Von Peter Wagner

Karoline, 28, hat einen Mann, Kinder - und pflegt obendrein ihre Mutter
In einem kleinen Ort nahe Augsburg lebt Karoline. Sie ist heute 28 Jahre alt und konnte noch nicht richtig reden, da hatte ihre Mutter schon einen Schlaganfall. Karoline erklärt ziemlich gut, wie die Krankheit der Mutter ihr Leben formte. Immer wenn sie überlegt, scheint sie zu lächeln.
"Ich war zweieinhalb, da platzte in ihrem Kopf eine Ader. Die Blutung hat das Gehirn stark zerstört. Die ganze Familie hat sich viel um sie gekümmert. Ich hab sie bis in meine Pubertät hinein zum Arzt begleitet und ihr beim Kochen geholfen. Vor allem hat sie Schnitzel, Nudeln und Pizza gekocht. Das gab es jede Woche. Irgendwann bin ich eingeschritten und habe selbst gekocht.
Mit 15 wollte ich nicht mehr und bin mehr ausgegangen, was sie wiederum sauer gemacht hat. Sie hat bei anderen geschimpft, was für eine unmögliche Tochter ich sei (dazu muss ich sagen, dass die Hirnseite, die sie zum Reden braucht, intakt ist. Sie redet wie ein Wasserfall. Manches sagt sie 100 Mal.) Unser Verhältnis war immer schwierig zu definieren. Eltern sagen normalerweise: 'Jetzt reicht's'. Aber so war es nie, und so konnte es mit ihr nicht sein.
Karoline dachte: "Es hilft nichts, jetzt muss ich helfen"
Mein Vater hat immer gearbeitet, und meine Brüder und ich konnten machen, was wir wollten. Oma und Opa haben schon mal gesagt, wo es lang geht. Aber als mein Vater abends heimkam, war er froh, uns zu sehen. Er hatte anderes zu tun, als uns für den Ungehorsam zu schimpfen, den er nicht mitbekommen hatte. Irgendwann aber begann er sich abzuwenden. Er suchte Abstand und verbrachte viel Zeit im Wald. Er ist Jäger. Inzwischen wäre der Haushalt fast untergegangen. In dieser Zeit hat es bei mir den Schalter umgelegt, und ich habe mir gedacht: 'Es hilft nichts. Jetzt muss ich mithelfen.' Das war die Entscheidung."
Karoline lernt nach dem Schulabschluss Hauswirtschaft, dann Altenpflege, jetzt ist sie Mutter und Hausfrau und lebt ganz oben im großen Haus ihrer Eltern. Im Erdgeschoss wohnen der Vater und die Mutter, im ersten Stock der Opa, im zweiten Stock Karoline selbst mit ihrem Mann und den beiden Söhnen. Seit Jahren hört sie manchmal minütlich die nie verstummende Stimme ihrer Mutter durch das Haus hallen, die ihren Namen ruft.
"Karo? Karo?" Karo folgt der Stimme, zieht ihre Mutter an, kocht für sie, hilft ihr beim Waschen, sie redet mit ihr. Wenn die Mutter nicht schreit, sondern zehn Mal in Folge vom Erdgeschoss in den zweiten Stock telefoniert, nimmt Karo zehn Mal ab. Selbst wenn sie gerade ihre Kinder ins Bett bringt. Wenn Karos Mann deswegen grummelt, beschwichtigt sie und sagt den Satz, den sie häufig sagt: "Sie kann doch nichts dafür."
"Das Geheimnis der Pflege ist Geduld", sagt Karoline. Sie legt gelassen ihre Hände um das Glas Wasser auf dem Tisch vor sich. "Viele haben mir schon geraten, kürzer zu treten. Immer wieder höre ich von Freundinnen den Satz: 'Wie schaffst du das?' Ich weiß, er ist als Kompliment gemeint. Aber was soll ich damit anfangen?
Sind andere Menschen glücklicher?
Wenn ich von Anfang an gesagt hätte, ich mache das nicht, wäre mein Vater bestimmt nicht böse gewesen. Aber mit meinem Gewissen hätte ich es nicht vereinbaren können. Wenn sie stirbt, möchte ich nicht an ihrem Grab stehen und denken: 'Ich hätte es anders machen sollen.' Sie ist meine Mutter. Und sind denn andere Menschen glücklicher, nur weil sie am Wochenende machen können, was sie wollen?"
Die Bundesregierung will, dass möglichst viele Menschen zu Hause bleiben können, wenn sie Pflege brauchen. Vickys Mutter ist jetzt wieder zu Hause, und es ist mühsam. Vicky verzichtet auf den ambulanten Pflegedienst (Anziehen, Waschen und Füttern kann sie ihre Mutter selbst). Deswegen bekommt sie monatlich nur noch 675 Euro sogenanntes Pflegegeld überwiesen. Jene 1470 Euro erhält sie nur, wenn sie davon einen Pflegedienst zahlt (deswegen heißen die 1470 Euro nicht Pflegegeld sondern Sachleistung). Hinzu kommen monatlich 200 Euro Betreuungsgeld und die Rente der Mutter. Die reicht für Essen, Kleidung, Medikamente und Miete und damit genau so weit, dass Vicky für sich und ihre Mutter keine Sozialhilfe beantragen muss. Einmal im Jahr bekommt sie 1470 Euro für den Fall, dass sie in den Urlaub geht und eine Ersatzpflegerin braucht.
Allerdings kann Vicky ihre Mutter kaum alleine lassen. Die Mutter ist der Tochter verbunden wie ein Kind. Versuche, sie in eine Tagespflege-Einrichtung zu gewöhnen, schlagen fehl, weil die Mutter meist aufschreit, sobald die Tochter den Raum verlässt. Vicky geht auch nicht mehr aus. Ihr Freundeskreis ist zusammengeschnurrt, seit sie alle Einladungen absagt. "Ich bin isoliert", sagt sie, und es klingt sehr sachlich. Auf die Frage, ob sie nicht nochmal daran gedacht habe, es in einem anderen Pflegeheim zu versuchen, antwortet sie schnell und schroff: "Heim kommt nicht in Frage." Es klingt wie ein Punkt.
"Klar könnte ich das scheiße finden und traurig..."
Manuel ist seit zehn Jahren Vickys Freund. Sie nennt ihn manchmal ihre "einzige Stütze", er ist 30 und beendet gerade sein Informatikstudium. Manuels Mutter ist Altenpflegerin. Vielleicht kommt daher seine geklärte Sicht auf Vickys Leben. "Ich verstehe zu 100 Prozent, dass sie ihre Mutter nicht ins Heim bringen will. Ich hätte sie auch nicht dort gelassen. Vicky leistet seitdem Wahnsinniges und verzichtet auf Vieles. Ich rede gar nicht von Partys, sondern von einer vernünftigen Ausbildung. Ich sage ständig, sie soll doch die Klausuren mitschreiben. Sie meint dann, dass es nicht gehe, dass es alles zu viel werde. Für unsere Beziehung war die Umstellung dafür kein Problem - angesichts der Pflege eines Menschen werden viele Dinge lächerlich, finde ich. Deshalb mag ich darüber gar kein Wort verlieren. Wenn wir uns zurückziehen wollen, machen wir das eben in meiner Wohnung. Die ist Luftlinie 50 Meter entfernt. Montagnachmittag zum Beispiel geht es. Da bleibt die Mutter mittlerweile für drei Stunden in einer Betreuungsgruppe der Kirchengemeinde." Manuel überlegt und setzt noch einmal an. "Klar könnte man das alles scheiße finden und traurig, wütend und frustriert zugleich sein. Aber man kann auch versuchen, es anzunehmen."
Sabine Metzing-Blau traf Jugendliche, die ihren Frust über die Pflege in sich fressen, und wenn sie fragte, wo sich dieser Frust abbaue, sagten manche: 'Nirgendwo.' Sie traf allein erziehende Mütter, die fragten: 'Was soll ich sonst machen?' Metzing-Blau schrieb aus den Dutzenden von Gesprächen mit Eltern und Kindern und Jugendlichen ihre Doktorarbeit und gründet zurzeit mit der Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg etwas, das für Gepflegte und Pflegende vielleicht am nützlichsten ist: eine Beratungsstelle. Damit jene, die zu Hause die Rollen getauscht haben, mitbekommen, dass sie nicht alleine sind.
Vicky fragt, wie es ihrer Mutter geht - sie zieht eine Schnute
Gibt es eine moralische Verpflichtung, die eigenen Eltern zu pflegen? Sozialwissenschaftler wie Sabine Metzing-Blau wollen auf die Frage nichts sagen. Vielleicht gibt es auch keine klare Antwort. Es gibt vielleicht nur persönliche Antworten, die entstehen, wenn jeder für sich sein Gewissen und seine persönliche Situation gegeneinander wiegt. Der Kapuzinerbruder Paulus aus Würzburg redet immer sonntags in einer eigenen Fernsehtalkshow mit seinen Gästen über das, was man im Leben machen und lassen soll. Im Gespräch über die Elternpflege nähert er sich einer möglichen Antwort.
"Wir müssen Abschied nehmen von der Vorstellung, was ein gelungenes Leben ist. Ausbildung, Heirat, Kinder, Karriere - der Weg ist in Ordnung. Ein gelungenes Leben kann aber auch bedeuten, die Mutter zu pflegen und auf Tanz und Kino zu verzichten. So kann man auch zu einem wunderbaren Menschen heranreifen. Klar gibt es Lebensgenossen, die sagen: 'Du kannst doch nicht dein Leben opfern.' Das ist aber das Verrückte und Gute, dass Menschen so sein können. Man kann fragen: 'Was hast du dann noch vom Leben?' Da frage ich: 'Was ist das Leben eigentlich?' Es heißt, sich zu engagieren, zu lieben, sich zu opfern. Aber: Niemand zwingt einen dazu!"
Vicky zieht ihre Schuhe an, fährt mit dem Aufzug nach unten und geht aus dem Hochhaus. Sie holt ihre Mutter aus dem Betreuungskreis der Kirchengemeinde. Die Mutter sitzt im Rollstuhl und hat ein rundliches Gesicht, das Fröhlichkeit und Melancholie zugleich ausdrückt. Vicky fragt, wie es ihr gehe und die Mutter zieht zur Antwort eine Schnute. In der Krankengymnastik übt sie zurzeit das Gehen. Manchmal geht es. Sehr langsam. Trippelschritte.
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