Von Andrea Brandt
Moon ist bestens vorbereitet fürs große Finale. Der Kopfhörer sitzt, die Finger wirbeln über die Tastatur, klicken rasend schnell die schwarze Maus. Er schießt sich den Weg frei. Mit einem Maschinengewehr. Kühl, hochkonzentriert.
Aus der Gewehrmündung am Bildschirm blitzt helles Dauerfeuer. Moon ist Kämpfer einer Anti-Terror-Einheit. Er zielt. Er rennt eine Treppe hoch, stürzt durch ein Holztor. Die Terroristen sinken getroffen zusammen oder fallen über ein Geländer in den Innenhof - zwei, drei, fünf, zehn. Moon lacht kurz auf, wenn einer besonders schön stirbt.
Moon heißt eigentlich Jan Stolle. Im richtigen Leben ist er ein lässiger 23-Jähriger mit strubbeligen blonden Haaren, Jeans und Turnschuhen, wie es an jeder Hochschule Hunderte gibt. Er studiert im sechsten Semester Mathematik in Gießen, hat eine Freundin und geht ins Kino. "Auch in Liebesfilme", sagt er.
In der virtuellen Welt der Egoshooter-Computerspiele ist Moon ein Star mit Kultstatus, einer der besten Schützen der Ballerspiel-Bundesliga Electronic Sports League (ESL). Bevor er an diesem Sonntag Mitte Juni in Köln mit seinem Team "Alternate" für das Endspiel um den Meistertitel der Liga antritt, läuft er wie ein Weltklasseboxer zu dröhnender Musik in die Halle ein und gibt seinen Fans Autogramme.
Im Ligafinale winken 130.000 Euro Preisgeld
Einer wie Moon braucht keinen Nebenjob als Möbelpacker, Taxifahrer oder Kellner, um sein Studium zu finanzieren. Er hat längst einen festen Spielervertrag bei seinem Sponsor, einem großen Online-Computershop. Dort bekommt er monatlich fast tausend Euro, dazu Mietwagen und Hotelübernachtungen. Preisgelder - allein beim Finale in Köln 130.000 Euro - gibt es obendrauf. Für Top-Spieler sollen in der Liga sogar doppelt so hohe Grundgehälter gezahlt werden. Dafür müssen kluge Köpfe wie Moon nur richtig viel spielen. Und mit freundlichen Auftritten das miese Image einer ganzen Branche aufbessern, die nach jedem Schul-Amoklauf von neuem unter Generalverdacht steht, potentielle Mörder zu produzieren.
Es geht um Macht, Marktanteile und Geld. Viel Geld: Allein in Deutschland verkauften Hersteller im Jahr 2008 Computerspiele für 1,57 Milliarden Euro, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Der größte Kassenschlager ist das Online-Rollenspiel "World of Warcraft", kurz "WoW". Das Kriegsdrama vor mittelalterlicher Fantasy-Kulisse fesselt weltweit mehr als 11,5 Millionen Teilnehmer und ist schon ab zwölf Jahren freigegeben.
In Deutschland verbringen nach einer neuen Jugendstudie schon Neuntklässler jeden Tag im Schnitt etwa 140 Minuten mit Computerspielen. Wer so früh und viel am Rechner rennt, rettet, schießt, braucht jede Menge Zubehör und kurbelt so weit über den Spielesektor hinaus den Umsatz an. Deshalb dienen Spektakel wie das Bundesliga-Endspiel in Köln auch dazu, für die Branche neue Spieler zu werben und Altkunden bei der Stange zu halten. Die Stars von morgen können vor Ort gleich die neusten Kopfhörer und Anti-Viren-Programme kaufen.
Avantgarde einer neuen Generation
Während Moon und sein Team sich auf der Hallenbühne am Gladbacher Wall fürs Finale warmspielen, wird ringsum das inszeniert, was Christian Brand vom Veranstalter Turtle Entertainment eine "richtige Show, schön amerikanisch" nennt: grellbunte Scheinwerfer, grauer Disco-Nebel, und mittendrin ein Moderator, der Schirmmützen und T-Shirts in die Zuschauermenge wirft.
Etwa 4700 Besucher, meist männlich, technikbegeistert und zwischen 16 und 30 Jahre alt, sind an diesem Wochenende zum Gladbacher Wall gekommen. Darunter ein paar postpubertäre Pickelgesichter mit Nietengürteln, Militärhosen oder Totenkopf-Shirts, vor allem aber nette Durchschnittstypen wie Stolle alias Moon.
Nur was die Bildung betreffe, sagt PR-Manager Brand, würden sich die bundesweit zwei Millionen Anhänger elektronischer Spiele vom Rest der Deutschen abheben: Internen Umfragen zufolge seien besonders viele Abiturienten und Studenten unter ihnen. Für Brand sind sie die Avantgarde einer neuen Generation.
Einer Generation, die womöglich die Beschränkungen, die die echte Welt der virtuellen auferlegt, eines Tages nicht mehr hinnehmen will. Die Politiker abwählen könnte, wenn sie die Branche mit Auflagen gängeln. Jedes neue Medium, sagt Lobbyist Brand, hätten die Herrschenden zunächst nicht gewollt: "Vor 500 Jahren waren die Leute gegen den Buchdruck, heute sind sie gegen Computerspiele."
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