Ich liege im Schlafsack und bibbere, immer wieder reiße ich den Zelteingang auf und übergebe mich. Mein Kopf glüht vom hohen Fieber, und ich unterhalte mich mit einem Reisepartner, den es gar nicht gibt.
Es ist erst der zweite Tag auf meinem Weg zur Uni in Grenoble, 60 Kilometer bin ich von meiner Heimatstadt Augsburg entfernt. Ich war gestartet, um allein die Westalpen zu überqueren, doch das Wasser des bayerischen Flüsschen Wertach hat mich niedergestreckt. Jetzt liege ich hier und rede frierend und unter Schmerzen mit der Zeltwand. Ich muss aufgeben - vorerst.
Drei Tage später befinde mich wieder auf meiner Reise Richtung Südwesten. Auf Skiern ziehe ich los zu meinem Studienort Grenoble in Frankreich, laufe in der Ebene, steige auf und fahre ab, all das ganz allein. Gut 40 Gipfel liegen auf dem Weg, 35.000 Höhenmeter muss ich rauf und runter, 900 Kilometer lang ist die Strecke.
Gämsen fliehen vor der Lawine
Ein Linienflug über die Alpen dauert knapp eineinhalb Stunden. Weil mein Fach aber Geografie heißt und mein Herz der Natur und dem Eis gehört, werde ich laufen, geschätzte 40 Tage lang. Meine Regeln: Erlaubt sind nur Schneeschuhe, Ski und Stöcke, Gaskocher, Signalraketen, GPS, Schlafsack plus das Ein-Mann-Zelt.
Schon hinter Oberstdorf im Allgäu liegt der Schnee meterhoch. Ich spure meinen Weg bis kurz vor Mittag, dann muss ich umkehren. Die Lawinengefahr ist zu groß. Am nächsten Tag versuche ich es erneut. Eine große Lawine hat meine Spur vom Vortag teilweise verschüttet. Als eine Gruppe Gämsen vor einer Lawine flieht, die sie und mich nur knapp verfehlt, kehre ich wieder um.
Den dritten Anlauf unternehme ich um ein Uhr nachts in meinen gefrorenen Spuren. Bei Sonnenaufgang erreiche ich den Haldenwanger Kopf hinter der Grenze zu Österreich und kann endlich nach Warth abfahren.
Die Lawinengefahr in diesem extremen Winter zwingt mich zu einem schmerzlichen Zugeständnis. Motorhilfe sollte eigentlich tabu sein, doch die Sicherheit siedle ich höher an als meinen Ehrgeiz. Einmal muss ich einen Bus und einen Lift benutzen, um gefährliche Hänge zu umgehen.
Frisch verliebt in Graubünden
Erst als ich endlich Davos und damit die Schweiz erreiche, wird es besser. Zwar liegt dieses Jahr auch hier mehr Schnee als üblich, aber die weißen Massen werden zunehmend fester. Jetzt beginnt der Spaß: rasante Tiefschnee-Abfahrten, farbenfrohe Sonnenaufgänge, beeindruckende Schneewelten. Die Tage über bin ich vollkommen allein. Gämsen, Dohlen und ein Steinbock sind meine einzige Gesellschaft, bevor ich abends in die Täler und zu den Menschen zurückkehre.
Ab dem Safiental in der Ost-Schweiz im Kanton Graubünden sind andere Tourenskifahrer unterwegs, aber es bleiben wenige. Während ich kämpfe, mich schinde und ständig neue Pläne mache, um sicher voranzukommen, gewinnen die Alpen langsam ihre Würde zurück, die sie an Lifte, Tunnels, Autobahnen verloren haben.
Aber ich verliebe mich nicht nur in die grandiose Bergwelt Graubündens, sondern vor allem in deren Bewohner. Ich treffe Bauern, die ihrer entlaufenen Ziege durch den Schnee hinterher stapfen, und Kinder, die mit den Skiern zur Schule gleiten. Das Zentrum der Dörfer ist hier noch immer die Post, oder La Posta oder schließlich La Poste. Niemanden kümmert es, denn es werden ohnehin alle Sprachen gesprochen - wenn auch keine richtig. Es gibt hier wenig Modernes, die Leute sind trotzdem glücklich.
Bis hier hin hatte ich einige hohe Berge auf meinem Weg, nach dem Furkapass kommen die Giganten: Aletschhorn, Matterhorn und Dom sind mythische und gefährliche Berge. Am Pass angelangt sehe ich allerdings kaum mehr als meine Skispitzen, so dicht ist der Nebel.
Bewährungsprobe: Zwischen dem Rimpfischhorn (ganz links) und dem Strahlhorn (daneben) liegt der 3790 Meter hohe Adlerpass
Kriegsspiele im Land der Giganten
Ich reise auf der Strecke der Haute Route, einem Klassiker unter Tourengehern zwischen den Bergsteigerdörfern Chamonix und Zermatt. Beim Start am Simplon erwartet mich eine fiese Überraschung: Die Schweizer Armee hält ein Manöver ab - und benutzt ausgerechnet die beiden Viertausender auf meinem Weg als Kugelfang für ihr Kriegsspiel vor Alpenpanorama. Theoretisch, so sagt man mir, könne ich außerhalb der markierten Bereiche weiterziehen. Weil schwere Panzer den ganzen Tag über die Hänge rauf und runter rollen, entscheide ich mich für noch einen Umweg und starte in Saas-Fee im Schweizer Kanton Wallis.
Am 3790 Meter hohen Adlerpass bin ich der erste in diesem Winter, sagt mir eine Hüttenwirtin auf dem Weg. Sehr steil geht es auf der anderen Seite zwischen Schneewehe und Fels hinab auf den Adlergletscher. Immer schön dort halten, wo es die Karte empfiehlt, die Ski immer talwärts und unter keine Umständen stürzen. Im August hatte ich mir in einer Gletscherspalte in Grönland das Sprunggelenk gebrochen, die Schrauben im Bein mahnen mich zur Vorsicht. Die enormen Schneefälle in diesem Winter werden jetzt zum Trumpf: Die meisten Spalten sind tief eingeschneit.
Stinkesocken-Drama in der Jugendherberge
Alles geht gut - bis ich im Hostel in Zermatt meine Kleider zum Trocknen aufhänge und die Sonne in der Stadt genieße. Als ich zurückkomme, rieche ich meine Socken bereits vom Gang aus. Die Herbergsmutter befiehlt mir, die Strümpfe geruchsdicht zu verpacken, wenn ich bleiben will.
Nach Verbier gerate ich in Sturm und Nebel. Mein Übergang nach Chamonix gerät zu einem Kampf gegen hüfthohen Triebschnee und Windböen, die mich den Berg vor Wut und Verzweiflung lauthals anbrüllen lassen. Die Wut wird bald zu einer Kraft, die mich vorantreibt - bis Chamonix.
Wovon lernen wir, wenn nicht vom Leben?
Beschwerlich ist dann noch das letzte Stück auf Schneeschuhen durch weichen, puddingartigen Schnee, doch am 5. April blicke ich mittags nach 44 Tagen Marsch auf Grenoble hinab. Der Anblick ist gewohnt und besonders. Mein Blick auf die Stadt hat sich verändert. Die Zeit, in der Abenteuer vor der Haustür lagen, mag vorbei sein - auf dem Weg zwischen zwei Haustüren gibt es sie noch.
Zufrieden setze ich mich auf die Mauer der Bastille, einer alten Festung, die Grenoble umschließt, und esse ein Eis. Da sackt die Meldung meiner Ankunft vom Gehirn bis in meine Muskeln. Von einem Moment auf den anderen kann ich kaum mehr laufen. Meine Beinmuskulatur macht schlapp. Ende Gelände.
Und die verpassten Uni-Tage? Sei's drum, schließlich ist es das Leben, das uns bildet. Ich bin nicht nur gelaufen, ich habe Dutzende Stunden in Meteorologie, Lawinenkunde, Geschichte, Ethnologie, Gebirgsmorphologie, Französisch und Komparativer Linguistik nicht nur gehört, sondern erlebt.
In welcher Vorlesung erfährt man schon, dass die rätselhaften Namen der Gipfel von Saas-Fee von den Sarazenen stammen? Oder dass es jährlich wiederkehrende Lawinen mit festen Namen gibt? Oder dass es im Surselvischen, einem rätoromanischer Dialekt, allein drei Wörter für Schneematsch gibt, nämlich lomitscha, multatsch, malgiada - und sogar ein Verb für "schneefrei machen" (terrenar)?
So etwas bringt einem keine Uni bei.
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