Sonntag, 22. November 2009

UniSPIEGEL



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25.02.2009
 

Mail aus Bangladesch

Salam alaikum, Held der Armen

Weiche Knie in Dhaka: Kerstin Humberg trifft den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Sie hat viele Fragen. Nutzen Großkonzerne Social Business nur, um neue Märkte zu erschließen? Und genauso wichtig: Was zieh ich bloß an? Schwarze Beraterkluft kommt nicht in Frage.

Schweigend mustert mich der junge Bengale hinter dem Verkaufstresen. Sein Gesicht - ein einziges Fragezeichen. Hinter ihm stapeln sich meterhoch Notizblöcke, Hefter und Briefumschläge. In einer Mischung aus Zeichensprache, Englisch und Bengali erkläre ich ihm, was ich brauche: Karteikarten zum Vokabeln lernen. Ende nächster Woche haben wir unsere Abschlussprüfung in Bengali.

Karierte Pappe liegt immerhin schon vor mir, als mein Handy klingelt: Teilnehmer unbekannt. Schon wieder. Fast täglich bekomme ich anonyme Anrufe. Das Wählen zufälliger Zahlenkombinationen scheint hier Volkssport zu sein; und haben die fremden Anrufer einen erst als Ausländer identifiziert, lassen sie einem keine Ruhe mehr. "I want to be your friend!", klingt es dann aus dem Handy. Meinen Mitschüler in der Sprachschule geht es genauso. Meist ignorieren wir deshalb unbekannte Rufnummern sofort.

20 Stunden bis zum Treffen - der Countdown läuft

Weil ich einen wichtigen Anruf erwarte, gehe ich trotzdem ran. Draußen lärmt der Verkehr, im Laden schallt bengalische Popmusik. Ich verstehe kaum ein Wort. Nur so viel: "Yunus,... morgen,... 16 Uhr." Ein Scherz? "Ke bolchen?" - Wer da spricht, will ich wissen. Tatsächlich: Es ist das Büro von Muhammad Yunus, dem Erfinder der Mikrokredite, dem Friedensnobelpreisträger und "Social Business"-Visionär. Morgen schon könnte er sich mit mir treffen, er gibt mir eine halbe Stunde Zeit. Vor einer Woche erst hatte seine Büroleiterin mir einen Termin in Aussicht gestellt. Dass das so schnell klappen würde, hätte ich nicht gedacht. Für einen Moment rutscht mir das Herz in die Hose. Dann sage ich zu.

ZUR SERIE

Privat
Eine Beraterin setzt aus: Kerstin Humberg aus Hamburg flog zwei Jahre als Unternehmensberaterin um die Welt. Jetzt promoviert die Diplom- Geographin, 31, und will für zwei Monate in Bangladesch Ideen zur unternehmerischen Armutsbekämpfung erforschen. Sie berichtet im UniSPIEGEL aus dem Land der Bengalen.
Der Countdown läuft. Noch 20 Stunden bis zu unserem ersten Treffen. Was sind die wichtigsten Punkte? Wie funktioniert das Aufnahmegerät? Und was ziehe ich an? Meine Berateranzüge und Blusen habe ich daheim gelassen. Im schwarzen Cordblazer würde ich vor Hitze umkommen. Meine amerikanische Mitschülerin Liz plädiert für ein landestypisches Salwar Kameez. Keine schlechte Idee. Inzwischen habe ich mich an diese Pyjama-artige Kombination aus weiter Stoffhose, langem Hemd und Schal gewöhnt. Außerdem trägt auch Yunus selbst am liebsten Kleider "Made in Bangladesh".

Am nächsten Nachmittag brause ich im grünen Moto-Taxi durch Dhaka. Der Verkehr ist unberechenbar. Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Es klappt, wenig später stehe ich vor der Grameen Bank - mit verstaubter Kleidung und zersausten Haaren. Die Grameen Bank leistet Entwicklungshilfe nicht mit großen Summen, sondern vergibt seit 25 Jahren Mikrokredite. Eine Idee, die ihrem Erfinder Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis einbrachte. Yunus Büroleiterin, eine junge Dame im hellblauen Sari, führt mich zu seinem Arbeitszimmer im vierten Stock. Die Tür steht offen. Wir sind allein.

"Salam alaikum!", sage ich. Der freundliche Mann mit dem silbergrauen Haar hinter dem Schreibtisch lächelt. Wo ich Bengali lerne, fragt er. Wie mir Bangladesch gefällt und wie lange ich bleiben werde. Ich antworte brav und sehe mich in seinem Büro um. Ein Holzschreibtisch, ein Telefon, Regale, die sich unter dem Gewicht der gesammelten Bücher biegen.

Hat ER sich da Notizen auf meinem Konzeptpapier gemacht?

Vieles in Yunus Arbeitszimmer erinnert mich an das Büro meines alten Geographie-Professors in Hamburg. Nicht zuletzt der fehlende Computer. Fast traue ich meinen Augen nicht, als ich einen Ausdruck meines Promotionskonzepts direkt vor Yunus liegen sehe. Hat etwa ER die Markierungen und Anmerkungen darauf gemacht?

ZUR PERSON

REUTERS
Muhammad Yunus wurde 1940 in der Hafenstadt Chittagong in Bangladesch geboren. Er wuchs als drittes von insgesamt 14 Kindern einer wohlhabenden Familie auf, sein Vater war Juwelier und Goldschmied. Yunus studierte Wirtschaftswissenschaften in Bangladesch und in den USA. 2006 wurden er und die von ihm gegründete Grameen Bank mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Früher musste ich schreien, damit mich wenige Menschen hören", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Jetzt reicht es, wenn ich flüstere, und die ganze Welt hört mir zu."
Über eine halbe Stunde diskutieren wir über den "Social Business"-Ansatz - über unternehmerische Lösungen für gesellschaftliche Probleme, bei der die Investoren freiwillig auf die Ausschüttung von Gewinnen verzichten. Gerade im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise seien die Reaktionen auf seine Arbeit extrem positiv, sagt Yunus. "Viele Menschen haben inzwischen das Gefühl, dass das traditionelle, profitorientierte Wirtschaften allein nicht die Lösung sein kann." Gleichzeitig wachse die allgemeine Bereitschaft, das eigene Wissen, die eigene Kreativität, stärker zur Lösung sozialer und ökologischer Herausforderungen einzusetzen.

Yunus Ansatz hat Konjunktur: "In Zukunft wird 'Social Business' ein fester Bestandteil des Weltwirtschaftsforums in Davos sein", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Das Ziel sei die Entwicklung unternehmerischer Prototypen. "Es geht darum, winzige Samen zu entwickeln. Der Rest ist dann nur noch eine Frage der Replikation - so wie wir es bei den Mikrokrediten gesehen haben." Die habe es zuerst in einem kleinen Dorf gegeben, dann verbreiten sie sich in der ganze Welt.

Staaten und Stiftungen könnten mit dem "Social Business"-Ansatz wegkommen von der reinen Wohltätigkeit, hin zum sozialen Investment, sagt Yunus. Auch wenn es oft noch am richtigen Verständnis seines Ansatzes hapert, setze sich die Erkenntnis durch, dass "Social Business" profitorientierte Unternehmen nicht ersetzen, sondern dort ergänzen könne, wo diese bislang untätig sind, sagt der Friedensnobelpreisträger.

Und die Kritiker, die hinter dem sozialen Engagement internationaler Unternehmen nur mittelfristige Wachstumsstrategien vermuten? Was, wenn das eigentliche Ziel dieser Unternehmen nur die Plazierung der eigenen Marke im Lebensumfeld der Armen ist? Yunus schmunzelt. "Das mag vielleicht die Strategie der Unternehmen sein. Meine Strategie ist es, die Firmen für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen zu gewinnen. Wir benutzen uns gegenseitig."

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