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Momentaufnahme einer Generation "Ich will müde, schmutzig, durstig sein"

7. Teil: Adrian Renner, 23, Student, über Politik

Nadine Elfenbein

"Ich kann nicht mehr sagen, wann ich merkte, dass Politik von langweiligen Menschen mit langweiligen Leben gemacht wird - und dass ich keiner von ihnen sein will und mir mein eigenes langweiliges Leben reicht. Ich stand in Berlin im Bundestag, in Straßburg im Europaparlament, in München im Landtag und habe sie reden hören, sie das tun sehen, was sie den Politikbetrieb nennen. Es ist wirklich ein Betrieb. Ich lese die Zeitungen und Magazine und schaue die Tagesschau und jede Landtagswahl, und denke: Na, wie geht's dem Betrieb denn so? Der hat dem wieder eine ausgewischt. Oh, ein neuer. Was sie da genau alles machen, kriege ich auch mit. Ich vergesse es nur schnell wieder, so schnell.

Politiker haben eine Agenda, ich habe keine Agenda. Wer mich fragt, ob ich ein politischer Mensch sei, dem sage ich: nein, und denke: stimmt nicht. Ich sage: ja, und denke immer noch, dass das nicht stimmt. Und dass ich eigentlich eine Antwort auf diese Frage haben sollte. Ich habe nur keine Ahnung, was 'politisch sein' heute überhaupt noch bedeutet. Was ich weiß: auf welcher Seite des politischen Spektrums ich stehe. Was ich tue: Ich definiere mich politisch, wenn das heißt, dass ich über mein Leben, und über die Welt, in der sich mein Leben abspielt, in politischen Kategorien nachdenke. Das ist meine Agenda.

Wir sollen rebellieren, dann sind die Leute beruhigt

Meine Agenda sagt nicht: Engagiere dich, trete einer Partei bei, löse das Welthungerproblem, überwinde den Kapitalismus, gehe fleißig demonstrieren, gestalte die Globalisierung oder gründe eine Bürgerinitiative. Ich weiß, das wird erwartet von mir, von uns, von der Jugend, von meiner Generation. Wir sollen rebellisch sein, und protestieren, gegen den Neoliberalismus und Studiengebühren und alles Mögliche. Dann sind die Leute, die das wollen, irgendwie beruhigt. Aber warum eigentlich?

Keine Sorge, meine Agenda beinhaltet nicht, dass mir alles egal ist. Leute, denen alles egal ist, wählen, um wenig Steuern zu zahlen, oder gehen zu Amnesty International, um das in ihren Lebenslauf zu schreiben. Ich kann sehr genau sagen, welche Dinge mich interessieren, Dinge, bei denen Wut, Zorn, Betroffenheit und Empörung da sind, und was ich dann tue, um damit klarzukommen. Nichts nämlich. Aber es ist nicht so, dass das mir leicht fällt. Oder dass ich es mir einfach machen will. Gerade das nicht.

Natürlich wähle ich. Natürlich demonstriere ich. Ich kann nur nicht Parteimitglied werden oder sonst etwas. Vielleicht haben Jusos, Demonstranten und Steinewerfer mir etwas voraus. Vielleicht haben die Leute, die dafür sorgen, dass in einem Vertrag die erste Zahl hinter dem Komma genau richtig groß oder klein ist und es damit vielleicht ein paar Menschen besser haben, mir etwas voraus. Vielleicht ist das Politik. Ich kann das nicht. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Es ist so etwas wie ein ästhetisches Unbehagen. Die Angst, dass mein Leben so hässlich wird wie die Parteizentralen und ich so dumm wie alle, die einfach nur dagegen sind. Die Angst vor der Langeweile.

Es ist die gleiche Langeweile, wie sie in Gesprächen über Politik herrscht. Dieses eklige Das-ist-ja-schrecklich, das klingt, als wäre es auswendig gelernt. Ich will ratlos sein und ehrlich und wütend, und deshalb rede ich nicht über Realpolitik, über Erbschaftssteuerreformen, Mindestlöhne, Asylrecht und die Zukunft der Volksparteien. Ich rede über Liebe und Musik, über die letzten Wahlen in Israel und über ökosoziale Marktwirtschaft, über Bücher und Kunst, und wie fassungslos man jedes Mal aufs Neue ist, wenn man sieht, wie schlecht es Menschen in Deutschland gehen muss. Aber ich rede nicht über Politik. Nie."

Hierbei handelt es sich um die ungekürzte Version eines Textes, der diese Woche im aktuellen Spiegel in gekürzter Fassung erschienen ist.

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insgesamt 495 Beiträge
Coss 16.06.2009
Nachdem ich den Spon Test mitgemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die "Krisenkinder" langweilig und angepasst sind. Mit denen lässt sich nichts Interessantes backen - außer Apfelkuchen!
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Nachdem ich den Spon Test mitgemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die "Krisenkinder" langweilig und angepasst sind. Mit denen lässt sich nichts Interessantes backen - außer Apfelkuchen!
PeterShaw 16.06.2009
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Krisen. Anpassung ist also lebensnotwendig. Da die meisten Krisen allerdings Menschenwerk sind, stellt das Verhalten der Jüngeren einen Spiegel für die Älteren dar. Mir sagte neulich ein [...]
Zitat von sysopSind die Krisenkinder zu angepasst?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Krisen. Anpassung ist also lebensnotwendig. Da die meisten Krisen allerdings Menschenwerk sind, stellt das Verhalten der Jüngeren einen Spiegel für die Älteren dar. Mir sagte neulich ein Jüngerer: "Die 68er sind in den Sesseln der Macht angekommen - nun denken sie an ihre Rente und straffen die Bildung." Noch passen die Gestraf(t)en sich an.
metbaer 16.06.2009
Und wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, [...]
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Und wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, Jugendliche mit Alkoholvergiftung sind das Symptom des Scheitern unseres Systems, die Finanzkrise wird uns alles rauben (Haus, Auto, Erdbeeren im Supermarkt), eine geringe Wahlbeteiligung bei der Europawahl ist ein 90%iges Indiz für das Ende unserer Demokratie, ein niedriger Milchpreis gefährdet dauerhaft die Sicherung unserer Ernäherung, und so weiter und so fort. Keine Meldung, die nicht zur Panikmache mißbraucht wird, kein noch so unbedeutendes Ereignis, das nicht gleich 134 selbsternannte Experten ins Bild rückt, die alle prophezeien: - Es wird noch schlimmer - Nichts wird mehr so sein wie es mal war - Eigentlich ist gar nichts mehr zu retten Wer in einem solchen Klima von Angst und Panikmache aufwächst, läuft doch Gefahr irgendwann 'empfindlich und ängstlich' zu werden, denn leider benutzen nicht alle ihre Köpfe, schalten die Panikmache dann und wann ab und sagen sich: Die Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
PeterShaw 16.06.2009
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Ich frage mich nur, ob "die Menschheit" gerade heute das Kriterium ist. Geht es nicht vielmehr um die Erdbeeren, die ICH essen will?
Zitat von metbaerDie Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Ich frage mich nur, ob "die Menschheit" gerade heute das Kriterium ist. Geht es nicht vielmehr um die Erdbeeren, die ICH essen will?
kindlich 16.06.2009
es mag sein, dass wir angepasst erscheinen. aber warum hat das wort angepasst gleich einen so vorwurfsvollen und abwertenden klang. warum müssen wir uns von vorhergehenden generationen dieses wort "angepasst" als vorwurf [...]
es mag sein, dass wir angepasst erscheinen. aber warum hat das wort angepasst gleich einen so vorwurfsvollen und abwertenden klang. warum müssen wir uns von vorhergehenden generationen dieses wort "angepasst" als vorwurf anhören? wie sollen wir uns denn jetzt richtig orientieren, neue grenzen setzen, wenn uns die grenzen, in die wir hineingeboren wurden, gefallen, wenn wir uns wohl genug in ihnen fühlen und daher nicht lauthals demonstrieren, dass nicht alles wirklich nach unseren vorstellungen geht? wir leben eine passivität, mit der wir nicht zufrieden sind. aber wir sehen doch auch, dass aufbegehren, demonstrieren seine klaren grenzen hat. ist es denn von bedeutung sich aufzulehnen, wenn man von den vorgängergenerationen nur zu hören bekommt, was man alles falsch macht? dass man sieht, dass die proteste, das "nicht-angepasst-sein" letztendlich nur zu nichts führt, außer dem eindruck, dass unsere generation vielleicht nicht mehr angepasst, aber dafür vorlaut und selbstgerecht ist? die angepasstheit ist eine möglichkeit unseren weg zu finden, uns zu verwirklichen, auch wenn das auf die "revolutionären" generationen einen schalen eindruck macht.
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