Von Christina Schmitt und Marc Röhlig
Das werde ihnen indes nicht leicht gemacht, erklärt Werner Schiffauer, Islamexperte an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder. Muslimische Studenten und Akademiker hätten
gegenüber Andersgläubigen stärker mit Vorurteilen zu kämpfen: Auch wenn sie hochgebildet seien und sich in die Gesellschaft integrierten, "bleibt die Ausgrenzung bestehen".
Allein der arabisch klingende Name schrecke ab, sagt Schiffauer, "egal, ob da noch ein Doktor davorsteht oder nicht". Das berge ein "hohes Potential an Frustration".
"Das Islambild in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm verschlechtert", bestätigt Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität. Muslime würden viel zu oft zu "Extremisten, Ehrenmördern, Verlierern der Gesellschaft" abgestempelt. Die Leistungsträger unter ihnen würden kaum wahrgenommen. Auch die Identifikation junger Muslime mit ihrer Heimat Deutschland stünde in Frage, "diese Loyalität kaufen wir ihnen häufig nicht ab". Deutsch-Muslime hätten aber "großes Potential, Brückenbauer unserer Gesellschaft zu werden", sagt Foroutan. Sie hält die neomuslimischen Hochschulgruppen für wichtig: "Sie stellen ihren Glauben offensiv und selbstbewusst zur Schau", sagt die Wissenschaftlerin, "hinterfragen ihn aber auch kritisch."
Thomas Liebelt, mit Gel frisiert, dünner Bart, ist einer, der seine Kraft nicht mehr fürs Brückenbauen aufwenden mag. Er studiert am Orientalischen Seminar in Freiburg Islamwissenschaft im zweiten Semester. Wenn er über den Islam spricht, dann wird aus Thomas, dem Deutschen, Yassin, der Konvertit. Yassin, das ist der Name der 36. Sure im Koran, "dem Herzstück der heiligen Schrift", wie Liebelt sagt.
Thomas Liebelt hebt einen Fuß über das Waschbecken im kleinen Gebetsraum der Uni Freiburg. Er reinigt sich für das Gebet, stellt sich vor einen Teppich und spricht wortlos zu Gott, dreimal wirft er sich nieder.
Der 21-Jährige erlebte seine Bekehrung vor anderthalb Jahren als "Neugeburt". Aus einer Jugend im katholischen Elternhaus, aus Disco-Besuchen und Freundeskreis wurde ein Leben mit Gebeten und Einschränkungen. Er habe gewusst, sagt Liebelt, dass seine Entscheidung "Freundschaften auseinanderbrechen lässt". Auf seinem T-Shirt steht "Libertine" in dicken Buchstaben, darunter das Bild eines Greifs.
"Ich will nicht zu viel Kontakt mit Nichtmuslimen"
Wer sein Leben Gott unterordnet, ihm komplett vertraut wie Konvertit Liebelt, der hält nicht mehr viel von irdischen Kontakten: "Ich werde zum Fremden", so schildert er selbst seine Entwicklung. Für seine Religion müsse er sich stets rechtfertigen, selbst der Vater mache Witze. Liebelt hat jeden Zweifel aus seiner Stimme entfernt, ruhig kommen die Antworten. Seine Sätze sind keine Meinungen mehr, sie sind Wahrheiten, über Kopftücher und Gottesfurcht, über Steinigung und Verfassungsschutz.
Im Arabischunterricht in Freiburg sitzt er stets in der ersten Hörsaalreihe, meist als Einziger. Die Kommilitonen treffen sich ab Reihe drei. Liebelt sagt: "Ich will nicht zu viel Kontakt mit Nichtmuslimen". Er könne sonst in Versuchung geraten, etwas zu tun, was "haram" ist - was ihm sein Islam verbietet. Was das sein könnte, sagt er nicht.
Der Islam des Freiburger Studenten ist ein anderer als der von Bacem Dziri: Yassin glaubt an Allah, weil er aus der Gesellschaft ausbrechen möchte - Dziri glaubt, um mit neuem Bewusstsein in die deutsche Mitte hineinzuwachsen.
Bacem und seine Mitstreiter haben sich auch zum Ziel gesetzt, gegen Extremismus anzukämpfen. "Wer, wenn nicht wir", fragt der Bonner Student, "hat das Potential, diese Menschen zurückzuholen?" Das könne nicht immer gelingen. Aber die Chance sei groß, dass ein radikaler Muslim "gerade in unseren Vereinen wieder anfängt, nachzudenken".
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