Von Nadja Schlüter
Hanna Poddig lässt sich nicht einordnen. Was sie macht, wirkt wie eine Mischung aus Greenpeace-Aktionen und den Forderungen der 68er. Doch was ihre Rebellion von all den bestehenden und gewesenen Bewegungen unterscheidet, ist, dass Hanna keiner Bewegung angehört. Bei allem, was sie tut, beruft sie sich nur auf sich selbst. Wenn sie das Recht auf freie Meinungsäußerung nutzt, aber gleichzeitig gegen die Demokratie ist, die ihr dieses Recht gibt, dann, weil sie niemanden will, der Regeln aufstellt; niemanden, der sagt, was sie nicht tun darf oder was ihr alles erlaubt ist.
Sie will die Regeln, nach denen sie lebt, selbst machen. Vielleicht liebt sie die Freiheit. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur mutiger als andere, wenn sie öffentlich sagt, was sie denkt.
Das Demo-Essen ist senfgelb und breiig, schmeckt aber gut und ist gegen eine Spende zu haben. Aber was isst Hanna, wenn es gerade keine Demo mit einer sogenannten "Volxküche" gibt? Wie finanziert sich jemand, der hauptberuflich Castortransporte aufhält? Hanna lebt in einer WG in Berlin-Neukölln. "Das wenige Geld, das ich brauche, bekomme ich über Referentinnenjobs", erzählt sie. Sie hat zum Beispiel bei der Hamburger Ökostromkampagne "Tschüss Vattenfall" mitgearbeitet.
Ein Buch übers Anderssein
"Außerdem lebe ich sehr sparsam. Vieles lässt sich ohne Geld regeln. Man muss eben Schenk- und Umsonststrukturen aufbauen, Trampen und Containern gehen." Containern gehen bedeutet, nachts in Supermarkttonnen zu klettern und die weggeworfenen Lebensmittel herauszuholen, an denen nichts zu bemängeln ist als etwa ein falsches Etikett - sie sind noch nicht abgelaufen, und die Container der Supermärkte sind sauber. Für Hanna ist das wie einkaufen gehen, es nervt sie, dass die Medien gerade einen Trend daraus machen. "Ich bekomme oft Anfragen, weil irgendein Sender mich dabei filmen will. Obwohl alles andere, was ich mache, viel interessanter ist."
Auch der Rotbuch-Verlag war erst auf dieses Thema fixiert: "Ob ich ein Buch übers Containern schreiben will, haben sie gefragt - und ich habe nein gesagt." Hanna hat dann aber doch ein Buch geschrieben. Eines, in dem auf ein Kapitel über das Containern 13 weitere Kapitel über ihr Protest-Leben folgen. "Radikal mutig" heißt es. Und auch der Untertitel klingt sehr nach Hanna: "Meine Anleitung zum Anderssein".
Während der Abschlusskundgebung besorgt sich Hanna bei einer Freundin neue Flyer. Als ein junger Mann auf sie zusteuert, um zu fragen, "ob hier denn schon alle Ökostrom haben", nimmt Hanna seinen Zettel mit den Angeboten genauer in Augenschein und weist ihn auf einen Anbieter hin, der ihrer Meinung nach nicht astrein ökologisch produziert. "Den müsst ihr echt mal rausnehmen aus eurem Angebot", sagt sie, und sie sagt es gar nicht besonders freundlich, sondern eher nebenbei, fast ein bisschen herablassend. Der Mann wird verlegen. "Ja, ich weiß", sagt er.
"Stolz ist kein gutes Wort"
Hanna interessiert das nicht weiter. Sie schnallt sich die Stelzen an und verteilt Flyer. Zwischendurch jongliert sie, Kameras werden gezückt, ein paar Leute belächeln sie. Wenn jemand nicht mag, was sie macht, findet Hanna das nicht schlimm. "Ich bin nicht harmoniesüchtig", sagt sie.
Nach der Demo trinkt Hanna in einem Café eine heiße Zitrone. "Ohne Honig" betont sie beim Bestellen, denn Honig ist nicht vegan. Sie ist jetzt heiser. Nicht etwa, weil sie zu viel geschrien hat, sie ist einfach nur erkältet. "Das ist schlecht für mich, ich plappere doch so gerne den ganzen Tag."
Ist sie stolz auf das, was sie tut? "Stolz ist kein gutes Wort dafür. Natürlich freut es mich, wenn eine gelungene Aktion groß in der Zeitung erscheint. Aber dadurch fühle ich mich nicht als etwas Besseres." Fragt man Hanna nach ihrer Utopie von dieser Welt, antwortet sie, dass sie vor allem weiß, was sie nicht will. Zum Beispiel kein Militär, keine Gefängnisse und keine Atomkraft.
Ihr Kampf dagegen wird wohl auch die kommenden Jahre bestimmen. "Gerade fühle ich mich wohl mit dem, was ich mache", sagt Hanna. "Und es gibt Leute, die mir zeigen, dass man davon leben kann. Aber vielleicht will ich in zehn Jahren was ganz anderes. Eine lange Reise oder ein Studium. Ich hoffe, dass ich auch dann genau das mache, worauf ich Lust habe."
Nach der heißen Zitrone bricht Hanna auf, um sich den Ausläufern der Demo anzuschließen, bei denen auch ihre Mutter ist. Als Hanna Richtung Brandenburger Tor läuft, trägt sie ihre Stelzen unter dem Arm. Sie ist jetzt einen Meter kleiner als am Morgen. Aber auch 1,57 Meter können ausreichen, um einen Zug aufzuhalten.
Von Nadja Schlüter für Jetzt.de
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Stimmt. Wenn das Mädel 16 wäre, schön. Aber mit 24 sollte man schon ein bisschen Hirn haben. Solche Leute gibts übrigens nur im Wohlfahrtseuropa. mehr...
Die Dame erinnert mich an ein Lied von Reinhard Mey (oder May ?). Annabelle, ach Annabelle .... mehr...
Die Dame lebt von der Gesellschaft, ist aber gegen die Gesellschaft. Beruft sich auf freie Meinungsäußerung ist aber gegen Wahlen. Die Dame ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass Kreativität nicht zwangsläufig Konstruktivität [...] mehr...
Bei der Lektüre eines solchen Schicksals fühlt man sich doch fast zwangsweise an die harten Worte Herbert Spencers über solche Existenzen erinnert: "Wenn man in einer Londoner Straße eine Droschke herbeiruft, passiert es [...] mehr...
Es ist zwar wahrscheinlich umsonst, aber ich versuch's nochmal. Das tut sie. Oder glauben Sie sie wird nach dem Buch z.B. das Schwarzfahren, die Sachbeschädigungen und das Auslösen von Polizei- und Rettungskräfteeinsätzen [...] mehr...
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