Von Sebastian Wieschowski
Donnerstagmittag in Hamburg, immer wieder schnurrt der bärtige Kapitän seine Werberufe heraus: "Hafenrrrundfahrt, Hafenrrrundfahrt, mit Speicherstadt", posaunt er. Vor ihm hat sich eine Reisegruppe aufgebaut. Doch diese Besucher wollen keine Hafenrundfahrt. Sie fuchteln mit den Zeigefingern auf einer Stadtkarte herum, markieren Haltestellen, tauschen Handynummern aus. "Jeder nimmt eine Himmelsrichtung", ruft einer. "Lass uns Informationsketten bilden", schlägt eine andere vor.
Der Hafenkapitän ist von der Reisegruppe gar nicht begeistert. Seine Stimme brummt wie ein wüster Herbststurm: "Ihr seid wohl ganz Schlaue, nech?"
Treffer, versenkt. Denn beim Bundestreffen des Hochbegabtenvereins "Mensa" in Hamburg kommen gerade Menschen mit einem besonders hohen IQ aus ganz Deutschland zusammen. Auch die Intelligenzija will Spaß - also können die Mitglieder Musicals und Brauereien besuchen, eine "Hurentour durch St. Pauli" erleben - oder den kriminellen Bösewicht "Mister X" in der Innenstadt jagen.
Das "Scotland Yard"-Spiel an der Elbe ist eine von 80 Aktivitäten, die sich der Verein Mensa in Deutschland für seine Mitglieder ausgedacht hat. Eines haben sie alle gemeinsam: Einen Intelligenzquotienten von mehr als 130 - nur zwei Prozent aller Deutschen erreichen diesen Ausnahmewert. Eine eiserne Regel besagt allerdings, dass keiner über seinen IQ spricht. Und auch nicht über den Inhalt des Tests. Der Verein ist dezentral aufgebaut, regionale Gruppen organisieren Stammtische, Workshops oder Exkursionen.
"Ich bin hochbegabt, aber kein Wörterbuch"
Beim Bundestreffen amüsieren sich die Hochbegabten heute auch mit der Ganovenjagd. Und obwohl alle sieben Teams zusammen gegen Mister X spielen, will jeder der Erste sein, der den mobilen Bösewicht in einem öffentlichen Verkehrsmittel der Hansestadt stellt. Ingo Josopait, 30, Daniel Obermeier, 35, Christel Schulze, 48, und Susanne Müller, 50, haben sich zusammengetan. Sie sollen den Bereich um den Hauptbahnhof sichern.
Normalerweise kämpfen die hochbegabten Hobbydetektive von Team 1 nicht gegen Bösewichte, sondern eher gegen Vorurteile: "Man hört immer wieder das Gleiche. Hier sei die Elite der Gesellschaft unterwegs, reich und erfolgreich", sagt Susanne Müller, von Beruf Sekretärin. Doch tatsächlich sei bei Mensa eine Schnittmenge der Gesellschaft aktiv: "Hier gibt's sowohl diejenigen, die wirklich Großartiges auf die Beine gestellt haben, als auch Leute, die nichts gebacken kriegen", versichert Christel Schulze. Aber das Problem bleibe seit Jahren gleich: "Die Leute wissen nicht, was sich hinter dem Begriff 'hochbegabt' verbirgt." Also wehrt sich die Chorleiterin auch stets mit den selben Sätzen: "Ich bin hochbegabt, aber kein Wörterbuch."
Mister X hat die Richtung geändert, jetzt sitzt er im Bus 112 gen Südwesten. Der Ganove könnte bei den Landungsbrücken umsteigen, vermuten Christel und ihre Kollegen. Sie überlegen, welche nächsten Züge ihr Gegenspieler planen könnte, rufen befreundete Teams an, bekommen per SMS neue Positionsangaben. Schon nach einer halben Stunde kommt die Erfolgsmeldung: Team 5 hat Mister X an der Haltestelle Neuer Pferdemarkt im Stadtteil St. Pauli gestellt. Doch die Hobbydetektive haben noch nicht genug - die Jagd geht weiter, Mister X macht sich erneut auf den Weg.
Mister X kauft sich ein Fischbrötchen
Beim Jahrestreffen freut sich der Vereinsvorstand über eine Rekordbeteiligung - rund 800 Teilnehmer sind in Hamburg, im letzten Jahr waren es noch etwa 500. Mitorganisator Lorenz Steinke bekräftigt: "Die Zahl derer, die sich für eine gute Bildung interessieren und einfach Freude am Denken haben, steigt immer weiter." Ein Großteil der 6500 Mitglieder sei in den letzten Jahren hinzugekommen, nachdem zahlreiche Sender Wissenssendungen ins Hauptabendprogramm gerückt hatten. "Das Thema Hochbegabung wird stärker wahrgenommen", sagt Steinke - der Club will auch gegen die Entwicklung einer "Generation Doof" kämpfen.
Trotzdem zeigt sich bei der Real-Live-Version von "Scotland Yard" in der Hamburger City: Ein richtig guter Gauner muss nicht ernsthaft vor den Mensa-Ermittlern schlottern. Ingo, Daniel, Christel und Susanne von Team 1 fahren kreuz und quer mit U- und S-Bahn durch Hamburg, sie warten auf vorbeifahrende Busse, mustern jeden Fahrgast genau. Doch dem Ganoven kommen sie erst nahe, als der am Ende der Spielzeit einen geradezu idiotensicheren Hinweis gibt: "Mister X steigt an den Landungsbrücken aus und kauft sich ein Fischbrötchen."
Da müssen auch die Detektive vom Cleverle-Club ehrlich zugeben: Der schnelle Zugriff der Kollegen von Team 5 nach einer halben Stunde war keine Spitzenleistung von Superhirnen, sondern einfach nur Glück.
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