Von Markus Flohr
Donnerstag, 14. Mai
Zurück in Israel, nach zwei Wochen Deutschland. Kaum haben wir auf dem Flughafen Ben-Gurion aufgesetzt, singen die Leute im Flugzeug "Schalom alechem" und klatschen im Takt dazu. Ich kann das sehr gut verstehen, ich bin auch froh, dass wir gut gelandet sind. Ich hasse Fliegen.
Meine Freundin Liat holt mich ab. Wir fahren zum Meer, bauen ein Zelt auf und grillen. Ich schaue den Strand hinunter, da vorn leuchtet Tel Aviv. Hier will ich bald wohnen. Ich werde nicht wieder nach Jerusalem zurückgehen, wenn im Herbst das Semester wieder losgeht. Sechs Monate reichen, und Liat ist hier, nicht da oben. Zu meiner Uni, der Hebrew University, muss ich eben pendeln, eine Dreiviertelstunde dauert es mit dem Sammeltaxi von Tel Aviv nach Jerusalem.
Samstag, 23. Mai
Die Jugendspieler von Maccabi Netanja bilden ein Spalier auf dem Rasen. Es ist das letzte Heimspiel der Saison. Maccabi verabschiedet einen seiner Lieblingsspieler, Luis Marín - und den Trainer: "Auf Wiedersehen und danke an Lothar Matthäus", ruft der Stadionsprecher. Deutschlands Rekordnationalspieler hat eine Saison lang versucht, den Club zu Meisterschaft und Pokal zu führen. Der Erfolg ist dürftig: Netanja steht auf Platz vier, das schlechteste Ergebnis der vergangenen drei Jahre.
Montag, 25. Mai
Alle Israelis müssen nach der Schule zum Militär. Einige gehen aus Überzeugung, die meisten mit einem leisen Murren. Wenige tun so, als hätten sie psychische Probleme, und lassen sich ausmustern. Für solche Schummeleien können sie ins Gefängnis kommen. Michael Manekin, 28, Kippa, runde Brille, freundliches Gesicht, überlegte lange - und entschied sich dann für die Armee. "Ich dachte, ich könnte etwas verändern", sagt er.
Wir sind auf der Hauptstraße der Stadt Hebron im Westjordanland. Früher gab es hier einmal einen Markt, Menschen, Leben. Jetzt sieht die Ladenzeile aus wie eine tote Filmkulisse, obwohl Hebron nach Schätzungen zwischen 150.000 und 200.000 Einwohner hat.
Mitten in der Stadt liegt eine jüdische Siedlung, 500 Einwohner, geschützt von 500 Soldaten. Alles ist durchzogen von Kontrollpunkten und Barrieren aus Betonblöcken. Die Stadt war immer umkämpft, doch in den vergangenen Jahren ist sie zum Symbol des palästinensisch-israelischen Konflikts geworden. Es gab blutige Anschläge von Siedlern und Palästinensern, viele Menschen starben.
Vor ein paar Jahren war Michael hier Soldat. Nachdem er entlassen wurde, schloss er sich der Organisation "Das Schweigen brechen" an. Das sind ehemalige Soldaten, die Berichte über den Dienst in der Armee sammeln und Touren nach Hebron organisieren, für Israelis, Touristen und Studenten.
Michael erzählt von seinem Dienst in der Armee, davon, wie er von den Siedlern beschimpft wurde, weil die sich lieber selbst verteidigen wollten. Er erzählt, wie er jeden Tag mehr Widerwillen dabei empfand, Palästinenser am Kontrollpunkt warten zu lassen, ihre Häuser zu durchsuchen. "Das ist doch Staatsterrorismus", sagt Marie, Touristin aus Frankreich. Michael atmet einmal tief durch. Er sagt: "Ich bin nicht hier, um euch zu sagen, was ihr denken sollt. Ich bin hier, um zu zeigen, was in Hebron passiert."
Mittwoch, 27. Mai
Samstag, 30. Mai
Diese Frage kann ich nicht mehr hören: "Bist du auf unserer Seite, oder hältst du zu denen?" Mal im Ernst, mal im Spaß, mal als Anmache, mal als Gewissensprüfung. Mal in Jerusalem, mal in Ramallah. Heute stellt sie mir Sadschi, Palästinenser, um die 40, Sonnenbrille, kahlrasiert. Wir sitzen im Taxi von Tajjiba, einem Dorf im Westjordanland, zurück nach Jerusalem. Es ist Mittag, es ist heiß, ich halte mich an einer Flasche Wasser fest. Ich sage: "Ich bin auf keiner Seite. Ich bin nicht hierhergekommen, um auf einer Seite zu sein. Ich bin hierhergekommen, um Israel und Palästina, um die Menschen kennenzulernen, um zu studieren und um schlauer zu werden. Vielleicht willst du mir dabei helfen?"
Er sagt: "Ihr Deutschen. So ein starkes Volk. Aber ihr habt Angst, die Wahrheit zu sagen, weil eure Opas die Juden umgebracht haben. Und man weiß ja nicht einmal, ob das stimmt."
In mir steigt Wut hoch. Ich komme mir blöd vor, aber ich muss Sadschi jetzt sagen, dass es den Holocaust tatsächlich gegeben hat, dass ich nicht weiß, was ein starkes Volk sein soll, und dass ich nicht hierhergekommen bin, um mich reinzuwaschen. Israel und Palästina sind kein Beichtstuhl für das schlechte deutsche Gewissen. Ich sage es ihm. Den Rest der Fahrt schweigen wir.
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