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18.07.2008
 

Homosexuelle in China

Liebe unter Genossen

Von Nadine Diehl

Die junge Szene erwacht langsam, aber schwul oder lesbisch zu sein, bleibt in China ein Tabuthema. Oft wissen nur enge Freunde davon, nicht einmal die Eltern. Manche junge Chinesen wählen die Hetero-Scheinehe als Notausgang - oder denken ans Auswandern.

"Wenn du in China schwul bist, läuft das Sexualleben meist im Untergrund ab", sagt Jacky Wang, 28. "Es sei denn, du bist in einer festen Beziehung." Der Uni-Absolvent aus Shenzhen im Südosten Chinas lebt in einer der chinesischen "Gay Capitals". In diesen Großstädten gebe es mehr Offenheit gegenüber Homosexualität und Schwulenbars, viele Eltern akzeptierten hier die Sexualität ihrer Kinder.

Von Jackys Neigung allerdings wissen nur seine engsten Freunde, seine Eltern nicht. "Meine Eltern und Großeltern würden das nie verstehen. Sie würden mich fragen: 'Warum kannst du keine Mädchen lieben, warum nur Männer?'", sagt er. "Für die ältere Generation ist Homosexualität eine Krankheit, einfach abnormal."

Die Situation für Homosexuelle in China ist heute so wie in Deutschland noch vor Jahrzehnten. In einem der speziellen Nachtclubs reicht manchmal schon ein Augenzwinkern oder ein Lächeln, dann verschwinden sie in die Nacht, in öffentliche Parks, Waschräume und Saunen. Oder Schwule und Lesben suchen Kontakte im Chat und in Online-Partnerbörsen. Die neue Generation homosexueller Chinesen ist selbstbewusst. Kampfbereit ist sie deshalb noch lange nicht.

Unter Mao galt Homosexualität als Krankheit

Maimai Song hat sich geoutet. Seine Eltern seien zwar nicht begeistert von seiner Vorliebe für Männer, aber sie akzeptierten es. "Ich meine, welche Wahl haben sie? Wenn sie dich lieben, können sie es nur akzeptieren", sagt er. "Sie können dich ja nicht verstoßen." Maimai merkte mit 15 Jahren, dass er schwul ist, bekannt hat er sich dazu mit 22. Das lief nicht immer reibungslos. Als er einem alten Freund davon erzählte, rastete der völlig aus. "Er wollte mich töten. Ich rief die Polizei, doch die sagte, sie könne nichts tun", erzählt er aufgebracht. "Er müsse mich erst verletzen oder umbringen." Noch heute rede dieser Freund ihm ein, dass Maimai an seiner Sexualität etwas ändern könne - er sei einfach nur psychisch gestört.

Erst vor sieben Jahren rang sich die Vereinigung chinesischer Psychiater dazu durch, Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen. Dabei war literarischen Überlieferungen zufolge im alten Kaiserreich gleichgeschlechtliche Liebe weit verbreitet. Erst unter Mao wurde Homosexualität zur Krankheit und sogar zum Verbrechen degradiert.

Noch in den neunziger Jahren glaubten chinesische Ärzte, Schwule mit Hilfe von Elektroschocks und Brechmitteln kurieren zu können. Aufzeichnungen über organisierte, staatliche Verfolgung gibt es aus der Zeit Maos nicht - zu dieser Zeit existierte Homosexualität offiziell kaum. Schwule Männer heirateten einfach eine Frau, lebten ihre Sexualität im Verborgenen aus oder unterdrückten sie.

Manchmal bringt nur eine Scheinehe die Freiheit

Das ist noch heute so. Der Berliner Sinologe Jens Damm sieht dafür einen weiteren Grund: "Wenn man erst mal aus dem elterlichen Rahmen geflohen ist, und sei es durch Heirat, dann stehen ganz neue Wege offen", sagt Damm. "Es gibt schließlich immer noch die Möglichkeit der Scheidung, gleichzeitig hat man es geschafft, dem elterlichen Einfluss zu entkommen." Durch Scheinehe kann man sich der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen, für manche das Ticket zu einem selbstbestimmten, schwulen Leben.

Franco Lai von der Hongkonger Homosexuellenorganisation Rainbow of Hong Kong, seit Jahren in einer festen Beziehung, würde niemals einen Mann heiraten, nur um ihre Eltern zufrieden zu stellen. Heute ist sie 30. Mit 15 erkannte sie, dass Jungs sie nicht interessieren. "Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie man das nennt, was da in mir vorgeht", erinnert sich Franco kichernd. "Aber ich wusste, dass ich auf Mädchen stehe, diese Leidenschaft war offensichtlich." Bevor sie ihr Studium begann, stieß sie auf das Buch "Discourse of Tongzhi". "Tongzhi" heißt Genosse oder Kamerad und ist in China eine Bezeichnung für Schwule und Lesben. Das Buch wurde zu Francos Bibel. Fortan akzeptierte sie ihre Sexualität.

Wie Franco Lai damals geht es heute vielen Jugendlichen, vor allem auf dem Land. Sie haben keinen Namen für dieses seltsame Gefühl. Oft finden sie im Internet zu ihrer Identität, verschweigen aber die eigene Sexualität auch danach. Öffentliche Diskriminierung hält sich in den Großstädten zwar in Grenzen - aber Homosexualität bleibt meist im Verborgenen.

"Hauptsache, die Polizei lässt uns in Ruhe"

Anders als in der ehemals britischen Wirtschaftsmetropole Hongkong und im von China beanspruchten Inselstaat Taiwan gibt es auf dem Festland nicht einen offen homosexuellen Schauspieler. "Wer Karriere machen will, sollte seine Vorliebe besser geheim halten", sagt Sinologe Damm. Das kennt Franco Lai auch aus Hongkong. Sie hatte an ihrer Uni eine Studentenorganisation für Homosexuelle gegründet. "Einmal verteilte ich vor der Turnhalle Flyer für eine Informationsrunde. Als ich danach in den Umkleideraum ging, starrten mich alle Mädchen total angewidert an und fingen an zu tuscheln", erzählt sie. "Ich fühlte mich so hilflos."

Und später fragte eine Chefin sie beim Vorstellungsgespräch, "warum ich keine weiblichen Kleider trage und ob ich ein maskulines Image als für die Karriere hinderlich erachte", erinnert sich Franco. "Sie sprach nicht ungehobelt zu mir, aber ihre Fragen waren voller Ignoranz." Den Job bekam Franco nicht. Von ihrem Kampf für mehr Akzeptanz ließ sie sich trotzdem nicht abbringen.

Nur wenige Chinesen setzen sich aktiv für ihre Rechte ein. Auf dem chinesischen Festland gibt keine offizielle Schwulen- oder Lesbenorganisation. Ein Ministerium müsste die Gründung absegnen; eine homosexuelle Vereinigung würde die Regierung nie zulassen. Selbst einmalige Großveranstaltungen scheitern. So verbot die Pekinger Universität vor drei Jahren einer Gruppe von Studenten ein Gay Film Festival.

Doch es gibt auch positive Signale: 2005 bot in Shanghai eine chinesische Universität erstmals ein Seminar über Homosexualität an. Letztes Jahr feierte die erste wöchentliche Live-Internet-Show mit dem Titel "Tongxing Xianglian" ("Schwule verbinden") Premiere, und auch in anderen Medien taucht das Thema immer öfter auf.

Den Konfrontationskurs scheuen die meisten homosexuellen Chinesen dennoch, vielen sind auch Rechte wie Ehe und Adoption einfach egal. So reicht es Jacky schon, sich persönlich nicht eingeschränkt zu fühlen: "Ich brauche vor nichts Angst zu haben. Die Polizei lässt uns in Ruhe. Und ich muss es ja nicht jedem auf die Nase binden." Momentan begnügt Jacky sich noch mit Gelegenheitsbeziehungen aus Chatrooms. "Falls ich doch irgendwann heiraten möchte, haue ich einfach aus China ab", sagt er schmunzelnd. "Das ist einfacher, als die Meinung von 1,3 Milliarden Menschen ändern zu müssen."

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