Dhaka am Montagnachmittag: Mit einem Ruck strandet unser Holzboot am Ufer des Banani-Sees, prompt lockt unsere Ankunft Schaulustige an. Neugierig verfolgen die jungen Bangladeschis, wie wir über die Bootsplanken an Land balancieren. Was sucht eine Gruppe weißer Männer und Frauen in Karail, dem größten Slum der bengalischen Hauptstadt? Wer sind die fünf Bangladeschis an ihrer Seite - und wozu die Fotokameras?
Die Meteorologin Insa Thiele-Eich und ihr Doktorvater Clemens Simmer von der Uni Bonn sind für einen Workshop der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bangladesch und zum ersten Mal in dem Land. Seit 2006 sind Dhaka und Guangzhou in Südchina Standorte des DFG-Schwerpunktprogramms "Megastädte - Informelle Dynamik des globalen Wandels".
In der Regenzeit steht ein Fünftel des Landes unter Wasser
Gemeinsam mit zwei Geografen der Uni Köln und lokalen Partnern wollen die beiden Meteorologen erforschen, wie sich der Klimawandel auf das Leben der Slumbewohner in der Megastadt Dhaka auswirken könnte. Professor Simmer und seine Doktorandin analysieren mit Hilfe regionaler Klimamodelle das mögliche Ausmaß und die Häufigkeit von extremen Wettereignissen. Die Geografen Boris Braun und Tibor Aßheuer untersuchen, mit welchen Strategien die Slumbewohner heute schon Stürmen und Überschwemmungen trotzen und ihr Überleben sichern.
In der Regenzeit ist Jahr für Jahr durchschnittlich ein Fünftel der Landesfläche von Bangladesch überschwemmt. Was für uns Deutsche einer Katastrophe gleichkäme, ist für die Bauern in Bangladesch normal und sogar ein Segen. Bis zu einem gewissen Grad sichern Regen und Überschwemmungen gute Ernten und damit die eigene Existenz. Doch seit den achtziger Jahren haben extreme Phänomene wie Dürren oder besonders starke Überschwemmungen zugenommen. 1998 standen gut zwei Drittel des Landes unter Wasser - über zwei Monate lang.
Apropos: Eine Flasche Wasser wäre in diesem Augenblick ein Traum. Es sind über 30 Grad, die Straßen Karails sind staubig. Im Schneckentempo schleichen wir durch den Slum. Am Straßenrand räkelt sich ein Mädchen auf einer Fahrradrikscha in der Sonne. In der Wellblechhütte daneben schält eine junge Frau Kartoffeln. Auf der anderen Straßenseite rasiert ein Barbier einen Kunden.
Explodierende Megastadt: Nur Lagos wächst schneller
Wieder und wieder drücke ich auf den Auslöser meiner Kamera. Mein Blick fällt auf einen Mann, der auf einer Holzbahre liegt. Während sein linker Arm an einem Tropf hängt, hebt er seine rechte Hand zum Gruß. Vielleicht eine Ambulanz? Ob Imbissbude, Friseursalon oder Kettenkarussell - die rund 30.000 Menschen in Karail organisieren alles in Eigenregie. Urbanes Leben im Miniaturformat.
Schon heute wohnen rund 40 Prozent der Menschen Dhakas in Slumsiedlungen, und es werden täglich mehr. Noch leben etwa drei Viertel der über 160 Millionen Bangladeschis auf dem Land, doch die Hoffnung auf Arbeit und Einkommen treibt die Bauern in die Stadt. "Neben Lagos ist Dhaka die am schnellsten wachsende Megastadt der Welt", erklärt uns mein Doktorvater Boris Braun aus Köln. Um 3,5 Prozent wächst der Großraum Dhaka jedes Jahr, also um etwa eine halbe Millionen Menschen. "In nur zwei Jahren wird sich Dhaka um die Einwohnerzahl Kölns erweitert haben." Der Großteil dieses Wachstums wird sich auf "informelle Siedlungen" erstrecken - also auf Slums wie Karail.
Kurz darauf erreichen wir eine Freifläche, auf der Kinder Cricket spielen und Drachen steigen lassen. Dort treffen wir Herrn Yunus, vielleicht Mitte 50. Er wohnt in Karail. Wie er reagiert, wenn hier zur Monsunzeit alles unter Wasser steht? "Erst mal bringen wir uns in Sicherheit", sagt Yunus und zeigt auf das etwa drei Meter hohe Bambusgestell hinter sich. "Wer kann, zimmert sich aus Holzresten ein Boot zusammen."
Viele Rikschafahrer haben keine andere Wahl. Um das tägliche Einkommen von vielleicht 200 Taka (rund zwei Euro) zu sichern, müssen sie von heute auf morgen das Gewerbe wechseln und sich als Fährmänner verdingen. Wenn es ganz schlimm kommt, werden die Slumbewohner durch die Wohlhabenden aus dem benachbarten Gulshan mit Nahrungsmitteln versorgt. "Das Leben der Reichen und Armen ist hier eng verzahnt", erklärt mein Doktorvater.
Reich hilft Arm - wer lässt schon seine Putzfrau verhungern?
Da viele Slumbewohner als Dienstpersonal für die Reichen auf der anderen Seite des Flusses arbeiten, bestehen viele persönliche Kontakte. Die Bereitschaft, den Armen zu helfen, sei deshalb durchaus groß - wenn auch nicht ganz uneigennützig. Trotzdem verlieren viele Slumbewohner bei extremen Überschwemmungen fast alles, was sie haben.
Während mein Studienkollege Tibor fleißig die Antworten von Herrn Yunus notiert, versucht Insa, die lärmende Kinderschar um sich herum zu bändigen. Junge, blonde Frauen verirren sich nur selten nach Karail. Für die Kinder ist Insa eine Attraktion. "Nicole Kidman könnte hier nicht mehr Aufsehen erregen", scherzt Professor Braun. Auch an seine Händen klammern sich zwei Kinder, als wir uns auf den Heimweg machen.
Ob ich schwimmen könne, fragt mich einer der bengalischen Geografieprofessoren, als wir wieder im Holzboot sitzen. "Geht so. Als Kind bin ich durch die Seepferdchen-Prüfung gefallen", scherze ich - und wundere mich sogleich über seinen besorgten Gesichtsausdruck.
"Die meisten Bangladeschis können nicht schwimmen", erklärt Tibor. Öffentliche Schwimmbäder gibt es in Dhaka nicht, in den verdreckten Flüssen der Stadt vergnügen sich nur die Kinder der Armen. Tatsächlich klammert sich die bengalische Studentin Sifat sofort an Insa fest, als sich von hinten johlende Kinder auf selbstgebastelten Flößen nähern. Sifat kann nicht schwimmen. Kaum haben wir die kleinen Seepiraten auf ihrem Floß entdeckt, entert der erste Junge unser Boot und spritzt uns nass.
Insa lacht und schüttelt den Kopf. Bangladesch ist ganz anders, als sie es erwartet hat. Vor ihrer Abreise war sie skeptisch, wie sie hier klarkommen würde. Inzwischen sieht sie das ganz entspannt und schwärmt von der "unverfälschten Gastfreundschaft" der Bangladeschis. Sie hat große Lust, bald wiederzukommen. Da geht es ihr genau wie mir.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Auslandsstudium Asien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH