Von Jan Friedmann
UniSPIEGEL: Welcher Stundenlohn ist für einen Studentenjob angemessen?
Veronica: Gut sind 11 Euro pro Stunde, sehr gut sind 15 Euro pro Stunde. Ich finde, dass in Deutschland Studentenjobs relativ gut bezahlt sind. In Italien habe ich fürs Kellnern nur so sechs, sieben Euro bekommen.
Lars: Bei einem reinen Geldverdienjob, wie ihn Veronica als Messehostess macht, finde ich zehn Euro okay. Wenn man wissenschaftliche Sachen nebenbei macht an der Uni oder einem Institut, hat man andere Absichten, und dann ist die schlechtere Bezahlung in Ordnung. Insgesamt sind die Studenten hier in Heidelberg schon recht verwöhnt, was die Bezahlung für Jobs angeht. In Mecklenburg-Vorpommern, wo ich herkomme, ist oft wesentlich weniger zu holen.
UniSPIEGEL: In der Politik wird gerade wieder die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns diskutiert. Was haltet ihr von dem Vorschlag?
Leonard: Der Mindestlohn ist ein Kampfthema des sehr linken Parteienspektrums ...
UniSPIEGEL: ... immerhin treten auch weite Teile der SPD dafür ein.
Leonard: Ich sagte ja, ein Kampfthema des sehr linken Parteienspektrums (lacht). Ich kann verstehen, wenn die Politik sicherstellen will, dass die Menschen durch ihre Arbeit auch wirklich Geld verdienen. Es ist eine Schande, wenn jemand Vollzeit arbeitet und dennoch keine Familie ernähren kann. Ich glaube aber nicht, dass ein verbindlicher Mindestlohn solche Armut verringern würde.
UniSPIEGEL: Warum nicht?
Leonard: Das zur Verfügung stehende Geld vermehrt sich ja nicht. Wenn sich in einem kleinen Friseurbetrieb das Haareschneiden verteuert, weil die Angestellten statt fünf Euro acht Euro bekommen, gehen die Leute eben weniger zum Friseur oder lassen sich die Haare von Bekannten schneiden. Dann muss der Friseur die Leute entlassen, denen er zuvor den Mindestlohn bezahlt hat.
Lars: Mit dieser Furcht stehst du in Europa weitgehend alleine da. Ich habe gelesen, dass fast überall Mindestlöhne gelten außer in Skandinavien, wo die Gewerkschaften sehr stark sind und es deshalb nicht notwendig ist. Als ich ein Praktikum in Paris gemacht habe, habe ich mit französischen und griechischen Freunden über den Mindestlohn gesprochen. Denen war absolut nicht zu vermitteln, dass wir hier in Deutschland keine Grenze nach unten haben.
Emmanuelle: Ich wusste gar nicht, dass Deutschland auf einen Mindestlohn verzichtet. Ich kann das nicht verstehen, selbst im Senegal haben wir einen Mindestlohn. Das ist doch ein wichtiger Schutz für die Arbeiter. Ohne Mindestlohn wirst du vom Arbeitgeber ausgebeutet. Der kann dich unter Druck setzen, eine mies bezahlte Arbeit anzunehmen. Im Kapitalismus ist es doch so, dass der Arbeitgeber immer mehr Profit haben will.
Veronica: Ich sehe die Gefahr, dass die Schwarzarbeit zunimmt. Wenn ein Besitzer eines Restaurants mehr bezahlen muss, als er eigentlich kann, dann beschäftigt er die Leute eben schwarz. Prinzipiell bin ich aber schon für einen Mindestlohn.
Leonard: Die Problematik beim Mindestlohn ist doch: Entweder wird er sehr niedrig angesetzt, dann ist er wirtschaftlich ungefährlich, aber auch wirkungslos, oder er ist einigermaßen hoch und wirkungsvoll, aber dann gefährlich. So wie es bei den Briefzustellern gelaufen ist, war es jedenfalls schlecht. Da hat die Deutsche Post die Klausel benutzt, um Konkurrenten auszuschalten.
Lars: Ich bin auch der Meinung, dass es bei der Post schlecht gelaufen ist. Da wurde der Wettbewerb erstickt. Noch dramatischer ist aber, wenn Menschen, die arbeiten, unterhalb der Armutsgrenze leben müssen.
Emmanuelle: Für mich war es wirklich ein Schock, als ich hier Obdachlose auf der Straße gesehen habe, das hätte ich nicht erwartet. Es ist doch paradox, dass ein Land gleichzeitig die wirtschaftliche Lokomotive Europas ist und so viele Arme hat.
Veronica: Es ist wie in Italien: Es gibt immer mehr Reiche und immer mehr Arme. Ich fände es gut, wenn die Mittelschicht gestärkt würde.
Lars: Besonders fragwürdig wird es, wenn einige angestellte Top-Manager, die anderer Leute Geld ausgeben, es sich gehaltsmäßig sehr gut gehen lassen und gleichzeitig ihre Angestellten auffordern, im Interesse des Gemeinwohls zurückzustecken.
Leonard: Wenn ein Manager auf eine Million verzichtet, bekommt deshalb kein Arbeiter einen Cent mehr. Dann macht das Unternehmen eben mehr Gewinn, und es kassieren die Eigentümer.
UniSPIEGEL: Und die Moral?
Leonard: Sicherlich ist es unmoralisch, wie viel Manager teilweise verdienen. Andererseits muss man eben sehen, dass gute Manager auch Geld kosten, weil sie Gewinne erwirtschaften. Wenn sie das nicht bekommen, gehen sie eben zu einem anderen Unternehmen in Großbritannien oder den USA.
UniSPIEGEL: Erwirtschaftet der Arbeiter am Band nicht ebenso den Gewinn wie der Manager?
Leonard: Klar. Eine Gewinnbeteiligung der Arbeiter und Angestellten ist ja auch eine sinnvolle Sache.
UniSPIEGEL: Ein erfahrener Banker kann seine Gehaltsvorstellungen auch durchsetzen, weil er wenig Konkurrenz hat. Demgegenüber ist der Bandarbeiter eher austauschbar.
UniSPIEGEL: Ist es gerecht, dass Akademiker meist besser verdienen als Nichtakademiker, zum Beispiel der Arzt gegenüber der Krankenschwester?
Leonard: Assistenzärzte arbeiten teilweise bis zum Umfallen und werden dafür schlecht entlohnt. Insgesamt gesehen verdienen Akademiker natürlich besser. Sie haben dafür auch auf einige Jahre Einkommen verzichtet während des Studiums, das müssen sie aufholen.
Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Jan Friedmann
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