Von Thomas Schmid
Sarah Gumpert, 24, liegt regungslos auf dem Rücken, übers aschblonde Haar hat sie einen weißen Helm gestülpt, Stöpsel in den Ohren, in jeder Hand hält sie ein kleines Kästchen mit drei Tasten. Ein leises Surren, langsam fährt die Liege hoch, stoppt dann vor der rund 60 Zentimeter breiten Öffnung eines flugzeugturbinengroßen Apparats. Dort geht's hinein.
Mit dem Kopf voran; schließlich ist Gumpert bis zu den Fußspitzen in der Röhre verschwunden. Um ihren Schädel herum wird es kurz darauf fürchterlich rasseln, surren, rumpeln - ein Getöse, als bereitete die Apparatur mindestens eine Zeitreise vor.
Beobachten, wie Menschen rechnen, lieben, trauern
Dabei muss die Studentin nur ein Spiel spielen. Aus Lautsprechern schallt eine Stimme aus dem Kontrollraum in die Röhre: "Kannst du mich hören? Gut, dann geht es jetzt los mit der ersten Messung." Während der nächsten Stunde muss Gumpert von sechs Tasten jeweils die richtige drücken: Auf einem Display bekommt sie Farbpunkte angezeigt und muss per Knopfdruck auf deren Reihenfolge reagieren. 432-mal in Folge.
Sarah braucht meist nicht länger als eine Sekunde, um sich für eine Taste zu entscheiden, und macht kaum einen Fehler. "Als Kind habe ich viel mit dem Computer gespielt", sagt sie nachher und lacht. "Ich glaube, das schult die Reaktion."
Medizinstudentin Gumpert ist eine von 50 Probanden, die für eine Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ihr kostbarstes Organ als Versuchsobjekt zur Verfügung stellen: ihr Gehirn. Mit der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) schauen Michael Rose, 42, und seine Kollegen vom Institut für Systemische Neurowissenschaften dem Gehirn beim Denken zu. Die Frage der Forscher: Sind tatsächlich, wie bisher angenommen, unabhängige kognitive Systeme jeweils für bewusstes und unbewusstes Lernen zuständig? "Wir glauben, dass zum Beispiel in den Regionen für Wahrnehmung und Motorik jeweils beides am gleichen Ort möglich ist", erklärt Rose. Daher das Tastendrücken: "Dank der Bilder werden wir hinterher ganz genau wissen, welche Gehirnbereiche beteiligt sind."
Willkommen in der wundersamen Welt der Gehirnforschung. Noch immer gibt das Denkorgan des Menschen Psychologen, Medizinern und Biologen Rätsel auf. Zwar weiß die Wissenschaft inzwischen ziemlich genau, wie die Nervenzellen kommunizieren, auch Sprach- oder Sehzentren, die Motorik haben sie längst lokalisiert. Aber wie und wo genau lernt der Mensch? Wie und wo entscheidet er, empfindet er Wut, Trauer, Empathie?
Direkt in die Seele schauen
Vor allem in den vergangenen fünf bis zehn Jahren eröffneten bildgebende Verfahren den Hirnforschern die Möglichkeit, ihre Theorien über alles Menschliche direkt an der Quelle zu untersuchen: im Gehirn, das sie nun dabei beobachten, wie es rechnet, sich erinnert, Mitleid erzeugt.
Eine Arbeitsgruppe um den Schweizer Neurobiologen Andreas Bartels hat im Zusammenspiel der Neuronen sogar den Sitz der Liebe entdeckt: Vor allem in den Regionen des Gehirns, die auch auf Kokain anspringen, feuerten wie wild die Neuronen. Und im vergangenen Jahr gelang es kalifornischen Wissenschaftlern, regelrecht in den Gedanken ihrer Probanden zu lesen. Sie erkannten im visuellen Cortex des Gehirns, welche Bilder die Versuchspersonen zuvor gesehen hatten.
Sehr häufig stellen sich Studenten für solche psychologischen, medizinischen oder neurobiologischen Untersuchungen zur Verfügung. Acht bis zehn Euro erhalten die Probanden pro Stunde, viele sind von der Hightech-Forschung fasziniert und kommen wieder. Vielleicht auch aus Neugier?
Zwar lösen die bunten Bilder aus dem Tomografen kaum das Leib-Seele-Problem. Die Frage, wie sich das Bewusstsein zur schieren Physis verhält, ein Geistesblitz etwa zur Biochemie der dabei feuernden Neuronen, ist längst nicht geklärt.
Dennoch, näher an einen Blick in die Seele kommt man höchstens bei einem brillanten Psychiater.
Dumm nur, dass die individuellen Ergebnisse solcher Studien selten dem Probanden zur Verfügung gestellt werden - auch wenn er noch so sehr danach gieren sollte zu wissen, ob in seinem Kopf auch tatsächlich die Liebes-Areale aufleuchten, wenn er im Tomografen Bilder seiner Freundin sieht.
Immerhin bekommen die Versuchspersonen mitunter Schnittbilder des eigenen Gehirns auf CD ausgehändigt. Und wer hat schon die Chance, Einblick zu nehmen in diese allergeheimste Welt im eigenen Körper?
Fremd wirkt sie und seltsam leblos, auch noch auf den Computerbildern, wohl weil das Hirn an sich dem Empfinden so fern ist. Nie pocht, nie zuckt oder krampft es, es fühlt sich weder warm an noch kalt.
Aussicht auf Geld macht bei stupiden Aufgaben ehrgeiziger
"Meine eigenen Hirnwindungen angucken - das war schon cool", sagt Benedikt Vogt, 22. "Ich konnte mich wie bei einer Diashow durch mein Gehirn zappen." Vogt hat mitgemacht bei einem Versuch des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung der Uni Bonn. Dort geht es in der sogenannten Neuroökonomie darum, die Reaktionen menschlicher Gehirne auf Fragen des Geldes zu ergründen.
Vogt sollte in der Messröhre eine Reihe von jeweils zwei fast identischen Bildern miteinander vergleichen. "Fast alles waren Kunstwerke, mal klassische, mal abstrakte", erzählt der Bonner VWL-Student. Die Frage war: Wie viele Unterschiede findest du? "Ein bisschen wie so ein Denkspiel auf einer Cornflakes-Packung." Nur dass er dabei in der brummenden Röhre liegen, eine fernglasartige Spezialbrille tragen und mit Hilfe von vier Tasten angeben musste, ob er einen, zwei, drei oder vier Unterschiede entdeckt hatte.
Bis hierhin berührte das Ganze noch keine finanziellen Interessen. Anders sah es aus, als ihm die Forscher für korrekte Antworten eine Belohnung versprachen. Die Idee des Versuchs: Die Neuroökonomen wollten sehen, ob das Hirn anders arbeitet, wenn ein äußerer Anreiz wie Geld den Menschen antreibt. Oder reicht ein innerer Beweggrund, Ehrgeiz, um die gleichen Areale zu aktivieren?
Noch ist die Studie nicht abgeschlossen. Bisherige Versuche haben aber ergeben, dass bei relativ einfachen Tests, etwa Gedächtnisaufgaben, sich die Hirnleistung erkennbar steigert, wenn den Teilnehmern Geld versprochen wurde. Bei komplexeren Denkaufgaben war dies nicht der Fall.
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