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11.05.2008
 

Filmwettbewerb

Wenn das Philosophie-Seminar kreativ wird

Von Simon Wolf

Kann man sich den großen Fragen der Geisteswissenschaften mit filmischen Mitteln stellen? Dazu lud eine Gruppe von Doktoranden ein - beim Videowettbewerb "Ich bin im Bilde!" suchten Amateure wie Profis mit hundert Beiträgen eine neue künstlerische Sprache.

Ein Bäcker steht in seiner Backstube. Teig kneten, Blech einfetten, Brötchen einschneiden - und ab damit in den Backofen. Da erfasst ihn eine musikalische Inspiration. Aus melodischen Splittern entwickelt sich ein sinfonischer Klang. Der Bäcker streut hastig Mehl auf den Boden, notiert darin die Töne. Und doch ist die Komposition nur für den Moment festgehalten, wie das Ende des Kurzfilms zeigt.

"Stille" heißt der poetische Film über das Bäckergenie. Und er ist frisch preisgekrönt - mit der Bronzemedaille einer Fachjury. Das Videoportal "Ich bin im Bilde!" richteten die Doktoranden Birgit Wertenson und Andreas Kohlmann mit dem Medienmacher Marc Wallowy im vergangenen Jahr ein und schrieben zudem den Wettbewerb aus. Im "Jahr der Geisteswissenschaften 2007" zählten sie ihrerseits zu den Preisträgern des vom Bundesbildungsministerium ausgeschriebenen Wettbewerbs "Geist begeistert".

Entstanden ist das Videoprojekt aus einer Initiative im Promotionsnetzwerk Thesis. "Wir wollten auf eine neue Art für geisteswissenschaftliche Fragen begeistern und haben auf das bewegte Bild, nicht allein auf das Wort gesetzt", sagt Birgit Wertenson. Kultur- und Wirtschaftwissenschaftler Andreas Kohlmann ergänzt: "Unser Projekt passt gut in die Postmoderne, denn mit den Kategorien des Wettbewerbs geben wir klare Regeln vor, gleichzeitig engen wir niemanden ein."

Erster Preis für "Die vergessene Brigade"

Mit fast hundert Filmen ist die Resonanz bei "Ich bin im Bilde!" beachtlich. Es gab Preise des Publikums und von der Jury. In der Klickstatistik der Portalbesucher machte "Spieltriep" von Dave Lojek das Rennen, zusammen mit "Klamotten aus und lächeln bitte" von Christian Asbach. Der Berliner Filmemacher und seine Gruppe "Kolloquium Produkt und Raum" waren mit gleich vier Beiträgen dabei, die allesamt beim Publikum gut abschnitten.

Die sechsköpfige Fachjury entschied sich für "Die vergessene Brigade" als Gewinner, ein Projekt der Kölner Filmemacherin Helga Bahmer. Jurorin Annette Brauerhoch lobt vor allem die "Vorzüge einer klassischen Dokumentation: Schnörkellos und geradlinig stellt der Film die Alltagsbeobachtung einer Wohngemeinschaft in einer Plattenbausiedlung in Schwerin dar." Den zweiten Preis erreichte erreicht der Kurzfilm "Cliché" der Filmerin Hannah Fitsch, eine schnell geschnittene filmische Collage.

Klickt man sich weiter durch die neun Kategorien des Wettbewerbs, entdeckt man Beiträge, die aus der Kreativsitzung eines Philosophieseminars stammen könnten: "Anthropologie im Spannungsfeld von Wurst und Religion" zum Beispiel oder "Das Modell Mensch". Wenn die Autorin Barbara Davids in "Ma (Wasser)" die türkischen Mädchen Ayaat und Hanaan über ihr Leben in Deutschland berichten lässt, scheinen dagegen aufklärerische Ambitionen und dokumentarischer Charakter durch.

Studentenbude als Reflexionsbühne

Juror Detlev Gericke-Schönhagen, der im Goethe-Institut den Bereich Film, Fernsehen, Hörfunk leitet, ist überzeugt, dass das Filmportal "Ich bin im Bilde!" die neue Mitmachkultur im Internet qualitativ voranbringe: "Man bewegt sich weg vom Fernsehen und hin zu den Plattformen des Web 2.0." Bei den Produzenten entstehe zugleich ein neues Selbstbewusstsein.

Der Videowettbewerb bringt eine erfrischende Mischung von Beiträgen zusammen: Kreative Filmideen werden mit einfachsten Mitteln umgesetzt, Amateurwerke stehen neben professionellen Kurzfilmen, und von der Animation über Collagen bis zu langen, ungeschnittenen Kamerafahrten ist alles erlaubt. Neben überraschenden Ideen trägt auch das gefilmte Umfeld zum Charme der Beiträge bei: Die Studentenbude wird zur Bühne der geisteswissenschaftlichen Reflexion.

Bei einigen Filmen schleicht sich mit der Zeit ein Ironieverdacht ein, andere lassen den Betrachter an todernsten Reflexionen über das Wesen des Menschen und den Sinn des Daseins teilhaben. Erklärte Absicht des Videoportals ist es, in kurzen Beiträgen zur Auseinandersetzung mit den großen Fragen anzuregen. Mehr als einer der Filme endet mit einem Aha-Effekt - man kann über alles filmen, nur nicht über vier Minuten.

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