"Einen schönen guten Abend" wünscht mir die junge Dame im Hosenanzug, die lächelnd im Foyer der Jugendherberge Speyer steht. "Kommst du auch zum Auswahlseminar der Studienstiftung?" Während ich bedächtig nicke und noch rätsele, ob es wohl die Seminarleiterin ist, erzählt sie schon mit künstlicher Begeisterung, wie "wahnsinnig interessant" ihr Medizinstudium sei und wie sehr sie sich auf dieses "tolle Wochenende unter so vielen schlauen Leuten" freue.
Zunächst erscheint es mir wie die Personifizierung aller Stipendiaten-Klischees. Aber das bleibt zum Glück eine Ausnahme während dieses Auswahlwochenendes von Deutschlands größtem und bekanntestem Begabtenförderwerk. Die Studienstiftung des deutschen Volkes lädt zu bundesweit 180 dieser Veranstaltungen pro Jahr jeweils 48 Bewerber ein und prüft ihre Eignung.
Schon die Einladung darf man durchaus als kleine Auszeichnung verstehen. Denn bei der Studienstiftung kann man sich, anders als bei den großen partei- und kirchennahen Förderwerken von der Ebert-Stiftung bis zum Cusanuswerk, (noch) nicht selbst bewerben, sondern braucht einen Vorschlag vom Direktor eines Gymnasiums oder von einem Professor.
Alles betont spielerisch
Dabei sein längst nicht alles. Das stellt die Seminarleiterin in ihrer Begrüßungsrede gleich mal klar: "Auch wenn unsere Finanzlage momentan sehr gut ist, werden wir nach diesem Wochenende leider nur etwa jeden Dritten von Ihnen in die Stiftung aufnehmen können." Übermäßiges Konkurrenzdenken entfacht diese Ankündigung bei der Mehrzahl der Teilnehmer allerdings nicht.
"Ich sehe das Ganze eher spielerisch. Wenn's klappt, tolle Sache, wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm", sagt Paul. Mit seinen Studienfächern Geschichte und Sport zählt er neben den zahlreichen angehenden Medizinern, Physikern und Ingenieuren zu den etwas belächelten Exoten, genau wie ich mit Hispanistik und Germanistik.
Überhaupt verläuft die Kneipentour, zu der sich ein Großteil der Gruppe am ersten Abend trifft, in einer erstaunlich entspannten und angenehmen Atmosphäre. Fast jeder hat ein paar interessante Geschichten aus seinem Leben abseits von Schule oder Universität zu erzählen - ob Zivildienst in Nicaragua, Praktikum in Peking oder zwei Oberstufenjahre an einer internationalen Schule in Westindien. Die meisten Teilnehmer sind gute Gesprächspartner und passen auch gut ins Profil der Studienstiftung, die von ihren Stipendiaten neben exzellenten Noten eine gehörige Portion Engagement und Weltoffenheit erwartet.
"Isch doch echt locker hier, gell?"
Die Nacht im Viererzimmer ist kurz, nur aus Rücksicht auf meine Bewerbung verdränge ich Meuchelgedanken wegen schnarchender Stubenkollegen. Der Auswahlmarathon beginnt am frühen Samstagmorgen: Sechs Gruppendiskussionen plus zwei Einzelgespräche mit Mitgliedern der Auswahlkommission muss jeder Bewerber nach einem komplizierten Zeit- und Raumschlüssel am Wochenende absolvieren. Gerade über die beiden 40-minütigen Gespräche kursieren schon am Vorabend zahlreiche Schauergeschichten mit sadistischen Philosophieprofessoren oder Fragen zum Bruttoinlandsprodukt von Montenegro.
Auskunft über ihre Bewertung dürfen die Prüfer nicht geben. Das macht das Verfahren nicht transparenter, führt aber zu den schönsten Spekulationen unter den Bewerbern. Die Gesprächsatmosphäre beschreiben dabei fast alle als so "ausgesprochen locker", dass Christian, ein dauerfröhlicher Alemanne, der Entspanntheit halber gleich in Birkenstocks ins nächste Gesprächzimmer marschiert: "Isch doch echt locker hier, gell?"
Höflich bis zur Heuchelei
Bei den Diskussionen in Sechsergruppen muss jeder Teilnehmer ein zehnminütiges Referat zu einem beliebigen Thema halten, das anschließend noch Stoff für 20 Minuten möglichst kontroverse Debatte hergeben soll. Der beobachtende Prüfer, bei uns ein SAP-Manager, bewertet weniger den Inhalt der Referate als vielmehr das Gesamtverhalten. Darum geben sich alle Teilnehmer höflich und engagiert bis an die Grenzen der Heuchelei: "Alex, möchtest du nicht auch mal was dazu sagen?"
Es geht um Künstliche Intelligenz, den NATO-Einsatz in Afghanistan, die Präimplantationsdiagnostik. Da ist es dann um die Höflichkeit einiger Teilnehmer geschehen. "Du würdest keine Organe spenden, weil dein Körper kein Ersatzteillager ist, aber die Züchtung von Embryonen findest du okay? Das ist doch echt das letzte, Frank", ereifert sich Medizinstudentin Julia. Erschrocken über so viel offene Kritik schlägt sie sich die Hände vor den Mund und blickt hinüber zum vergnügt grummelnden und eifrig kritzelnden Prüfer.
"Scheiß drauf, wenigstens war's authentisch", meint sie hinterher grinsend. Die meisten sitzen wieder beim gemeinsamen Bier und sind froh, dass es nach den ganzen angestrengten Diskussionen wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht: "Alter, Hoffenheim hat schon wieder gewonnen, gibt's doch gar nicht."
Am Sonntag folgt auf eine letzte Gruppendiskussion das zweite Einzelgespräch. Diesmal führe ich es mit einer "fachspezifischen Prüferin". Die Germanistikdozentin wirkt recht jung, das erfrischende Gegenteil des etwas greisen Mathematikers vom Vortag.
Gefühl positiv, Bewertung unmöglich
Allerdings bringt sie mich mit teils recht bizarren Fragen leicht aus dem Gleichgewicht: "Ich sehe, eines Ihrer Hobbys ist das Fechten. Es gibt da in Kleists 'Marionettentheater' eine Szene, in der ein Bär mit einem Menschen ficht und der Bär gewinnt. Halten Sie das aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung für realistisch?" Irritiert schaue ich sie an: "Keine Ahnung, ich habe noch nie gegen einen Bären gefochten." Und beide müssen wir losprusten.
Gefühlte zehn Minuten später ist auch dieses Gespräch vorbei, wieder geht es mir wie allen anderen Teilnehmern: Eindruck positiv, objektive Bewertung unmöglich. Nach dem letzten gemeinsamen Mittagessen löst sich die Gruppe auf, E-Mail-Adressen werden getauscht - und alle fahren in der Hoffnung auf einen "dicken weißen Umschlag", der die Aufnahme bedeuten würde.
"Wenn sie mich nach dem Wochenende nicht nehmen, dann haben sie mich auch nicht verdient", sagt Sportstudent Paul zum Abschied und grinst. Das tue auch ich fünf Tage später, als ich aus dem Briefkasten einen dicken weißen Umschlag herausfische. Ganz spielerisch.
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