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Party-Spektakel auf der Krim Der längste Rave der Welt

3. Teil: Lachen, trinken, knutschen - ein bisschen Frieden beim Kazantip

Eine wie Olga, mit Stringtanga und ernsten Absichten. "Komm", sagt sie zu Sergei, der nicht so recht Muschik sein will und sich am Bier festhält, "komm", sagt sie, "ich zeige dir was." Sie nimmt ihn bei der Hand, führt ihn hinaus aus Kazantip, weg vom Lärm, hinein in die Stille des Salzsees, zieht ihn hinunter auf die Erde, und als er sie küssen will, wehrt sie ab und zeigt ihm die Sterne. "Das ist es, was ich dir zeigen wollte."

Eine Stunde sitzen sie dort, er hat den Arm um sie gelegt, sie ihren Schal um seinen Hals, sie sitzen da und reden, Wange an Wange. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, Pädagogik und Fremdsprachen, dann bei Gazprom gejobbt als Assistentin des Chefs, nur um nach Kazantip zu kommen. Sie hat sich verändert, seit sie hier ist, sagt sie, jetzt schon, ihre Mutter würde sie nicht wiedererkennen, ihre Stimme ist tiefer geworden, erwachsener. Sie ist 21. Es sei einfach, sich hier zu verlieben, es gibt hier viele Männer, aber irgendwie sind sie alle leer. "Du bist anders." Sergei sagt nicht viel, und wenn, sagt er "ja".

Nach einer Weile kehren sie zurück und geben Juri Bescheid, dass sie noch länger wegbleiben, gehen dann an den Strand und reden weiter, ein bisschen über alles. Über Beziehungen, sie mag es nicht, wenn gekrallt wird. Über das Meer, sie mag es, wenn man die Energie spürt, eins wird mit den Wellen. "Wie lange bleibst du noch?" "Drei Tage." "Manchmal können drei Tage reichen", lächelt sie. Olga schaut Sergei an. Sergei schaut Olga an. "Was ist deine Lieblingsfarbe?" "Blau." "Und wenn du die Augen zumachst, welche Farbe siehst du dann?" "Rot." "Das erklärt vieles: außen Eis, innen Vulkan." Sie küsst ihn. Als sie zu den anderen zurückgehen, grinst sie über das ganze Gesicht. "Na", tuscheln die anderen, "was habt ihr gemacht?" "Verdirb mir nicht Sergei!", warnt Juri.

Die Gruppe ersetzt die Eltern. Sie meckert, wenn ihr was nicht passt. Aber sie schlichtet auch Streit. Und so ist es in Kazantip für eine Massenveranstaltung erstaunlich ruhig. Es wird geraucht, gelacht, getrunken, Mädchen schlafen an den Schultern ihrer Freunde ein, Pärchen knutschen, Sterne werden gezählt.

Der Frieden, das Gemeinschaftliche, das heben die Leute hervor, wenn sie von Kazantip erzählen. Das sei anders, das mache Kazantip einzigartig.

"Nein, meine Kinder nehmen keine Drogen"

Bedrohlich wirkt nur die Security, grimmige Kerle in Tarnuniform, Soldaten der nahe gelegenen Militärbasis, die sich etwas dazuverdienen in der "Republik Kazantip". Ja, Republik. Festivalgründer Nikita Marschunok nennt sich Präsident, die Eintrittskarten heißen "ViZas", und es gibt eine Verfassung, die "menschliche Schwächen wie Müdigkeit verbietet", Paragraf 8. Nur die Soldaten sind wirklich Soldaten. Sie patrouillieren am Strand und fischen Leute heraus, die mit langsam entspannenden Gesichtszügen den Mond betrachten und nicht die Latrine für 50 Cent benutzen.

Die anderen Ungenierten scheuchen sie in die Kamasutra-Zelte, zehn Euro die Stunde. "Zwar ist es hier nicht wie bei den Tieren", sagt Juri, aber bei 50 Euro Tagesgebühr zahlen manche einmal Eintritt und leben dann eine Woche auf dem Gelände. Vier Uhr morgens, der Strand ist rappelvoll, ein paar liegen im Sand und knutschen, ein Mann wälzt sich nackt auf einer Frau, die drei Mädchen daneben, keine zwei Meter entfernt, gucken kurz und reden dann weiter, auch als der Mann - er auf Knien, sie vor ihm liegend - ihren Schoß an seinen Mund zieht. Vielleicht ist es den beiden egal. Vielleicht sind es die Drogen. Vielleicht das Feriengefühl - Urlaub von den üblichen Regeln. Keiner der Nachbarn wechselt den Platz, keiner starrt hin. Fast keiner. Alex kommt angetänzelt: "Das glaubst du doch gar nicht. Was habt ihr denen gezahlt? 200 Euro?" Er zückt die Kamera.

"Dawai, dawai", feuern ein paar Russen an - los, macht schon.

Alex: "Das fasziniert mich immer wieder ... Da weißt du, was du in den letzten 15 Jahren verpasst hast."

Und während Alex fasziniert ist, Juri dealt, Olga kuschelt, Sascha sehnsüchtelt, Christinka wartet und der Morgennebel über ein Schlachtfeld mit Schnapsleichen zieht und es langsam hell wird und auch ein bisschen schäbig, wacht nicht weit von hier Jekaterina Balesnia in "Little Kazantip" auf. Man nennt sie auch Djodje Katja oder Baba Katja - Djodje, Tante, ist ihr lieber. Sie hebt ihre schweren Füße aus dem Bett, schlüpft in ihre Pantoffeln, bindet sich ihr Kopftuch. Ihre Hände sind verhornt, ihre Haut ist braun. Sie lächelt milde, als sei ihr Leben ein warmer Ofenplatz. Nur das Kopftuch passt nicht zum Bäuerlichen, Hanfblätter sind daraufgedruckt, ein Gast hat es ihr geschenkt. Sie weiß nicht, wie die Pflanze heißt, aber sie gefällt ihr.

Der Morgen danach in "Little Kazantip"

"Nein, meine Kinder nehmen keine Drogen. Die kennen das gar nicht." "Kinder" nennt sie ihre Gäste. Nachts, wenn sie heimkommen, machen sie keinen Lärm. Tagsüber helfen sie ihr im Haus, montieren Brauseköpfe, schrauben Glühbirnen. Zu Weihnachten rufen sie an oder schicken ihr Konfekt.

Popowka war einmal ein Kurort. Langweilig sei es damals gewesen, 126 Leute und zwei Straßen. Menschen, die sich Quallen auf die Rücken schmieren oder im Heilschlamm suhlen. "Gut, dass jetzt die Kinder da sind", sagt Baba Katja. "Da fühle ich mich selbst jung."

Ihr Mann ist im vergangenen Jahr gestorben, sagt sie und wischt sich mit der Hand über die Augen, "der Staub hier, schlimm". Sie nimmt eine Muschel aus dem Regal und putzt sie an ihrem Kleid. Ihr Mann hat sie mitgebracht, ein Matrose. Ein richtiger Mann war er. So einer wie Putin. Wenn der spricht, räumt sie alles weg vorm Fernseher und hört nur ihm zu. "Er ist stark, er ist klug, er macht alles für Russland. Wir alle lieben Putin. Wenn ich dagegen unseren Präsidenten sehe, Juschtschenko, dann denke ich, ist der hässlich. Putin ist hübsch. Wenn ich Gorbatschow sehe, denke ich an einen kleinen Hund, gutzi, gutzi."

"Ja, die Männer", seufzt sie. "Ja, die Frauen", seufzt Juri. Er kann nicht schlafen. Olga hat sich in den letzten zehn Stunden dreimal von ihm getrennt. Und Juri wartet jetzt, wie er es immer tut, "du musst Geduld haben; sie kommt wieder". Und dann kommt sie, bringt ihm sein Speed auf der Telefonkarte und legt ihm den Arm um die Schulter.

Der Morgen danach in "Little Kazantip": Alex wollte nie Frauen kennenlernen und importiert sowieso lieber Parfüms und Seifen. Christinka hat sich nicht abgemeldet, keiner weiß, wo sie steckt. Olga und Sergei suchen sie. Sonja hat sich in einen Moskauer verliebt, sie redet mit einer Freundin über Bahnfahren, was es kostet von Lugansk nach Moskau, wie lange es dauert. "Na super", stöhnt sie, "das wird eh nichts, wenn ich nur im Zug unterwegs bin."

"Weißt du", sagt Baba Katja, "das macht nichts." Als sie vor vielen Jahren einmal nach Kiew unterwegs war, hat sie einen Mann getroffen, einen richtigen Mann. Im Abteil nebenan saß er. Er erzählte ihr, dass er seinen Bruder in Moskau besucht hatte, der ihm eine neue Frau vorstellen wollte. Darauf Katja: Warum in Moskau? Hier gibt es doch auch Frauen - mich!

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