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06.10.2009
 

Studentenjob Profi-Spieler

Ballern für den Bachelor

Von Andrea Brandt

Counter-Strike: Studenten lieben das umstrittene Spiel
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2. Teil: Modernes "Räuber und Gendarm" - mit Sturmgewehr, Granaten, Messern

Ganz so einfach sei das nicht, sagt Bert te Wildt, Psychiater an der Medizinischen Hochschule Hannover. Egoshooter-Spiele könnten durchaus die Persönlichkeit junger Menschen verändern; dazu seien sie sogar ursprünglich erfunden worden: Militärs hätten Killerspiele eingesetzt, um Soldaten die Tötungshemmung abzutrainieren. Heute noch gehört das Gefechtstraining am Rechner zur Ausbildung in der amerikanischen Armee.

Habe ein Mensch den Widerwillen gegen das Morden durch virtuelles Training herabgesetzt, so te Wildt, könne das am Computer geübte Programm im Extremfall auch in der Realität abgespult werden: "Ein so geschulter Mensch wird funktionieren, wenn er einmal die Entscheidung getroffen hat, Lehrer und Mitschüler zu töten."

Natürlich machten Computerspiele allein noch niemanden zum Amokläufer, sagt te Wildt. "Gefährlich wird erst der Mix aus abgestumpfter Mitleidsfähigkeit und weiteren Risikofaktoren, wie zum Beispiel einem extrem gekränkten Selbstwertgefühl." Zwar könne der Gesetzgeber den Nutzern nicht in die Köpfe schauen, meint der Psychiater, aber es sei den Politikern durchaus möglich, die Altersgrenzen für Schießspiele heraufzusetzen. Für "Counter-Strike" zum Beispiel empfiehlt er eine Freigabe grundsätzlich erst ab 18 Jahren.

Gut gegen Böse begeistert nicht nur die Ballerfans

Das Szenario bei "Counter-Strike" ist simpel - und zieht auch Menschen mit wenig Sinn fürs wilde Ballern in den Bann: Eine Terroristengruppe will eine Bombe zünden, gejagt von Anti-Terror-Kämpfern. Schafft sie das oder tötet sie alle Gegenspieler, hat sie gewonnen - andernfalls siegen die Guten.

Wer es bis zum Spitzenspieler bringen will, braucht schnelle Reaktionen, strategisches Geschick und Teamgeist. Experten wie Moon stapeln Spielfiguren schon mal zur Räuberleiter, damit der beste Schütze der am Computer vernetzten Mannschaft den Weg zum Ziel abkürzen kann.

Die Besucher in Köln werden mit einer schlichteren Version des Schießspiels angefüttert: Sie spielen eins gegen eins statt in Fünfer-Teams. Wild um sich feuernd hastet der Terrorist zur Bombe. Er schaltet den Zeitzünder. Doch in letzter Sekunde metzelt der Gegner den Attentäter mit einer Maschinengewehrsalve nieder, entschärft das explosive Ding. "Revanche!", blitzt es durchs Hirn des unterlegenen Spielers.

Der Musterspieler aus dem Ländle

Computerspiele können abhängig machen, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. In einer Studie hat er das Daddelverhalten von Neuntklässlern untersucht. 14.300 Süchtige in Deutschland allein unter den 15-Jährigen hat er ausgemacht. Therapien bekommen sie nur schwer, weil die Kassen die Abhängigkeit von virtuellen Schießspielen bislang nicht als Krankheit anerkennen.

Unter den gebildeten Baller-Fans gibt es viele, die alles im Griff haben: das Spielen, die Uni, Freunde, Familie. Jungs wie Moon ("Das ist für mich nur modernes 'Räuber und Gendarm'"). In der realen Welt schreibt er unbeirrt an seiner Bachelor-Arbeit.

Vielleicht wird er von den Liga-Chefs gern zu Interviews geschickt, weil er so überzeugend bürgerlich wirkt: aufgewachsen im Schwäbischen, Mutter Hausfrau, Papa Manager bei einer Druckerfirma, drei jüngere Geschwister. Mit sieben der erste Gameboy, mit 14 der eigene Computer, ein Geschenk von der Oma. Klassensprecher, Livemusik-Fan. Und ein Meister der Selbstdisziplin. Denn anscheinend meistert er ohne viel Mühe 20 Stunden "Counter-Strike"-Teamtraining pro Woche plus Uni-Alltag.

Schluss ist erst, wenn die Reflexe nachlassen

Aber auch Moon sagt: "Wenn jemand im richtigen Leben keine Freunde hat, ist er wirklich gefährdet." Mancher Besucher in Köln hat schon bedenkliche Erfahrungen gemacht. Zwei Jahre lang habe er "gesüchtelt", bekennt Timucin Karatas, 26, Programmierer aus Karlsruhe. Was mit süddeutschem Zungenschlag fast niedlich klingt, war gar nicht lustig: Jede freie Minute sei für das Spiel "WoW" draufgegangen, damals, nach dem Abi, als die Freundin Schluss gemacht hatte.

Die Veranstalter in Köln und anderswo geben sich alle Mühe, die echte und die Scheinwelt eins werden zu lassen - das ist gut fürs Geschäft. So können die Interessierten durch eine Wüste mit Kaktusattrappen schlendern oder in einem olivgrünen Zelt unter Tarnnetzen das neue Kriegsspiel "Dawn of War II" testen.

Die Show geht weiter, im August startete in Dresden die neue Liga-Saison. Auf den Meistertitel können Moon und seine Mitspieler, in der Mehrzahl Studenten, allerdings erst 2010 wieder hoffen. Die Konkurrenten vom Team "Mousesports" haben diesmal schärfer geschossen.

Ein paar Jahre bleiben Moon noch, den goldenen Siegerpokal zu erringen. Wie die meisten Spitzenspieler will er sich erst aus dem Geschäft zurückziehen, wenn der Körper nicht mehr mitspielt, die Reflexe nachlassen - "so mit 30 Jahren", sagt er.

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