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Israel-Tagebuch Bandprobe im Bunker

2. Teil: Krieg üben: "Wo ist hier der Schutzraum. Es ist doch Alarm, oder?"

Dienstag, 2. Juni

Seit drei Tagen ist es die Hauptnachricht im Fernsehen: Am 2. Juni wird es in Israel eine Zivilschutzübung geben, die größte in der Geschichte des Landes. Es wird ein Krieg an drei Fronten simuliert, die Hisbollah greift aus dem Norden an, die Hamas aus dem Westen und irgendein dritter Staat schießt mit Mittelstreckenraketen. Um elf Uhr werden die Sirenen heulen, und jeder Bürger, jede Bürgerin möge umgehend den nächsten Schutzraum aufsuchen.


Jetzt ist es elf, die Sirenen ertönen. Ich schaue aus dem Fenster. Im Café gegenüber sitzen zwei junge Frauen und richten ihre Sonnenbrillen, ein Junge trägt Gemüsekartons in den Supermarkt. Ich gehe ins Treppenhaus: kein Getrappel, kein Türenschlagen, niemand da. Ich frage Liat: "Wo ist hier der Schutzraum? Es ist doch Alarm, oder?"

"Unten, im Keller, links, aber der ist zu. Da probt immer die Band von nebenan, die haben da ihre Instrumente." Manchmal glaube ich ja, Tel Aviv gehört eigentlich nicht zu Israel.

Freitag, 5. Juni

Ich sitze neben Liat im Auto, vor dem Haus ihrer Eltern. Ihr Vater hat mich eingeladen, zum Sabbatmahl. Erst wollte er nichts von mir wissen, jetzt möchte er mich kennenlernen. Ich bin nervös wie am ersten Schultag. Ich habe eine Flasche israelischen Wein gekauft und mein bestes Hemd angezogen. Wir gehen hoch. Ich stehe vor ihm, stammle ein paar Brocken Hebräisch, gebe ihm den Wein und sage: "Danke für die Einladung. Ich bin Markus. Das hier ist ein kleines Geschenk." Er lächelt. Später, am Tisch, vor dem Essen, müssen die Männer der Familie aufstehen, der Vater sagt ein Gebet, und alle trinken einen Schluck Wein. So will es die Tradition. Liats Bruder verteilt die Kippas: "Nimm, Markus." Liat sagt: "Steh auf, jetzt bist du halt auch ein Jude."

Sonntag, 21. Juni

Fußballspielen in Jerusalem, mit den Kumpels von der Uni. Arje stürmt vorneweg. Seine Eltern kommen aus Iran, die Familie ist aber jüdisch, und er ist in Berlin aufgewachsen. Nach Israel ist er eingewandert, als er 23 Jahre alt war. In der Pause reden wir über Iran. Über die Demonstrationen, das Tränengas, die Schlägertrupps der Regierung, die Toten. Über Ahmadinedschad. "Natürlich möchte ich, dass die Iraner dieses Regime zum Teufel jagen", sagt er. "Aber weiß jemand, wofür genau die Leute auf die Straße gehen? Ich möchte wirklich gern glauben, dass es eine Revolution gibt und das Land sich öffnet. Dass es keine Atombombe baut. Dass es freie Wahlen gibt. Dass die Frauen in Zukunft ohne Kopftuch auf die Straße gehen. Aber wird das tatsächlich so, wenn Mussawi an die Macht kommt?"

Montag, 22. Juni

In Jerusalem gibt es seit einer Woche diese Plakate: Obama, mit einem Palästinensertuch auf dem Kopf, schwarzer Hintergrund, rote Schrift: "Barack Hussein Obama - Anti-Semitic Jew-Hater". Seit seiner Rede in Kairo sehen einige Israelis in dem amerikanischen Präsidenten eine Gefahr für ihr Land. Ich sitze im Sammeltaxi nach Tel Aviv, wir halten an einer Ampel. An der Werbewand am Straßenrand hängen vier dieser Anti-Obama-Plakate. Davor steht ein orthodoxer Jude mit langem Bart, schwarzem Hut und schwarzem Mantel, vielleicht ein Rabbi. Er reißt die Poster ab. Unser Fahrer kurbelt das Fenster herunter: "Hey, warum machst du das? Stimmt doch, was da steht!" Der Rabbi zeigt ihm einen Vogel.

Mittwoch, 24. Juni

Ich bin so richtig nervös. Das Goethe-Institut in Tel Aviv hat mich eingeladen. Ich soll meine bisherigen UniSPIEGEL-Tagebücher vorlesen. Ich bin zwei Stunden zu früh da. Im Saal stehen etwa hundert Stühle - so viele Leute sollen kommen? Ich gehe den Text noch mal durch und trete von einem Bein aufs andere. Institutsleiter Georg Blochmann raucht mit mir eine Beruhigungszigarette. "Wird schon", sagt er. "Immer schön langsam sprechen."

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Der Saal ist tatsächlich voll. Im Publikum sitzen viele deutsche Juden, die irgendwann nach Israel ausgewandert sind, und ein paar Israelis, die Deutsch lernen. Als ich anfange zu lesen, zittert meine Stimme, und ich rase durch die Zeilen. Nach den ersten drei Einträgen kommen die ersten Lacher. Ich werde ruhiger; irgendwann macht es richtig Spaß. Am Ende stellen meine Zuhörer jede Menge Fragen und erzählen, wie sie nach Israel gekommen sind. Natürlich habe ich viel zu schnell gelesen, aber ich glaube, es hat ihnen gefallen.

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© UniSPIEGEL 4/2009
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Matthias Thiele
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.


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