Von Ellen Kollender
Florian Walter* ist ein "Shark", jedenfalls wäre er gern einer. Der "Shark" nährt sich von den kleinen Fischen, den schlechten, unerfahrenen Mitspielern.
Zweimal in der Woche trifft sich Haifisch Florian, Student der Philosophie und Chemie, mit seinen Kommilitonen im Keller eines Hamburger Wohnheims zum Pokern. Dort probiert er seine Psychotricks. Zum Beispiel: voraussagen, welche Karten sie auf der Hand halten. Gelingt dies, flößt es seinen Kombattanten Respekt ein. Manchmal reicht auch ein höhnischer Blick und ein hoher Spieleinsatz als Zeichen des Selbstbewusstseins, dann steigen die Ängstlichen aus - "Fold" heißt das in der Pokersprache.

"One hand can change it all": Das verrauchte Hinterzimmer ist ein Poker-Klischee. Tatsächlich wird viel Geld heute online gewonnen - und verzockt
"Auf dem River call ich doch nicht!"
"Was, wenn ich ein Full House habe?"
"Ach, du bluffst doch nur. Ich hab einen Drilling."
Karten fliegen über den Tisch, Einsätze werden verdoppelt, Chips wechseln in Sekundenschnelle den Besitzer.
Florian Walter hat heute keinen guten Tag. Manchmal gewinnt er bis zu 60 Euro an einem Abend. Heute werden seine Chips von Runde zu Runde weniger. Doch das stört ihn nicht, schließlich ist das hier alles "just for fun". Die Einsätze sind selten höher als zwei Euro.
Das große Geld macht der 26-Jährige im Internet, beim Online-Poker. Mühelos gewinnt er hier bis zu 1000 Dollar am Tag. Das Studium finanziere sich damit von selbst, glaubt Florian. "Und besser als Kellnern ist das allemal."
Mehr als drei Milliarden Dollar Umsatz im Jahr
Ein wahres Pokerfieber ist an den deutschen Hochschulen ausgebrochen. Es infiziert immer mehr Studenten; sie versuchen ihr Glück am realen oder virtuellen Spieltisch. Stars wie Stefan Raab oder Boris Becker machen es vor. Sie treffen sich zur Promi-Pokernacht oder werben für Online-Pokeranbieter. Im Fernsehen werden immer öfter ganze Turniere übertragen. Tausende Fans sammeln sich beispielsweise in den Pokergruppen des Internet-Netzwerks StudiVZ. Einmal dort angemeldet, wird der Student dort von seinen Mitspielern mit Einladungen zu Casino-Wettbewerben überhäuft oder mit hohen Startprämien auf ausländische Poker-Websites gelockt. In anderen Internet-Foren wird Pokern als lukrativer Nebenjob empfohlen.
Auf mehr als drei Millionen schätzen Experten die Zahl der Pokerbegeisterten in Deutschland. In den vergangenen Jahren wurden über 2700 Internet-Casinos gegründet. Die weltweiten Umsätze im Online-Poker bezifferte das Beratungsunternehmen "Global Betting and Gaming Consultants" vor zwei Jahren auf mehr als drei Milliarden Dollar.
Die Neueinsteiger sind fasziniert von der Mischung aus Glücksspiel, kühlem Berechnen und psychologischer Kriegsführung: Den Einsatz einer Runde gewinnt, wer alle anderen Gegner zum Aussteigen bringt oder beim abschließenden "Showdown" mit der Kombination aus eigenen und offen auf dem Tisch liegenden Gemeinschaftskarten das beste Blatt erzielt. Ständig gilt es, die eigenen Chancen abzuschätzen und zugleich das Risiko - schließlich könnten die Mitspieler ein besseres Blatt auf der Hand haben. Viele Spitzenspieler haben Mathematik oder Informatik studiert.
Ein Freund schenkte Florian das Startkapital
Doch mathematisch kontrollieren lässt sich das Glück nicht. "One hand can change it all", sagen die Pokerspieler - ein Blatt kann alles ändern. Wer gute Karten bekommt, kann die anderen vom Tisch fegen. Die Kombination aus Strategie und Zufall spricht auch Jungakademiker an. Mit ausreichend Zeit und Grips ausgestattet, träumen viele vom leichtverdienten Geld.
Florian Walter kam vor eineinhalb Jahren durch einen Kumpel zum Online-Pokern. Der schenkte ihm damals 100 Dollar Einstiegskapital. Heute bedient er sechs Tische gleichzeitig, spielt dabei 500 bis 600 Hände pro Stunde. Er glaubt an eine hohe Gewinnwahrscheinlichkeit. Was andere Pech nennen, ist für ihn die mathematische Varianz. Der Student hat viele Bücher über mathematisch ausgeklügelte Spielstrategien gelesen.
Der Illusion, Pokern sei ein berechenbares Spiel, erliegt er dennoch nicht, der Glücksfaktor, sagt er, sei hoch. "Es wäre ein Irrglaube, zu denken, dass ich gewinne, wenn ich mich nur richtig reinhänge." Für Walter ist das Pokern eine Formel aus 60 zu 40 - 60 Prozent Können, 40 Prozent Glück.
Walters Eltern glaubten bis vor kurzem, dass der Sohn sein Geld mit Nachhilfeunterricht verdiene. Doch dann gestand er seinen Broterwerb - sein Lebensstil hätte ihn ohnehin früher oder später entlarvt. "Mit Nachhilfe allein hätte ich niemals auf solch großem Fuß leben können", erzählt der Student. Die Eltern waren enttäuscht, hatten sie ihm doch beigebracht, nicht nur aufs Geld zu schauen. Einen zukünftigen Lehrer und keinen Pokerprofi wollten sie in ihrem Sohn sehen.
"Pokern ist gesellschaftlich leider kaum anerkannt", sagt Walter. "Das fängt schon bei den Frauen an. 'Ich bin Schönheitschirurg' oder 'Ich verdiene mein Geld mit Pokern' - ist doch klar, mit welcher Antwort man eher bei den Mädels landet." Von seiner Glückssträhne will der Student trotzdem auch in den nächsten Semestern noch profitieren, zumindest finanziell.
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