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Krisenaussteiger Egotrip mit Premiumdackel

2. Teil: Ein Premiumdackel macht schlapp - und ein Wiedersehen mit dem Vater nach 25 Jahren

Seine Situation sei doch normal, sagt Clasen. Viele seiner Bekannten arbeiten selbständig: eine Großstadt-Boheme, die im Angestelltenverhältnis einen unnötigen Freiheitsentzug sieht und sich mit wechselnden Auftraggebern durchs Leben hangelt. Ein permanenter Übergang, der bei vielen funktionierte. Sie profitierten vom Outsourcing, davon, dass Firmen Einzelaufgaben an Externe übertragen, statt eigene Abteilungen zu schaffen. Ein Gewinn an Freiheit für beide Seiten: Die Boheme muss nicht in der Kantine essen, die Unternehmen sind nicht an Arbeitsverträge gebunden.

Doch die Wirtschaftskrise entzieht vielen Selbständigen den Boden, die Symbiose funktioniert nicht mehr, Freiheit wird zum Problem. Viele wüssten nicht mehr, wo sie hingehören, sagt Clasen. Oft hätten Mittdreißiger heute deshalb keine Familie, weil sie sich nicht festlegen wollten - auf keinen Arbeitgeber, keinen Partner. "Wer will Verantwortung übernehmen, der nicht weiß, was er will?", fragt er. Und meint zuerst sich selbst.

Clasen reist weiter. Er macht Zwischenstation an Frankreichs Westküste, fährt nach Bilbao und landet schließlich in Santiago de Compostela. Der Jakobsweg. Von Saint-Jean-Pied-de-Port aus pilgert Clasen los. Er hatte sich gehetzt gefühlt seit dem Aufbruch mit Iris und blieb nie lange, irgendwo könnte es ja besser sein. Der permanente Übergang ließ ihn nicht los. Beim Pilgern gelingt ihm eine Auszeit. "Ein klarer Plan: Heute 20 Kilometer gehen, morgen 30, übermorgen 25 Kilometer. Perfekt."

Die Vorhersehbarkeit macht die Freiheit angenehm. Und Clasen ist nicht mehr allein. Er lernt andere Pilger kennen, ein Japaner erzählt ihm seine Lebensgeschichte, ein Bayer erklärt ihm, er gehe den Weg, "um mich selbst zu finden".

Clasen findet nach einer Woche Schürfwunden unter Schröders Pfoten. Der Premiumdackel kann nicht mehr, Clasen muss das Pilgern abbrechen.

Vom Idealismus der Hippies ist nichts übrig geblieben

Clasen weiß immer weniger, was er will. Er entscheidet sich, die Hippies zu finden, die Iris suchte, er will wissen, "ob noch etwas vom Idealismus übrig geblieben ist". Er fährt nach Tarifa, wo Hippies in einem Camp am südlichsten Zipfel Europas leben, ganz am Rand, wenn man so will. Doch statt Lagerfeuerromantik trifft er auf Menschen, "die im Müll leben und den Müll nach Essen durchsuchen, manche sind drogenabhängig".

Iris macht derweil in Paris ein Praktikum bei einem berühmten Modemagazin, hat eine Wohnung im Künstlerviertel Marais. Sie wolle erstmal versuchen, sich im Beruf durchzusetzen, sagt sie. Aussteigen, das könne man immer noch. Ihre Generation habe einfach zu viel Angst, nach dem Studium keinen Job zu finden, das sei mit Mitte 30 vielleicht anders.

Clasen fährt nach Lissabon, auf dem Weg stellt er den Bus zwischen Windrädern ab, zieht sich bis auf die Unterhose aus, tanzt auf dem Dach und schreibt dann mit weißem Lack auf die Beifahrerseite: "I am still bored." Tausende Kilometer ist er gefahren, hat aufgehört zu rauchen und zu trinken. Kunden hat er keine mehr, keine Aufträge, keine Wohnung, keine Pflichten. Er ist frei - und hält es kaum aus.

Clasen sagt, er habe die Krise als Chance gesehen: "Ich hätte warten können, bis mein Geld durch Miete, Versicherung und Latte Machiatos aufgebraucht ist - oder ich konnte die Möglichkeit nutzen und etwas in meinem Leben ändern." Doch die pure Freiheit wird zum Optionsstress, wird zur Qual.

Clasens Eltern hatten sich getrennt, da war er drei Monate alt. Vater Claus zog nach Spanien, kaufte sich ein Haus, verkaufte Kerzen in Form von Eisbechern und Colaflaschen an Touristen. Der Kontakt riss ab, als Clasen zur Schule ging. "Andere Schüler wurden mit dicken Autos abgeholt, da passte ein Aussteigerpapa nicht mehr dazu."

Der Aussteigerpapa passt jetzt dazu

Als Clasen in Lissabon ankommt, erhält er eine E-Mail von seinem Onkel. Der schreibt, Claus lebe immer noch in Spanien, und schickt eine Telefonnummer und die Adresse. Clasen ruft an, fährt rund tausend Kilometer bis Altea und trifft seinen Vater wieder. Nach rund 25 Jahren.

"Nach drei Tagen hatte ich auch wieder den Impuls loszufahren, nach dem Motto: been there, done that, next please." Doch der Impuls wird schwächer, Clasen fühlt sich zum ersten Mal angekommen auf dieser Reise, "ich bin zur Ruhe gekommen". Vater Claus arbeitet drei bis vier Tage die Woche als Gärtner. Sonst trinkt er Kaffee im Dorf, liest, hält Siesta. Der Aussteigerpapa passt jetzt dazu.

Clasen bleibt zwei Wochen in Altea, nun ist er in Lissabon. Er hat seine Reise auf seinem Blog Egotrip.fm veröffentlicht. Er hat Videos gedreht, von Iris, in Paris, auf dem Jakobsweg, in Tarifa, beim Vater. Durch den Blog habe er sich unter Druck gesetzt, sagt Clasen. Er habe dokumentieren wollen, "was für eine coole Person ich bin, aber wie man in den Videos sieht: Ich bin gescheitert".

Clasen floh vor der Langeweile seines Bürojobs, vor dem Immergleichen. Der Job war weg, die Langeweile in ihm blieb. Trotzdem sei der Trip ein Erfolg, der aus dem Scheitern folge: Er habe eingesehen, "dass ich mich mein ganzes Leben langweilen werde".

Clasen will noch so lange unterwegs sein, wie das Geld reicht, "vielleicht zwei Monate". Er will sich auf einer Filmhochschule bewerben, ein Drehbuch schreiben über seine Generation, die durch ihr Leben rausche, die mit dem "was da ist, nicht glücklich ist, aber irgendwie damit umgeht, weil sie nicht aussteigen kann".

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insgesamt 495 Beiträge
Coss 16.06.2009
Nachdem ich den Spon Test mitgemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die "Krisenkinder" langweilig und angepasst sind. Mit denen lässt sich nichts Interessantes backen - außer Apfelkuchen!
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Nachdem ich den Spon Test mitgemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die "Krisenkinder" langweilig und angepasst sind. Mit denen lässt sich nichts Interessantes backen - außer Apfelkuchen!
PeterShaw 16.06.2009
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Krisen. Anpassung ist also lebensnotwendig. Da die meisten Krisen allerdings Menschenwerk sind, stellt das Verhalten der Jüngeren einen Spiegel für die Älteren dar. Mir sagte neulich ein [...]
Zitat von sysopSind die Krisenkinder zu angepasst?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Krisen. Anpassung ist also lebensnotwendig. Da die meisten Krisen allerdings Menschenwerk sind, stellt das Verhalten der Jüngeren einen Spiegel für die Älteren dar. Mir sagte neulich ein Jüngerer: "Die 68er sind in den Sesseln der Macht angekommen - nun denken sie an ihre Rente und straffen die Bildung." Noch passen die Gestraf(t)en sich an.
metbaer 16.06.2009
Und wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, [...]
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Und wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, Jugendliche mit Alkoholvergiftung sind das Symptom des Scheitern unseres Systems, die Finanzkrise wird uns alles rauben (Haus, Auto, Erdbeeren im Supermarkt), eine geringe Wahlbeteiligung bei der Europawahl ist ein 90%iges Indiz für das Ende unserer Demokratie, ein niedriger Milchpreis gefährdet dauerhaft die Sicherung unserer Ernäherung, und so weiter und so fort. Keine Meldung, die nicht zur Panikmache mißbraucht wird, kein noch so unbedeutendes Ereignis, das nicht gleich 134 selbsternannte Experten ins Bild rückt, die alle prophezeien: - Es wird noch schlimmer - Nichts wird mehr so sein wie es mal war - Eigentlich ist gar nichts mehr zu retten Wer in einem solchen Klima von Angst und Panikmache aufwächst, läuft doch Gefahr irgendwann 'empfindlich und ängstlich' zu werden, denn leider benutzen nicht alle ihre Köpfe, schalten die Panikmache dann und wann ab und sagen sich: Die Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
PeterShaw 16.06.2009
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Ich frage mich nur, ob "die Menschheit" gerade heute das Kriterium ist. Geht es nicht vielmehr um die Erdbeeren, die ICH essen will?
Zitat von metbaerDie Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Ich frage mich nur, ob "die Menschheit" gerade heute das Kriterium ist. Geht es nicht vielmehr um die Erdbeeren, die ICH essen will?
kindlich 16.06.2009
es mag sein, dass wir angepasst erscheinen. aber warum hat das wort angepasst gleich einen so vorwurfsvollen und abwertenden klang. warum müssen wir uns von vorhergehenden generationen dieses wort "angepasst" als vorwurf [...]
es mag sein, dass wir angepasst erscheinen. aber warum hat das wort angepasst gleich einen so vorwurfsvollen und abwertenden klang. warum müssen wir uns von vorhergehenden generationen dieses wort "angepasst" als vorwurf anhören? wie sollen wir uns denn jetzt richtig orientieren, neue grenzen setzen, wenn uns die grenzen, in die wir hineingeboren wurden, gefallen, wenn wir uns wohl genug in ihnen fühlen und daher nicht lauthals demonstrieren, dass nicht alles wirklich nach unseren vorstellungen geht? wir leben eine passivität, mit der wir nicht zufrieden sind. aber wir sehen doch auch, dass aufbegehren, demonstrieren seine klaren grenzen hat. ist es denn von bedeutung sich aufzulehnen, wenn man von den vorgängergenerationen nur zu hören bekommt, was man alles falsch macht? dass man sieht, dass die proteste, das "nicht-angepasst-sein" letztendlich nur zu nichts führt, außer dem eindruck, dass unsere generation vielleicht nicht mehr angepasst, aber dafür vorlaut und selbstgerecht ist? die angepasstheit ist eine möglichkeit unseren weg zu finden, uns zu verwirklichen, auch wenn das auf die "revolutionären" generationen einen schalen eindruck macht.
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