nur der Startschuss einer Bewegung, die nun mit elitären Mitteln gegen elitäre Mittel kämpfen will. Regelmäßig lädt der Club zum "Strategy Congress" mit ausführlicher Tagesordnung: Neben dem Einstudieren von Leader-Liedern steht auch die Debatte zum Verhältnis von Masse und Führung auf dem Programm. Zwischendurch gibt's Arbeitsgruppen für Cheerleading und Habitus-Coaching. Kaum eine Studi-Party, die ohne das Uni-Logo auskommt. Sogleich sicherte sich die Glaubensgemeinschaft für ihre Kunstproduktion auch die Domain www.dieter-lenzen.de.
Zuvor wurde die neue Heiterkeit der Studentenpolitik in Hessen erprobt: Studenten der TU Darmstadt waren die ersten, die Hessens Wissenschaftsminister Udo Corts ebenfalls mit einem Fanclub ein Denkmal setzten. Im 10-Punkte-Plan plädiert der Fanclub beherzt für die Bafög-Streichung, die schnellstmögliche und rückwirkende Einführung allgemeiner Studiengebühren und des Schulgelds für alle. Außerdem auf dem Programm: "exklusive Treffen mit Udo auf diversen Veranstaltungen".
Corts, dessen Studiengebührenmodell derzeit vor dem Verfassungsgericht auf wackligen Füßen steht, fand die Sache alles andere als spaßig. Dank des vom Fanclub veröffentlichten Ministerterminplans begleiteten muntere Studentenhorden stets seine öffentlichen Auftritte. Corts hat seinen Rückzug aus der Politik angekündigt, sehr zum Verdruss seiner Anhänger. In der Privatwirtschaft soll es für ihn bald ruhiger zugehen.
Täuschend echter Uni-Werbefilm
Dass auch abgehängte Provinz-Studis erstklassigen Protesthumor produzieren können, zeigt die kleine Lüneburger Leuphana-Universität. Mit ihrer Initiative "Leuphana21" haben dort Studenten den ganzen Campus in Verwirrung gestürzt.
Auf ihrer Internet-Präsenz, die im Corporate Design der Uni dem offiziellen Web-Auftritt täuschend ähnelt, präsentieren die Aktivisten einen professionell gedrehten Werbefilm, der es in sich hat. Sicherheitschecks rund ums Uni-Gelände und Coca Cola als "starker Partner aus der Wirtschaft" locken an die kleine Uni, die sich ganz im Image des Exzellenten gibt. Tagelang wurde auf dem Campus diskutiert, was die universitäre Werbeaktion sollte - so täuschend echt kam die Realsatire daher.
Dabei steht hinter dem studentischen Humorprotest nicht nur bloße Heiterkeit, sondern ein politisches Konzept: Kommunikations-Guerilla ist das Stichwort, eine künstlerische Subversionsstrategie, die in der linken Szene viel Beachtung findet. Mit der bewussten Übernahme von Logos und Werbebotschaften werden Information und Desinformation gezielt verknüpft. Die Studenten verdichten die Debatte, die sie kritisieren. Ironie ist das Mittel, Verwirrung das Ergebnis, Reflektion das Ziel.
So ist die virtuelle Präsenz im Web nur die Krone einer Bewegung. Hinter der Maske des Humors versammeln sich kritische Studenten und blasen zur Offensive: Im hellen Schein des Leuchtturms ruft die Avantgarde des studentischen Protests zum Aktivismus auf.
Und ihr glamouröser Charme trägt Früchte: In Berlin haben Schulgruppen bereits Unterstützung angemeldet. Denn in der Hauptstadt versauert der vagabundierende Numerus Clausus den Schülern die Aussichten auf Schampus und Studienplätzchen. "Dies bestärkt uns, dass eine Fanclub-Schulstruktur nötiger ist als je zuvor", schreibt eine Schülervertretung auf dem Weblog des Berliner "Fanclubs of Excellence". Die Schüler wollen auch endlich "Torten überreichen", heißt es dort.
Die mauen Jahre sind vorbei. Es darf wieder gejubelt werden.
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