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02.03.2010
 

Deutsch in der Fremde

Ständchen für David Hasselhoff

Tanz den Hasselhoff: "Bist du nervös, Deutschland?"
Fotos
Getty Images

Daheim und unterwegs sucht Philipp Kohlhöfer das Deutschland-Gefühl - in der Liebe und im Baumarkt, bei Nelly Furtado oder beim Campen. Im übelsten Viertel von Los Angeles musste der SPIEGEL-ONLINE-Buchautor mit einem Obergangster den grässlichsten aller Songs trällern: "Looking for Freedom".

"Ihr verrückten Deutschen", sagte der Generalstaatsanwalt von Los Angeles. Er sah mich an, als wären mir zwei Köpfe gewachsen. "Von hier", sagte er, "können Sie die Kriegszone sehen." Er deutete aus dem Fenster seines Büros. Wir redeten über South Central Los Angeles, dieses Konglomerat an Stadtteilen, das für seine Jugendgewalt weltbekannt ist.

"Alleine nach Watts?" "Im Dunkeln?" Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf.
Ich nickte. Ich stand auf. Ich war verabredet. In Watts.

Ich war mit jemandem verabredet, dessen Namen ich nicht kannte, der aber als OG1 im Viertel bekannt war, was "Original Gangster Number One" bedeutet. OG1s haben die Gang in ihrem jeweiligen Block gegründet und sind daher Chef des dortigen Vereinswesens. Wir sollten uns in einer Garage treffen.

Als ich dort am späten Abend ankam, saß ein Dutzend Hispanics, alles Männer, herum und trank Bier, einer spielte mit einem Gewehr. Alle trugen sehr weite Klamotten. Ich war nervös und stellte mich vor: Journalist aus Deutschland, belangloser geht es kaum, mehr gab es nicht zu sagen.

"Bist du nervös, Deutschland?"

Offenbar besaß ich keinen großen Unterhaltungswert, die Gespräche gingen weiter, als sei ich nicht da. Irgendwann stand der Mann mit dem Gewehr auf und kam auf mich zu, es war OG1. Ich wurde nervöser. Ich schwitzte übermäßig, so warm war es gar nicht. Ich hätte auch als Fabrikschmierfettproduzent arbeiten können, hätte nur jemand den überschüssigen Talg von meiner Haut abgeschabt. Ich glänzte wie ein Ferkel.

OG1 sah mich an. "Bist du nervös, Deutschland?", fragte er. Ich grunzte.

Ich müsse das nicht sein, sagte er. "Niemand wird böse geboren." OG1 war im Knast gewesen, da er versucht hatte, einen Bekannten zu erschießen, der ihm Wochen zuvor ein Messer in den Bauch gerammt hatte. Weil er den Bekannten aber nur anschoss, kam er nach ein paar Jahren wieder frei. Mittlerweile kümmerte er sich nur noch um Mitarbeiterführung, indem er gesellige Abende veranstaltete.

Ich sah mich in der Garage um, sie war eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit Sofa und Kühlschrank. An der Wand hing tatsächlich eine Dartscheibe, allerdings auch ein Waffenschrank. Er stand offen.

OG1 ging zu ihm, stellte das Gewehr hinein, ging weiter zum Kühlschrank, nahm zwei Dosen Bier und reichte mir eine. "Bro, ich kenne Deutschland." Ich entspannte mich, das Auslandsthema, hier war ich gut, ich stellte mich auf den üblichen Small Talk ein: Hitler zuerst, danach Autobahn und Bier. Deutschland eben. Ich frage mich, ob Engländer immer über die Beatles reden müssen und Italiener immer über Nudeln.

"In Deutschland ist David Hasselhoff ein Star."
Alles lachte. Es war ein hämisches Lachen. Eines, bei dem die Gangster mich währenddessen so mitleidig ansahen wie ein sterbendes Tier.

Ich versuchte zu erklären, dass Hasselhoff mitnichten ein Star war. Ich brachte die üblichen Verdächtigen ins Spiel. Goethe, Schiller, Bach, der ganze Stolz der deutschen Kulturnation. Niemand kannte einen von ihnen, was okay ist, schließlich kenne ich auch niemanden, der jemals bei einer Aufführung von Bachsonaten war, und auch niemanden, der in seiner Freizeit Goethe liest.

Ich durfte, ich musste Hasselhoffs größten Hit singen

Ich überlegte. Beispiele mussten her. Deutsche Stars, international bekannt. Ich war ziemlich unkreativ. So kann man das wohl sagen, denn auf die Frage, welche Musik es in Deutschland außer dem großen Barden Hasselhoff sonst gäbe, sagte ich tatsächlich "Scorpions". Ich hatte dem Land keinen Gefallen getan.

OG1 hatte eine Idee.
"Du kannst bestimmt den Text."

Er bat mich, Hasselhoffs größten Hit für ihn zu singen. Die Bitte wurde in einer Form vorgetragen, die man aus dem Kino kennt. OG1 legte mir die Hand auf die Schulter und lächelte dabei so, dass man genau weiß, dass es keine gute Idee wäre abzulehnen. Es sei denn, man möchte einbetoniert und in einem Fluss versenkt werden.

Ich trank mein Bier aus und nahm eine neue Dose. Ich stand in der Mitte des Raums, OG1 neben mir. Ich fing an zu singen, ganz leise. Zu meiner Überraschung stieg OG1 ein, er war schon recht betrunken, er kannte den Text, er sang ziemlich laut. Er begann zu tanzen.

Jugendtrauma: Damals, im Tanzkurs

Er packte mich an den Schultern, ich sollte mittanzen. "I've been looking for freedom, I've been looking so long." Ich spürte, wie das Abendland unterging, jetzt war auch alles egal. Außerdem hatte ich schon mal zu David Hasselhoff getanzt, und so schlimm wie damals konnte es nicht werden.

Ich war vierzehn Jahre alt, hatte pubertätsbedingt Arme, die bis zum Boden reichten, und war schon damals stark kurzsichtig. Ich war gerade konfirmiert worden, und weil das so üblich war nach der Konfirmation, machte ich einen Tanzkurs. Just zu dieser Zeit hatte David Hasselhoff seinen größten Hit, weswegen in übler Regelmäßigkeit zu "I've been looking for freedom" getanzt wurde.

Es gab einen Tanz, bei dem im Kreis um ein Mädchen gehüpft wurde. Nach einer Umdrehung hüpfte man weiter zur nächsten, was auch für langarmige Halbblinde die Chance bot, wenigstens einmal mit jemandem zu tanzen, der attraktiv war.

Ich freute mich schon vier oder fünf Tanzpartnerinnen vorher auf Melanie. Als ich endlich an der Reihe war, holte ich besonders viel Schwung, ich wollte besonders gut sein. Nun kam ich leider in zu großer Geschwindigkeit angehüpft und erreichte die Hände der Frau nur noch, als ich schon im Fallen war. Tanzschuhe haben nun mal keine Sohle. Mein eigener Schwung warf mich aus der Kurve. Ich stürzte auf den Rücken, trat dabei Melanie allerdings von vorne in die Beine, was sich auf ihre Standfestigkeit negativ auswirkte. Sie stürzte ebenfalls.

So ein übles Lied vergisst man nie

Leider fiel sie nicht auf mich, selbst das war mir missgönnt. Ich schnüffelte in ihre Richtung, um wenigstens die Impression ihres Parfums mit nach Hause zu nehmen. Dabei beugte ich mich wohl sehr nach vorne, denn bald hörte ich vor allem Mädchen Worte wie "ekelhaft" und "notgeil" benutzen. Schlimmer konnte es nie mehr kommen.

OG1 und ich, wir sangen zu zweit und tanzten zu zweit. Ich war erstaunlich textsicher. "I've been looking for freedom, I've been looking so long", Arme in die Höhe.

"I've been looking for freedom
still the search goes on

I've been looking for freedom
since I left my home town

I've been looking for freedom
still it can't be found."

Es war sicherlich eines der schlimmsten Lieder, die jemals geschrieben wurden. Kein Wunder, dass David Hasselhoff danach zum Alkoholiker wurde. Ich trank ebenfalls, anders konnte man das ja nicht aushalten. Nun ist US-Bier ja eine solche Plörre, dass man es auch schnell trinken kann, trotzdem waren die Gangster beeindruckt. Sie deuteten das schnelle Biertrinken als weiteren Beweis meines Deutschtums. Auf eine Handbewegung von OG1 reichte mir ein Kleinganove noch eine Dose. Und noch eine und noch eine. Ich trank ein Bier nach dem anderen. Wir tranken in erster Linie auf David Hasselhoff. Dann noch auf die deutsch-amerikanische Freundschaft und die Freundschaft zwischen St. Pauli und Watts.

Ich hatte in der Zwischenzeit sieben Dosen Bier getrunken und musste dringend aufs Klo. OG1 zeigte mir den Weg ins Haus. Im Erdgeschoss lief mir eine Frau in weißem Ballkleid über den Weg. Sie erklärte mir den Weg zum Klo, es war im zweiten Stock. Eine Frau in weißer Abendgarderobe, das schien mir in Watts, South Central L.A. irgendwie surreal. Ich kam mir vor wie in einem David-Lynch-Film. Ich erwartete, dass gleich noch ein Schimmel über den Flur lief. Ich stand am Treppenabsatz und wartete. "Auf was warten Sie?" fragte die Frau. Ich sagte: "Ich warte, bis das Pferd vorbeigelaufen ist." Die Frau entfernte sich kopfschüttelnd.

Ich schwankte die Treppe hinauf. Ich fand das Klo nicht sofort und ging in ein falsches Zimmer. Dort lag Geld auf einem Bett, ziemlich viel Geld. Ich beschloss zu gehen, das ging mich ja alles nichts an.

Beim Rausgehen fiel mein Blick auf ein Bild an der Wand. OG1 war darauf, er grinste sehr selig und legte den Arm um die Schultern eines Typen in roter Badehose. Ich kannte den doch… ich ging näher heran. David Hasselhoff sah mir direkt in die Augen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Philipp Kohlhöfers neuem Buch "Grillsaison - meine Reise durch die Heimat". Darin beschreibt er höchst subjektiv deutsche Vorlieben und Eigenarten, die ihm im In- und Ausland begegneten. Nächste Woche auf SPIEGEL ONLINE: Hilfe, die Deutschen sterben aus!

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insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.03.2010 von vanDijk:

Ich find's lustig und habe herzhaft gelacht. Danke! mehr...

02.03.2010 von hier_entlang: ne, is klar...

"Daheim und unterwegs sucht Philipp Kohlhöfer das Deutschland-Gefühl - in der Liebe und im Baumarkt, bei Nelly Furtado oder beim Campen. Im übelsten Viertel von Los Angeles musste der SPIEGEL-ONLINE-Buchautor mit einem [...] mehr...

02.03.2010 von Claudia_D: .

Sorry, aber lieber ein "deutscher Trottel" als ein Gangster in Amerika. Aber ja nee is klar, ist ja JuEssEi, und dann auch noch Los Angeles. mehr...

02.03.2010 von tinolino: Die Dummheit in der Dummheit als Dummheit

Ich glaube, daß es wesentlich lesenswerter und lustiger gewesen wäre, zu erfahren, was der Gangster über den Besuch des deutschen Trottels zu berichten hatte. In jedem Fall hat der Autor einen angemessenen und standesgemäßen [...] mehr...

02.03.2010 von ouch: You're my heart, you're my soul...

Glück gehabt, dass die Jungs nicht auf Modern Talking gekommen sind ^^ Hab herzlich gelacht über die Geschichte! mehr...

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Zum Autor

Philipp Kohlhöfer (geboren 1973), ist Metzgersenkel und bekennender Durchschnittsdeutscher – er rebelliert kaum, ist unauffällig und versucht, möglichst alles von der Steuer abzusetzen. Er hat Politik studiert und, durchaus mit heißem Bemühn, auch VWL, Jura und Psychologie - alles nicht zu Ende. Er mag es, wenn traurige, wütende Männer mit der Gitarre am Lagerfeuer sitzen. Weil ihm aber Gesangstalent fehlt, ist er Journalist geworden: für SPIEGEL ONLINE, "Geo" und "Neon", "SZ-Magazin" und "Playboy".

In seinem neuen Buch "Grillsaison" betätigt sich Kohlhöfer als Heimatforscher und beschreibt, in welchen Leuten ihm Deutschland begegnete. Denn auf seinen Reisen verfolgte ihn das Land manchmal "so penetrant wie Fischgeruch in der Kleidung".

Buchtipp

Philipp Kohlhöfer:
"Grillsaison"
Meine Reise durch die Heimat

Goldmann Taschenbücher; 160 Seiten; 8,95 Euro.

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