Mittwoch, 10. Februar 2010

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19.02.2008
 

Generation Doof

"Einfach mal in die Kamera furzen"

Deutschland verblödet, behaupten Stefan Bonner und Anne Weiss. Die Autoren des Buches "Generation Doof" sind Kerners Gäste im ZDF - auf SPIEGEL ONLINE erklären sie, warum eine Gesellschaft nervt, die Beethoven längst vergessen hat und dafür jeden Klingelton kennt.

SPIEGEL ONLINE: Im Fazit Ihres Buches fordern Sie, dass man die Dummen an die Hand nehmen soll, statt sich über sie lustig zu machen. Wann haben Sie das letzte Mal einen Dummen an die Hand genommen?

Buchautoren Weiss, Bonner: "Wir gehören selbst zur Generation Doof"
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Rolf Hörner

Buchautoren Weiss, Bonner: "Wir gehören selbst zur Generation Doof"

Stefan Bonner: Ich muss gestehen, dass wir beide uns gegenseitig immer wieder an die Hand nehmen müssen. Neulich haben wir gegrübelt, wo Bad Pyrmont liegt. Ich vermutete es in Brandenburg, Anne tippte auf Österreich. Wir haben dann festgestellt, dass es in Niedersachsen liegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten sich selbst für Mitglieder der "Generation Doof". Wie haben Sie es dann geschafft, an Lektorenjobs in einem großen deutschen Publikumsverlag zu kommen?

Anne Weiss: Wir sagen ja nicht, dass Dummheit immer schlimm ist. Jeder hat mal einen Ausfall. Aber man braucht auf jeden Fall ein bisschen Talent, seine gelegentliche Dummheit gut zu kaschieren. Außerdem ist es gut, die Recherchemöglichkeiten zu kennen, also zu wissen, wo man eine fehlende Information schnell findet.

Bonner: Dann ist noch eine gewisse Kritik- und Lernfähigkeit nötig. Denn die Mitglieder der "Generation Doof" haben sich alle durch dasselbe suboptimale Lebens- und Schulsystem gekämpft und wurden auf das richtige Leben nicht ausreichend vorbereitet. Auch wir beide haben viele Federn lassen müssen, viel gelernt und viele Hürden genommen.

Weiss: Zudem sollte man eine gute Realitätseinschätzung haben und wissen, dass man gewisse Dinge einfach nicht kann. Das ist menschlich und völlig normal. Alles andere als normal ist es jedoch, wenn jemand Megastar werden will, der offensichtlich unfähig ist. Wer das nicht selbst merkt, gehört zur "Generation Doof". Die anderen entscheiden sich am Ende doch gegen eine Superstarkarriere und machen die Banklehre.

SPIEGEL ONLINE: "Generation..." ist ein inzwischen inflationär gebrauchtes Etikett. Was hält die "Generation Doof" im Kern zusammen?

ZUM BUCH

Verlagsgruppe Lübbe
Latoya kennt in Skandinavien drei Länder: Schweden, Holland, Nordpol. Tamara- Michelle hält den Bundestag für einen Feiertag. Einzelfälle? Mitnichten, sagen Stefan Bonner und Anne Weiss, beide 30. "Generation Doof" heißt das erste Buch der Kölner Verlagslektoren. Am Dienstag um 22.45 Uhr sind sie bei "Johannes B. Kerner" zu Gast (ZDF).
Bonner: Sie besteht aus den Generationen Video, Praktikum, Golf und wie sie alle heißen. Wir glauben, ein Problem erkannt zu haben, das all diese Gruppen betrifft und sie prägt. Zur "Generation Doof" gehören die Kinder, die einen Baum nicht mehr vom anderen unterscheiden können. Oder Leute, die mit einem geradezu unheimlichen Unwissen ins Fernsehen gehen und sich da als Experten hinstellen. Zeitgenossen, die einfach mal in eine Videokamera furzen und das ins Internet stellen, weil's vermeintlich lustig ist.

SPIEGEL ONLINE: Es gab die Pisa-Schocktherapie, es gibt das ewige Feuilletonisten-Wehklagen über den Verfall des Abendlandes, das tägliche Bohlen-Bashing. Warum müssen auch Sie noch dem Land der Dichter und Denker auf 335 Seiten den Kopf waschen?

Weiss: Natürlich ist Dummheit nichts Neues. Schon in der Antike wurde reichlich Blödsinn angestellt. Prägend für die "Generation Doof" ist aber, dass sie ihre Dummheit lustig und toll findet. Man ist stolz darauf, und dieses Problem wird in die Zukunft reichen. Dazu gehören die Jugendlichen, die Dieter Bohlen als Vorbild haben, aber auch Eltern, die ihre Kinder vor dem Fernseher parken.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch bemühen Sie Beispiele wie die frischgebackene Schönheitskönigin, die ihre Heimat auf der Landkarte nicht einzeichnen kann. Ist das wirklich typisch für eine ganze Generation - und nicht nur ein Klischee?

Bonner: Wir haben das in unserem Freundeskreis immer wieder ausprobiert. Jeder konnte auf Anhieb eine Handvoll Beispiele für Mitglieder der "Generation Doof" nennen. Und wir haben festgestellt, dass dieses Phänomen keine intellektuelle Schicht verschont - auch der Rechtsanwalt parkt sein Kind vor der Playstation. Auch wohlhabende Mütter sind überfordert.

SPIEGEL ONLINE: Welche generationstypischen Dummheiten nerven Sie persönlich am meisten?

Weiss: Es tut zum Beispiel schon verdammt weh, was mit der deutschen Sprache angestellt wird. Früher konnten wir Hölderlin zitieren, heute können wir irgendwelche grässlichen Musiktitel nachsingen. Man erkennt den Klingelton der Telekom, aber längst nicht mehr Beethovens Fünfte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich jetzt zwei Jahre mit der "Generation Doof" befasst. Beschleicht Sie Panik, wenn Sie an die Zukunft denken? Müssen wir uns auf eine nahende "Generation Superdoof" einstellen?

Bonner: Es kann tatsächlich passieren, dass die nächste Generation noch dümmer wird. Wir hoffen jedoch auf eine Pendelbewegung, wie es sie in der Geschichte immer wieder gab. Bei uns war es oft so, dass wir von unseren Eltern überfrachtet wurden und blockiert haben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kinder der "Generation Doof" das Wissen wieder als coole Sache entdecken und sich das holen, was ihre Eltern ihnen verwehrt haben.

Das Interview führte Sebastian Wieschowski

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