Von Birger Menke
Nicolas Clasen hatte schon mit dem Gedanken gespielt, nicht konkret vielleicht, es war noch ein Gefühl, eine Idee, eine bloße Möglichkeit: Dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, alles aufzugeben. Dass es jetzt gut sein könnte, etwas zu wagen. Etwas neu zu beginnen. Doch es musste erst eine Freundin aussprechen.
Es war Mitte April, als Clasen sie im Berliner Tiergarten traf. Es war einer dieser ersten warmen Tage im Jahr, die den kalten Berliner Winter endlich für beendet erklären. Iris hatte gerade ihr Studium abgeschlossen, stand vor dem Beginn ihres Berufslebens - doch sie wollte nicht. Sie erzählte ihm, dass sie nicht nur hinter dem Geld herlaufen will, er hörte, was er schon wünschte: Aussteigen, das wäre es.
Clasen ging nach Hause, der Gedanke war nun konkret. In einer Autobörse fand er einen VW Bulli, Modell T3, in Tarnfarben lackiert, Baujahr '90, 57 PS, Diesel, 91.000 Kilometer gefahren, 3500 Euro. Noch am Abend kaufte Clasen den Bus und rief Iris an. "Traumhaft!", rief sie. Die beiden waren ein Team.
Nicolas Clasen hatte entschieden, von vorn anzufangen. Er kündigte seine Wohnung in Berlin-Mitte und verkaufte via Ebay und Flohmarkt, was er besaß: seine Möbel und die Playstation, die Breitling-Uhr, die Stereoanlage, den alten Mercedes. 8000 Euro waren der Ertrag.
Nicolas Clasen ist 34, er hat eine sehr gute Ausbildung, spricht zwei Fremdsprachen fließend. Seine Eltern trennten sich früh, den Vater hat er seit fast 25 Jahren nicht gesehen. Er machte sein Abitur auf dem Elite-Internat Louisenlund, studierte Wirtschaft in Berlin, unterbrach das Studium 1999, wurde Produktmanager bei Ebay.
Ein Premiumdackel gegen die Einsamkeit
Als die New Economy platzte, studierte er weiter bis zum Diplom an der Privatuni Witten-Herdecke, Schwerpunkt Medienmanagement, Note 1,7. Danach fand er leicht Arbeit. Er kümmerte sich um den Anzeigenverkauf für ein Onlinemagazin, beriet namhafte Medienfirmen bei der Vermarktung, bis er sich 2006 selbständig machte und Online-Kulturportalen Anzeigen verschaffte.
Er verdiente gut, einen mittleren fünfstelligen Betrag pro Jahr. Nebenbei war er als DJ erfolgreich und legte in großen Clubs von München, Hamburg, Frankfurt oder Ibiza auf. Doch im vergangenen Jahr merkte er, dass ihm etwas fehlte: Trotz vieler Freunde, trotz eines großen Netzwerks "fühlte ich mich allein".
Auch damals kaufte er sich spontan die Lösung. Clasen fuhr zu einem Hundezüchter und fand einen Welpen, Rasse Dackel, braunes Fell, geboren 2008, sehr kurze Beine, kaum gelaufen, 600 Euro. "Ein Premiumdackel", sagt Clasen, "der Vater ist Europameister." Er nennt ihn Schröder.
Die Midlife-Crisis erwischt ihn früh
Doch Schröder allein konnte Clasen nicht helfen. Zwei Krisen gab es in Clasens Leben: Die eine, die wirtschaftliche, zwang ihn in die andere, die persönliche. Anfang 2009 brachen seine Einnahmen weg. Wenn Unternehmen das Geld ausgeht, sind Anzeigen ein kürzbarer Kostenpunkt. Clasen hatte alles richtig gemacht und doch verloren. Die Wirtschaftskrise lachte seiner Ausbildung und Flexibilität, seinem an Karriere-Bedürfnisse angepassten Leben ins Gesicht.
Die Flaute brachte ihm Zeit zum Nachdenken. Was er fand: ein Mann Mitte 30, Single, selbständig im Beruf, unabhängig im Leben - und unglücklich. "Ich habe keine Kinder, ich habe keine Frau, ich hatte nicht mal eine Freundin in den vergangenen vier Jahren."
Clasen spricht von Midlife-Crisis. Eigentlich eine Sache für Spätvierziger, wenn die Kinder ausziehen, die Haare grau werden, wenn das erste Mal Bilanz gezogen wird, wenn verpasste Chancen akzeptiert werden müssen. Clasen dachte lange, er hätte nichts verpasst. Im Gegenteil: Er hatte alles mitgenommen und gefeiert in der Gewissheit, zu jenen zu gehören, die was sind, die mitreden können, wenn es um Job und Karriere geht.
Doch lange hatte er sich nicht mehr gefragt, ob er glücklich ist, ob er macht, was er möchte.
Clasen, Iris und Schröder fahren am 1. Mai los, dem Tag der Arbeit. Clasen hat sich eine Video- und eine Fotokamera gekauft, er wird seine Reise dokumentieren.
Iris sucht Hippies, Clasen sich selbst
Sie fahren nach Amsterdam, dann weiter in die Normandie. Es dauert zwei Tage, da steigt Iris aus. Sie sucht Lagerfeuer mit Gitarre, im Freien schlafen, sucht die Hippies von heute. Clasen nicht. Er sucht sich selbst. Er fährt allein weiter, mit Schröder.
Sein Trip führt über die Bretagne nach Paris. In einem Club legt er auf und spielt "Things that dreams are made of" von Human League: "Everybody needs love and adventure, everybody needs money to spend" - "everybody needs two or three friends". Liebe und Abenteuer, Geld und ein paar Freunde: der Stoff, aus dem die Träume sind.
Clasen sagt, sein altes Leben habe ihn gelangweilt. "Meine Arbeit war stumpf: Ich saß vor meinem PC, klickte den ganzen Tag auf Facebook in der Hoffnung, dass ein Freund irgendwas auf seinem Profil geändert hat." Clasen hat rund 300 Facebook-Freunde, das wäre genug Stoff für große Träume. Doch die Langeweile setzte sich auch am Wochenende fort, sagt er. Er ging trinken, als DJ bekam er alles umsonst. Doch letztlich war jeder Abend gleich.
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Es fing schon vor Jahren an : meine 6-jährige Tochter kam nach Hause und war sehr traurig. "Warum habt Ihr den Regenwald kaputtgemacht ?" Ich war aufgebracht. Mit sechs Jahren versteht man die Zusammenhänge in der Welt [...] mehr...
Hm, warum soll man als Mittelschicht-Bürger kein Konzernlenker werden können? Viele -wenn nicht gar die meisten- haben haben am Anfang einen stinknormalen Mittelschichtlebenslauf und kommen aus einer ganz normalen Familie...wenn [...] mehr...
Vielleicht sollte man diese versaute Handygeneration besser mit dem Rad auf Weltreise schicken, statt sie vor Ort auf die eigentümliche bundesdeutsche Weltanschauung zu konditionieren? mehr...
Ich denke, dass früher schon eher der Glaube " wenn du hart arbeitest, dann kannst du alles erreichen " verbreitet war, da die Gesellschaft egalitär(er) war, und man konnte auch solche Leute treffen, ich hatte mal [...] mehr...
---Zitat--- Das weiß man aber doch, wenn man sich dafür entscheidet, oder sind hier alle so furchtbar naiv. Dann tut es mir leid. Ich wusste auch als ich mich gegen die Uni entschieden habe, dass ich in der heutigen zeit [...] mehr...
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