"Ui, du bist ja ein kleiner Ossi." Mir gegenüber steht einer meiner neuen Kommilitonen. Gerade haben wir noch mit einem Bier auf unser Studium angestoßen. Jetzt schaut er mich an, als ob er einer neuartigen Spezies gegenübersteht. Dann fängt er an zu lachen. Ich bin verwirrt, weiß nicht, wie ich reagieren soll. Stumm nippe ich an meinem Bier.
Ein paar Tage vorher saß ich noch in Dresden auf gepackten Umzugskisten. Ich freute mich auf mein Studium der Politikwissenschaft, auf Bremen, auf neue Leute. Ich verschwendete nie einen Gedanken daran, dass meine Herkunft ein Thema sein könnte oder ich mich gar dafür rechtfertigen müsste. Warum auch? Ich war drei Jahre alt, als die DDR aufhörte zu existieren. Deren verstaubte Überreste lagern auf unserem Dachboden und sind für mich so fremd wie die Diskussion über Charaktereigenschaften, die sich nach Himmelsrichtungen definieren. So schüttelte ich nur den Kopf, als mir ein Freund erklärte, dass ich es doppelt schwer haben werde in Bremen: "Norddeutsche Wessis. Komplizierte Leute."
Mein Gegenüber hat sich mittlerweile wieder beruhigt und klopft mir auf die Schulter. "War doch nur Spaß." Ich lächle gequält. Plötzlich steht neben mir ein weiterer Typ, ein Badener. Er strahlt mich an: "Schwätz mal ein bissel Sächsisch." Bevor ich etwas sagen kann, versucht er es selbst. Der reinste Horror. Ich trete die Flucht an.
Siehe da: It's a Zoni!
Ein paar Tage später sitze ich auf der Couch einer Freundin, mit der ich gemeinsam von Dresden nach Bremen gezogen bin. Sie ist genervt. Ihr Mitbewohner bespaßt sich regelmäßig selbst, indem er von ihr den Solidaritätszuschlag zurückfordert. Einmal hat er ihr sogar einen Brief in die alte Heimat geschickt, der an den "Ossi" gerichtet war. "Mein Vater fand das gar nicht lustig", stöhnt sie.
Vor kurzem wurde sie auf einer Party gefragt, ob es denn stimme, dass es im Osten noch Plumpsklos gebe. Ihr fehlten die Worte. Dann sprach sie jemand auf den Ring an ihrem Finger an. Doch bevor sie antworten konnte, erklärte ihr Gegenüber. "Ach ja, im Osten sind die Frauen ja ganz schnell verheiratet und bekommen Kinder."
Nach diesem Spruch traf ihn ein Schwall Apfelsaftschorle. Und sie ging. "Das hätte ich nicht gedacht", wiederholt sie immer wieder. Ich erkläre ihr, dass es überall solche Idioten gibt. Der nächste begegnet mir prompt am nächsten Tag in der Mensa. Er fragt mich, wo ich herkomme. "Dresden", sage ich. "Ah, Dunkeldeutschland", antwortet er. "Zone", urteilt ein anderer.
Während einer Vorlesung spricht unser Professor vom Osten als entwicklungsschwacher Region. "Die wählen dort ja auch alle die NPD", ruft jemand von hinten. Und wieder wird gelacht. Ich verdrehe genervt die Augen. "Wir sind ja auch alle Nazis", murmle ich. Als eine Dresdner Band in Bremen auftritt, werden sie gleich als meine "Genossen" bezeichnet. Meine Herkunft hat sich zu einem Running-Gag entwickelt. Wer kann darüber nicht lachen? Nur ich. "Ach Mensch, du darfst das doch nicht so ernst nehmen. Da musst du drüber stehen. Das ist doch nur Spaß", wird mir immer wieder erklärt.
Dummes Getröte statt subtiler Humor
Ehrlich gesagt hätte ich Politikstudenten einen feineren Sinn für Humor zugetraut. Einen, bei dem es nicht darum geht, andauernd mit Vorurteilen auf andere einzudreschen. Denn das ist das Letzte, was man von Leuten erwartet, die sich auf Demonstrationen schützend vor Werte wie Toleranz und Respekt stellen oder ein Jahr im Ausland verbracht haben.
"Die Polen klauen Autos, die Muslime sind Terroristen." Solche Worte würden ihnen nie über die Lippen kommen, sie fänden sie auch nicht lustig. Nun sind das Vorurteile verschiedener Tragweite, aber sie haben die gleiche Ursache: Unwissenheit.
Fragen haben sie viele, vorzugsweise solche:
Mittlerweise sind die dummen Fragen den dummen Sprüchen gewichen. Sie machen deutlich, wie wenig meine Wessi-Kommilitonen eigentlich vom Osten wissen. Klar, aus dem Geschichtsunterricht kennen sie: Mauer, Pioniere, Trabbis, Stasi. In den Zeitungen ist von prügelnden Nazis, hoher Arbeitslosigkeit und Wendeverlierern zu lesen. Aber viele westdeutschen Studenten waren noch kein einziges Mal in Ostdeutschland, um sich selbst ein Bild zu machen. Die meisten denken gar nicht daran, dort zu studieren. Und wenn, dann nur, um keine Studiengebühren bezahlen zu müssen.
Etwas hat sich geändert: Ich bin jetzt eine Art Missionarin. Und damit beschäftigt, den arroganten Wessis Toleranz für die Leute beizubringen, die nur ein paar hundert Kilometer entfernt wohnen. Selbst den Mitbewohner meiner ostdeutschen Leidensgenossin konnten wir bekehren. Ganz im Vertrauen hat er ihr gestanden, das er sie gar nicht mehr nur als Ostdeutsche sieht. "In meinen Augen ist das ein großes Kompliment."
Na bravo. Ein paar Wochen später zieht sie aus. Aber nur um eine neue WG einzuziehen. Denn eines ist sicher: So leicht lassen wir uns nicht vertreiben. Wir bleiben hier.
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Und wieviele Bürger der BRD sind der Meinung selbige sei eine Demokratie? Wie war das mit dem Balken und dem Auge?^^ mehr...
Ich wollte lediglich auf das vielbeschriebene Thema hier im Forum Rechts in Ostdeutschland kurz eingehen. Natuerlich wird ueber Politische Probleme im gesamten gesprochen. Gruesse mehr...
So ist es. mehr...
Huhu, also als Dresdner bekomm ich das Thema Rechts eher weniger mit. Ich denke eher das in Dresden die Linke Fraktion mehr vertreten ist. Sieht man oft wenn man sich in der dresdner Neustadt rumtreibt. Wenn sich Dynamo [...] mehr...
... wie ist das denn mit dem Thema Links, wird das dann auch als gesamtdeutsches Thema diskutiert, oder doch eher als Ostdeutsches ? mehr...
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