Von Birger Menke
Seine Situation sei doch normal, sagt Clasen. Viele seiner Bekannten arbeiten selbständig: eine Großstadt-Boheme, die im Angestelltenverhältnis einen unnötigen Freiheitsentzug sieht und sich mit wechselnden Auftraggebern durchs Leben hangelt. Ein permanenter Übergang, der bei vielen funktionierte. Sie profitierten vom Outsourcing, davon, dass Firmen Einzelaufgaben an Externe übertragen, statt eigene Abteilungen zu schaffen. Ein Gewinn an Freiheit für beide Seiten: Die Boheme muss nicht in der Kantine essen, die Unternehmen sind nicht an Arbeitsverträge gebunden.
Doch die Wirtschaftskrise entzieht vielen Selbständigen den Boden, die Symbiose funktioniert nicht mehr, Freiheit wird zum Problem. Viele wüssten nicht mehr, wo sie hingehören, sagt Clasen. Oft hätten Mittdreißiger heute deshalb keine Familie, weil sie sich nicht festlegen wollten - auf keinen Arbeitgeber, keinen Partner. "Wer will Verantwortung übernehmen, der nicht weiß, was er will?", fragt er. Und meint zuerst sich selbst.
Clasen reist weiter. Er macht Zwischenstation an Frankreichs Westküste, fährt nach Bilbao und landet schließlich in Santiago de Compostela. Der Jakobsweg. Von Saint-Jean-Pied-de-Port aus pilgert Clasen los. Er hatte sich gehetzt gefühlt seit dem Aufbruch mit Iris und blieb nie lange, irgendwo könnte es ja besser sein. Der permanente Übergang ließ ihn nicht los. Beim Pilgern gelingt ihm eine Auszeit. "Ein klarer Plan: Heute 20 Kilometer gehen, morgen 30, übermorgen 25 Kilometer. Perfekt."
Die Vorhersehbarkeit macht die Freiheit angenehm. Und Clasen ist nicht mehr allein. Er lernt andere Pilger kennen, ein Japaner erzählt ihm seine Lebensgeschichte, ein Bayer erklärt ihm, er gehe den Weg, "um mich selbst zu finden".
Clasen findet nach einer Woche Schürfwunden unter Schröders Pfoten. Der Premiumdackel kann nicht mehr, Clasen muss das Pilgern abbrechen.
Vom Idealismus der Hippies ist nichts übrig geblieben
Clasen weiß immer weniger, was er will. Er entscheidet sich, die Hippies zu finden, die Iris suchte, er will wissen, "ob noch etwas vom Idealismus übrig geblieben ist". Er fährt nach Tarifa, wo Hippies in einem Camp am südlichsten Zipfel Europas leben, ganz am Rand, wenn man so will. Doch statt Lagerfeuerromantik trifft er auf Menschen, "die im Müll leben und den Müll nach Essen durchsuchen, manche sind drogenabhängig".
Iris macht derweil in Paris ein Praktikum bei einem berühmten Modemagazin, hat eine Wohnung im Künstlerviertel Marais. Sie wolle erstmal versuchen, sich im Beruf durchzusetzen, sagt sie. Aussteigen, das könne man immer noch. Ihre Generation habe einfach zu viel Angst, nach dem Studium keinen Job zu finden, das sei mit Mitte 30 vielleicht anders.
Clasen fährt nach Lissabon, auf dem Weg stellt er den Bus zwischen Windrädern ab, zieht sich bis auf die Unterhose aus, tanzt auf dem Dach und schreibt dann mit weißem Lack auf die Beifahrerseite: "I am still bored." Tausende Kilometer ist er gefahren, hat aufgehört zu rauchen und zu trinken. Kunden hat er keine mehr, keine Aufträge, keine Wohnung, keine Pflichten. Er ist frei - und hält es kaum aus.
Clasen sagt, er habe die Krise als Chance gesehen: "Ich hätte warten können, bis mein Geld durch Miete, Versicherung und Latte Machiatos aufgebraucht ist - oder ich konnte die Möglichkeit nutzen und etwas in meinem Leben ändern." Doch die pure Freiheit wird zum Optionsstress, wird zur Qual.
Clasens Eltern hatten sich getrennt, da war er drei Monate alt. Vater Claus zog nach Spanien, kaufte sich ein Haus, verkaufte Kerzen in Form von Eisbechern und Colaflaschen an Touristen. Der Kontakt riss ab, als Clasen zur Schule ging. "Andere Schüler wurden mit dicken Autos abgeholt, da passte ein Aussteigerpapa nicht mehr dazu."
Der Aussteigerpapa passt jetzt dazu
Als Clasen in Lissabon ankommt, erhält er eine E-Mail von seinem Onkel. Der schreibt, Claus lebe immer noch in Spanien, und schickt eine Telefonnummer und die Adresse. Clasen ruft an, fährt rund tausend Kilometer bis Altea und trifft seinen Vater wieder. Nach rund 25 Jahren.
"Nach drei Tagen hatte ich auch wieder den Impuls loszufahren, nach dem Motto: been there, done that, next please." Doch der Impuls wird schwächer, Clasen fühlt sich zum ersten Mal angekommen auf dieser Reise, "ich bin zur Ruhe gekommen". Vater Claus arbeitet drei bis vier Tage die Woche als Gärtner. Sonst trinkt er Kaffee im Dorf, liest, hält Siesta. Der Aussteigerpapa passt jetzt dazu.
Clasen bleibt zwei Wochen in Altea, nun ist er in Lissabon. Er hat seine Reise auf seinem Blog Egotrip.fm veröffentlicht. Er hat Videos gedreht, von Iris, in Paris, auf dem Jakobsweg, in Tarifa, beim Vater. Durch den Blog habe er sich unter Druck gesetzt, sagt Clasen. Er habe dokumentieren wollen, "was für eine coole Person ich bin, aber wie man in den Videos sieht: Ich bin gescheitert".
Clasen floh vor der Langeweile seines Bürojobs, vor dem Immergleichen. Der Job war weg, die Langeweile in ihm blieb. Trotzdem sei der Trip ein Erfolg, der aus dem Scheitern folge: Er habe eingesehen, "dass ich mich mein ganzes Leben langweilen werde".
Clasen will noch so lange unterwegs sein, wie das Geld reicht, "vielleicht zwei Monate". Er will sich auf einer Filmhochschule bewerben, ein Drehbuch schreiben über seine Generation, die durch ihr Leben rausche, die mit dem "was da ist, nicht glücklich ist, aber irgendwie damit umgeht, weil sie nicht aussteigen kann".
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