Von Sebastian Wieschowski
Berlin - Sie gehen in Deckung. Verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen und in ihren Wintermänteln. Ehrfürchtig beobachtet ein älteres Ehepaar den schwarzen Block, der soeben den Platz vor dem Berliner Hauptbahnhof okkupiert hat. Vorsichtig gehen beide ein paar Schritte auf die Meute zu. Plötzlich marschiert der Feind auf die erschreckten Senioren zu.
"Darf ich mich vorstellen, ich komme von der Front Deutscher Äpfel", sagt der Junge im wärmsten Türklinkenputzer-Ton. Und bevor die Senioren reagieren können, brummt die menschgewordene Propagandamaschine los und klärt die Passanten über den Aufzug auf. "Ihr seid wirklich gegen die Nazis?", fragt die Seniorin anschließend erleichtert. "Das ist herrlich", jauchzt sie. Ihr Gesicht verliert die verängstigte Anspannung.
Die Apfelfront hat zum Marsch auf Berlin geblasen. Um gegen die Überfremdung des deutschen Obstbestandes, gegen Südfrüchte, gegen faules Fallobst und ganz nebenbei gegen rechtsradikale Umtriebe in Deutschland ein Zeichen zu setzen, sind Anhänger der Satiregruppe aus ganz Deutschland angereist. Denn inzwischen kämpft die Front auch im "Boskopistischen Gau Bayern", dem "Alkmenen-Gau Mark Brandenburg" oder dem Gau "Streuobstwiesen Niedersachsen-Bremen". Als Führer aller Äpfel tritt der Leipziger Aktionskünstler Alf Thum auf. Der schiebt sich erstmal die Designerbrille zurecht, sein Adjutant starrt auf das Front-Fon. Das nenne sich eigentlich "iPhone" und werde von einem Apfelfront-nahen Betrieb namens "Apple" hergestellt, erklärt der Aktivist.
Bevor der Klassenmarsch auf die Hauptstadt (das "steingewordene soziale Problem") beginnen kann, zeigt die Staatsmacht ein wenig Stärke - mehrere Beamte reden mit bemüht ernster Stimme auf den Apfel-Führer ein, der gerade auf seinem tragbaren Regierungssitz Platz genommen hat. "Sie haben keine Kundgebung angemeldet", erinnert der Wachmann den Freizeit-Diktator, der nun von der Polizei angewiesen wird, sich wie ein normaler Fußgänger zu benehmen und auf keinen Fall bei Rot über die Ampel zu marschieren.
Nach ein paar Minuten ist der studentische Revolutionsspaziergang in der Bannmeile angekommen. Grölen und Trampeln ist jetzt nicht mehr gestattet, es wird vor dem mächtigen Kanzleramt lieber geflüstert und getippelt. Nur Thum spricht klar und deutlich: Wenn die Kanzlerin endlich gestürzt und die Bananen- in eine Apfelrepublik verwandelt sei, werde Angela trotzdem einen kleinen Posten bekommen: Als erste Apfelprinzessin.
Die Polizei ist dem Klassenausflug währenddessen peinlich genau auf den Fersen. Gleich mehrere grünweiße Fahrzeuge warten vor dem Reichstag auf den schwarzen Spaßblock. Den satirischen Charakter der Klassenfahrt wollen die Sicherheitsbeamten vor dem Bundestag auch nicht anerkennen, als der Oberapfel den Klassenlehrer gibt und seine Schüler belehrt: "Wir stehen hier vor dem Heidelberger Schloss." Ob die Sicherheitskräfte über die Witzattacke nicht lachen können oder nicht dürfen - Unterapfel Sebastian Jabbusch ist sich nicht sicher: "Die haben schon ein wenig Angst", vermutet er. Immerhin sehe die Apfelfront schon ein wenig wie ein Demonstrationszug aus. Deshalb gilt als Faustregel: "Lautlos marschieren, nicht demonstrieren." Oder nur ein bisschen.
Der Apfelsturm auf den Reichstag fällt schließlich aus. Staatsmacht und Spaziermarschierer einigen sich mit diplomatischen Worten darauf, dass die Apfelfront nicht die Treppe zum Reichstag hinauf marschiert, sondern direkt zum Brandenburger Tor. Auch hier treffen sie auf besorgte Ordnungshüter - und auf entsetzte Passanten: "Das hatten wir alles schonmal", seufzt ein Tourist mit ernstem Blick. Zuvor hat Jabbusch fast genau an der Stelle, wo einst die Berliner Mauer stand, die politischen Ziele der Apfelfront verkündet: "Wir bieten Ihnen Liebe, Geborgenheit und iPods."
Der Tourist findet die markigen Versprechen alles andere als witzig: "Ich kann nicht glauben, dass das nur Spaß sein soll", empört er sich. Das Aussehen, das Vokabular, die Symbolik - viele Passanten geraten in eine argumentative Abwehrhaltung, wenn sie auf die Satiretruppe treffen. Und die hat für die optische Gleichschaltung des erstaunten Fußvolkes säckeweise Apfelfähnchen gebastelt, die sie an kleine Kinder verteilen. Die Eltern freut’s, schließlich ist so ein Apfel mächtig gesund.
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