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17.06.2008
 

Blödeltalente

Die Campus-Komiker

Von Dominik Stawski

Otto, Tom Gerhardt, Erkan & Stefan: Einer will erfolgreicher blödeln als der andere, studiert haben sie alle. Also lohnt ein Blick in die Hochschulen, wo junge Komiker ihre Gags an schmerzfreien Mitstudenten erproben. Vielleicht übt dort schon der nächste Top-Comedian.

Ein kleines Wohnzimmer in Siegen mitten in der Nacht. David Werker, 25, montiert die Videokamera, die er an der Universität ausgeliehen hat, auf das Stativ, drückt auf den roten Knopf und legt los: "Wenn meine Mutter mit der Computermaus einen Doppelklick macht, puh, in der Zeit zwischen den Klicks, da habe ich ja ein ganzes Referat ausgearbeitet." Ein schelmisches Grinsen, dann holt Werker Luft für den nächsten Spruch. "In ein paar Jahren ist meine Mutter auch eine von diesen Omas, die, quasi am 'Klosterfrau Melissengeist' erblindet, vollkommen stoned quer über die vierspurige Straße in der Innenstadt latschen." In diesem Stil blödelt der Student vier Minuten lang vor laufender Kamera - und produziert so im Januar 2006 seine erste Arbeitsprobe als Comedian.

Viele seiner Pointen sind erwartbar, oft hat er ein schlechtes Timing, außerdem ist das Bild vor der kahlen Wand miserabel ausgeleuchtet. Aber manchmal ist er richtig witzig. Werker, Student der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften, hat jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er das Zeug zum Komiker hat.

Ein gewisses Talent erkennen auch die Profis. Ein Jahr nach der einsamen Wohnzimmervorstellung durfte Werker mit TV-Comedian Thomas Hermanns, 45, auf die Bühne des Berliner "Quatsch Comedy Clubs". Die Nachwuchsspäher der Berliner Comedy-Fabrik sahen Werkers Video und luden ihn zu ihrer monatlichen Talentshow ein. "Die Figur des Studenten ist in der deutschen Comedy noch nicht besetzt. Wenn David hart arbeitet, könnte er diese Lücke füllen", sagt Hermanns, der Stand-up-Comedy nach angelsächsischem Vorbild in Deutschland populär gemacht hat.

"Bitte nicht die ollen Klischees aus den Siebzigern"

Die Konkurrenz im Ringen um den Job als witzigster Student Deutschlands ist jedoch beträchtlich. Denn Werker ist nicht der Einzige, der blödelt: Die offenen Bühnen in Berlin, München, Köln oder Hamburg sind voll mit Jungakademikern, die unbezahlt Zoten reißen.

Um bekannt zu werden, stellen sie ihre selbstgedrehten Videos ins Internet, nutzen dort Plattformen wie "Lost on Stage" oder "MySpass", die den Produktionsfirmen als Bewerbungsportale dienen. Die Themen der Uni-Comedians sind häufig dieselben: Sprüche über die obligatorische Kiffer-Ecke auf jeder Studentenparty, leidige Besuche bei den Eltern, das Chaos in der WG. Thomas Hermanns, der selbst Theaterwissenschaften studiert hat, warnt davor: "Wir brauchen was Neues, nicht die ollen Klischees, die es ja schon seit den Siebzigern gibt."

David Werkers Programm beim Nachwuchswettbewerb kam an. Zwar war er nervös, als er zum ersten Mal die Bühne betrat und ihn Hunderte Berliner Comedy-Fans erwartungsvoll anstarrten. Aber das Publikum musste lachen, als er von seiner Uni-Stadt erzählte: "Vorsicht vor Siegen", warnte er. "Bei Google Earth sieht man, dass dort auf jedem zweiten Haus 'Help' steht". Dann zog er wieder seine Mutter durch den Kakao, lästerte über langweilige Referate, seine kleine Wohnung und über seine schmächtige Statur. "Wenn über mir gestaubsaugt wird, muss ich mich am Tisch festhalten."

Show über ein trockenes Marketingthema

Sprüche, mit denen er den Wettbewerb schließlich gewann. Quatsch-Comedy-Chef Hermanns ist immer noch begeistert von dem Siegener Studenten: "So einen brauchen wir", sagt er.

Der Mainzer Akademiker Tobias Mann gehört jetzt schon zu den bekannten Größen im Geschäft. Der 31-Jährige promoviert in Betriebswirtschaftslehre mit dem Thema "Humor als Marketing-Instrument", die meiste Zeit treibt er sich aber als Comedian im Fernsehen und auf Theater- und Festzeltbühnen herum. Mal rappt er Goethes "Faust", dann spottet er über die Männer der "Generation Weichei". Mit seinen Auftritten hat er zahlreiche Preise eingefahren. Kenner der Szene prophezeien ihm eine glorreiche Zukunft.

Seine Laufbahn als Comedian begann er kurz nach dem Studium, weil er keine Lust auf das Angestellten-Dasein hatte: "Morgens um sieben raus, abends um zwölf wieder heim. Für was arbeiten die? Ich sehe jeden Abend lachende Gesichter. Das ist was!" Der junge Absolvent, der schon als Kind auf den Mainzer Karnevalsbühnen unterwegs war und später mit Freunden eine A-cappella-Gruppe gründete, ging seinen Weg. Dass er jetzt Profi-Comedian sein kann und nebenbei über Humor eine Dissertation schreibt, verdankt er seinem Doktorvater Oliver Heil.

Der lernte Tobias Mann in einem seiner Kurse kennen. Der BWL-Student hielt einen Vortrag über "Möglichkeiten der Präferenzmessung" - ein wahrlich trockenes Marketing-Thema, aber er machte eine Show daraus.

"Die Leute haben sich in die Hose gepinkelt", erinnert sich Professor Heil, der selbst eine rheinische Frohnatur ist und aus dem Witzesammeln ein Hobby gemacht hat. "Der Inhalt stimmte, und der Vortrag war einfach heiß", sagt der Professor. Sie einigten sich auf ein Thema für die Diplomarbeit: Humor in der Werbung. Mann schloss sie mit 1,0 ab. Dann bekam er die Promotionsstelle, und wenig später startete er seine Comedy-Karriere.

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