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27.08.2009
 

Der Herr Studiosus

Sag mir, wo die Mädchen sind

Von Hendrik Steinkuhl

AP

Germanistikstudent Paul, frisch genesen, schiebt den Semesterferienblues. Ganz allein in der Studentenstadt kämpft er gegen Rentner und Altpapiertürme. Die schönen Studentinnen bräunen sich alle im Freibad zwischen arschgeweihten Arzthelferinnen. Aber im nächsten Sommer wird alles anders!

Bin länger weg gewesen. Hausarrest, selbst verordnet. War krank. Hab von den Dosen gelebt, die schon in der alten Wohnung hinten im Regal standen. Endlich sind die weg.

Die Krankheit als Chance begreifen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nichts weiter als ein ganz grober Richtwert. Muss mich langsam wieder rantasten. Längere Sätze fallen noch schwer. Aber wird schon, ist wie mit kaltem Wasser: Wenn man erstmal drin ist, geht's.

Bin gestern das erste Mal draußen gewesen. Haus verlassen, selbst verordnet. War keiner da.

Blöde Semesterferien.
Blöde Studentenstadt.

Ich mag dieses Entkernte nicht. Als würde übermorgen die Rote Armee anrücken. Dann hätte ich auch zu Hause wohnen bleiben oder nach Brandenburg ziehen können. Auf den Straßen riecht es nach Kölnisch Wasser und Franzbranntwein. Die Rentner trauen sich wieder raus. Heute Morgen hat einer versucht, mir seinen Schirm zwischen die Speichen zu stecken, weil ich auf dem Bürgersteig Fahrrad gefahren bin. Wenn man für drei Monate in der Überzahl ist, wird man schon mal übermütig.

Stadtflucht aller optisch ambitionierten Studentinnen

Unser Hauseingang ist zugemüllt mit Abos und Probe-Abos, die keiner mehr liest. Gestern Morgen dachte ich: Hier liegen Zudecken für fünf bis sieben Obdachlose. Winterdecken! Normalerweise klaue ich mir jeden Morgen eine "Süddeutsche". Aber da fehlt jetzt irgendwie der Thrill.

Wäre ich eine ambitionierte Kunststudentin, ich würde den wachsenden Papierhaufen jede Woche fotografieren und daraus die Bilderserie "SoSe-Ferien 09" machen. Mein Prof, mit dem ich seit dem zweiten Semester was laufen hätte (ist unter Kunststudentinnen so üblich, glaube ich), wäre begeistert und könnte mir zum ersten Mal eine Eins geben, die nicht auf unserer Beziehung beruht.

Wäre ich eine ambitionierte Sozialpädagogikstudentin, ich würde den Zeitungshaufen jeden Tag an Migrantenkinder verteilen, um sie beim Erwerb der deutschen Schriftsprache zu unterstützen. Boulevardblätter ("Focus", "Die Welt") gäbe ich natürlich an Arztpraxen und Friseursalons.

Vermutlich wäre mein Leben als ambitionierte Kunst- oder Sozialpädagogikstudentin ein deutlich erfüllteres. Aber jetzt, nach sieben Semestern Germanistik, nochmal ganz von vorn anfangen …

Ganz sicher wären meine Semesterferien erfüllter, hätten nicht so viele optisch ambitionierte Studentinnen Stadtflucht begangen. Meinen Eindruck, dass hier gerade die hübschen Mädchen fehlen, kann ich übrigens beweisen: Im Edeka bekommt man nach 19 Uhr noch fettreduzierte Frischmilch. Da ich Kuhmilch nicht trinke, weil ich dann sofort pupsen muss, habe ich davon aber auch nichts.

Zwischen Russinnen und Arschbombenkönigen

Auf Wetterdotcom habe ich gerade gelesen, dass es morgen bei uns 30 Grad hat (süddt. für werden). Die schönen Mädchen bräunen sich ihre Mäse (niederdt. für Popo) aber nicht hier, sondern im Freibad von Ochtrup, Laggenbeck und Billerbeck. Da liegen sie dann - mitten zwischen den Arzthelferinnen, Kindergärtnerinnen und jungverheirateten Russinnen, alle mit Steiß-Tattoo und fetziger Kurzhaarfrisur.

Die ganze Ordnung gerät durcheinander. Wenn ich hier nachher ins Freibad gehe, werde ich wohl aus lauter Langeweile Bahnen schwimmen müssen. In Ochtrup und Brochterbeck warten derweil die arschgeweihten Arzthelferinnen und Kindergärtnerinnen darauf, dass sie endlich mal einen Ball oder eine Frisbee an den Kopf bekommen (so beginnt der klassische Freibadflirt). Doch sie warten vergeblich. All die Fitnessstudio-Poser, all die Arschbombenkönige und all die Spacken, die zehn Minuten auf dem Einer federn, bevor sie endlich abspringen - sie alle hocken um die Handtücher der schönen Studentenmädchen und können kaum fassen, was die Semesterferien da in ihr Waldbad geschwemmt haben.

Da fällt mir ein: Jedes Mal, wenn mein fesches Damenrad ein wenig zu weit auf dem Trottoir parkt, klemmt mir die Kommune zwischen die ganzen Schaum- und Hausparty-Flyer auf meinem Gepäckträger einen fetten gelben Zettel: "Ihr Fahrrad ist ein Verkehrshindernis".

Parole: "Geh nicht fort, sonn dich vor Ort"

Darunter folgt eine detaillierte Verkehrsbelehrung: "Nicht auf stark frequentierten Bürgersteigen abstellen…" (auf den Ausdruck "stark frequentierter Bürgersteig" reagiert mein Magen ähnlich wie auf den Genuss von Kuhmilch), "…nicht an Bushaltestellen, schmalen Gehwegen, engen Passagen, Eingängen, Lieferzonen…" Wer da noch keine Lust bekommen hat, sein Fahrrad in Zukunft nur noch vor den Eingängen von Altenheimen abzustellen, den packt es spätestens im vorletzten Satz: "Geordnet abgestellte Fahrräder verbessern auch das Stadtbild."

Selten hat man mich so geschickt zwischen den Zeilen motiviert. Liebe Kommune, ich spreche ganz offen: Wer keinen Cent investiert, um die hübschen Studentenmädchen im Sommer hier zu halten, der hat mir in punkto schönes Stadtbild schon mal überhaupt nichts zu sagen.

Im nächsten Juni will ich Plakate sehen ("Geh nicht fort, sonn' dich vor Ort" oder so), ich will eine fette Kampagne, ich will als Incentive (PR-Wichtigtuerdt. für Anreiz) zum Dableiben die "Summerinthecity"-Studentenmädchentüte mit selbstbräunender Bodylotion, Enthaarungscreme für die Bikinizone und fettfreiem Grillfleisch.

Liebe Kommune, ich habe noch mehr gute Ideen. Aber die gibt es nur im Tausch gegen zwei zusätzliche Papiertonnen. Ich gehe jetzt ins Freibad und fange was mit einer tätowierten Arzthelferin an. Wenn man länger krank gewesen ist, hat man gelernt, sich erstmal zu bescheiden.

Aber der Sommer 2010 - das könnte meiner werden.

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Der Herr Studiosus

Jette Golz
Der Erzähler heißt Paul, der Autor Hendrik. Von Paul wissen wir: Er ist ein bisschen verwöhnt, mag Jurastudentinnen, meidet die Mensa um jeden Preis. Hendrik Steinkuhl, Jahrgang '81, hat Politikwissenschaften und anderes in Hamburg, Münster und Bergamo studiert. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und wohnt in der Nähe von Osnabrück.


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