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15.05.2008
 

Die WG und das Geld

"Du bist ein Kapitalist"

Von Jan Friedmann

Müssen Ingenieure und BWLer mehr verdienen als Germanisten? Ist ein Mindestlohn nötig, darf man das Finanzamt austricksen? Im WG-Rat des UniSPIEGEL sprechen Studenten diesmal über Geld und Moral - und suchen nach Gerechtigkeit.

UniSPIEGEL: Heute sprechen wir über Geld. Habt ihr eure Studienfächer danach ausgewählt, was ihr damit später verdienen könnt?

Veronica: Bei mir hat das keine Rolle gespielt. Ich habe gewählt, was ich gerne machen wollte, Dolmetschen. Aber später, bei der Wahl des Jobs, kommt natürlich auf jeden Fall die Bezahlung ins Spiel.

Emmanuelle: Erst einmal habe ich geschaut, was mich interessiert. Man muss motiviert sein, um seine Arbeit gut zu machen.

Lars: Bei uns Juristen geht die Gehaltsspanne sehr weit auseinander zwischen den Top-Verdienern in den Großkanzleien und einigen selbständigen Rechtsanwälten. Natürlich möchte ich später einmal von meinem Gehalt gut leben können, eine Familie ernähren, in Urlaub fahren. Aber es gibt doch Wichtigeres als Geld.

Emmanuelle: Ich finde es ungerecht, dass beispielsweise Ingenieure mehr Geld verdienen als Geisteswissenschaftler. Das ist ja wie auf dem Markt, wo du um den Preis handeln musst.

UniSPIEGEL: Ist der Arbeitsmarkt kein Markt?

Emmanuelle: Wir sind doch Menschen. Wir können uns doch gegenseitig nicht wie Produkte behandeln und sagen, du bist so und so viel wert, je nach Studienfach. Ich weiß nicht, warum ein Ingenieur mehr bekommen soll als ein Literaturprofessor. Die Gesellschaft braucht Literaturwissenschaftler genauso wie Ingenieure.

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Leonard: Das ist eben Marktwirtschaft, das erfolgreichste Wirtschaftssystem der Welt. Der Sozialismus hat nicht funktioniert.

Emmanuelle: Aber wenn ich fünf Jahre studiert habe und du auch fünf, warum sollst du dann doppelt so viel bekommen?

Leonard: Das weißt du doch schon vorher, bevor du das Studium beginnst. Wenn es dir aufs Geld ankommt, musst du eben etwas anderes studieren als Geisteswissenschaften.

Lars: Ein Ingenieur schafft eben auch mehr Wert als ein Literaturwissenschaftler.

Emmanuelle: Hä?

Lars: Hallo, wir reden hier über Geld, also über materiellen Wert. Wie viel materiellen Wert produziert ein Literaturwissenschaftler?

Emmanuelle: Willst du heute in Geld bemessen, was Mozart für die Gesellschaft getan hat? Kannst du Musik oder Gedanken in Geld bemessen? Das ist mehr als Geld.

Lars: Das habe ich ja nie bestritten. Aber du sagst doch, dass sie genauso viel verdienen sollen, und das glaube ich eben nicht.

Leonard: Man braucht einfach eine bestimmte Anzahl von Ingenieuren, um die Probleme des Alltags zu lösen. Wenn du keine Ingenieure hast, die eine Brücke bauen, kommst du nicht über den Neckar. Wenn ich nicht weiß, wie ich das Gedicht interpretiere, warte ich eben eine Woche.

Emmanuelle: Das ist ein ungerechter Vergleich.

Leonard: So funktioniert der Markt. Und wenn ein Studieninteressent weiß, dass ein Ingenieur mehr verdient als ein Germanist, dann steht es ihm frei, Ingenieurwissenschaften zu studieren. Doch die meisten machen es nicht. Warum? Weil es vielleicht ein wenig aufwendiger ist. Ich kann die Leute nicht verstehen, die Geisteswissenschaften studieren und sich dann hinterher beklagen, dass sie zu wenig verdienen.

Emmanuelle: Du bist ein Kapitalist.

Leonard: Das sehe ich nicht als Beleidigung: Eine gewisse Freiheit muss es geben, um unternehmerisch zu handeln, auch auf dem Arbeitsmarkt. Im Übrigen habe ich mich für Astronomie entschieden, obwohl Astronomen nicht gerade reich werden.

UniSPIEGEL: Habt ihr Verständnis, wenn jemand versucht, so wenig Steuern zu bezahlen wie möglich?

Lars: Na ja, es tut schon weh, auf den Lohnzettel zu schauen, und dort ist vom Brutto die Hälfte weg.

Veronica: Italien hat einen schlechten Ruf, was die Steuermoral angeht. Viele reiche Leute versuchen, weniger Steuern zu bezahlen, als sie müssten. Das finde ich in Ordnung.

UniSPIEGEL: Schummeln ist okay?

Veronica: Es ist nicht toll, aber eine Tragödie ist es auch nicht. Es kommt auf den Betrag an.

Leonard: Ich glaube, wir müssen mal unsere Haushaltskasse überprüfen (lacht).

UniSPIEGEL: Wie finanziert ihr euer Studium?

Leonard: Ich habe eine halbe Stelle als Doktorand am Max-Planck-Institut für Astronomie und bekomme dafür rund 1000 Euro im Monat netto. Nebenbei habe ich seit acht Jahren ein Gewerbe angemeldet und mache gelegentlich EDV-Beratung. Da verdiene ich natürlich deutlich besser, in Einzelfällen einen Stundenlohn von 100 Euro.

Emmanuelle: Ich finanziere mich gar nicht (lacht). Meine Eltern bezahlen für mich. Ich arbeite nicht, möchte aber gerne Praktika machen. In meinem Heimatland habe ich einmal für eine französische Firma gejobbt und für sie Kundenanrufe entgegengenommen. Das ist aber schwer mit der Uni zu vereinbaren. Deshalb arbeiten im Senegal nicht so viele Studenten.

Lars: Ich arbeite als wissenschaftliche Hilfskraft am Max-Planck-Institut für Internationales Öffentliches Recht und Völkerrecht. Da richtet sich die Bezahlung nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes und liegt bei knapp acht Euro.

Veronica: Ich arbeite als Messehostess und als Dolmetscherin. Beim Messejob vermittelt mich eine Agentur an verschiedene Aussteller. Ich muss dann in Kostüm, Blazer und hohen Schuhen dastehen und lächeln.

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