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10.03.2010
 

Väterchen Frust

Ich rette das Land

Staatsbürgerpflicht Kind: Reicht eins, um drei Landtagswahlen auszugleichen?Zur Großansicht
Corbis

Staatsbürgerpflicht Kind: Reicht eins, um drei Landtagswahlen auszugleichen?

Er hat ein Kind gezeugt - und dieser Beitrag zur deutschen Altersvorsorge gibt Philipp Kohlhöfer ein gutes Gefühl, selbst wenn er es nicht fürs Vaterland tat. Aber hat er damit sein staatsbürgerliches Soll erfüllt? Oder muss er sich Ärger mit der Polizei weiter gefallen lassen?

Ich rette das Land. Kein Witz. Haben Sie mal mitgezählt, wie oft man in den letzten Monaten gelesen hat, dass die Deutschen aussterben? Ich mache da nicht mit. Ich habe einen deutschen Pass, und ich sterbe nicht aus.

Ich habe eine Tochter. Allerdings habe ich sie nicht aus Gründen der Staatsräson gezeugt, dass das mal gleich klar ist. Aber da ich nun offenbar etwas hergestellt habe, das hier dringend benötigt wird, frage ich mich doch, ob ich meine Staatsbürgerpflicht nicht schon übererfüllt habe. Muss ich beim nächsten Mal wählen gehen, oder reicht das Kind, um eine Bundestagswahl auszugleichen? Oder drei Landtagswahlen? Gar fünf Kommunalwahlen?

Die Debatte hat ja was für sich: Als ich neulich Polen bereiste und auf diverse Ängste in der älteren Bevölkerung bezüglich der deutschen Nachbarn stieß, konnte ich lässig darauf verweisen, dass es von unsereins nichts mehr zu befürchten gebe. Wir würden nämlich älter, weniger und nur noch ein paar Jahre, dann seien wir schon alle weg. Ich dagegen kann jede Party mit dem Hinweis aufmischen, dass ich die Sozialkassen auch perspektivisch unterstütze, und die Umstehenden so mit einem schlechten Gewissen belasten. Allerdings war ich seit der Geburt der Tochter auf keiner Party mehr.

Neulich war ich immerhin mal im Kino. Dabei fiel mir auf, dass ich diese Kindersache so sehr verinnerlicht habe, dass sich sogar meine popkulturelle Prägung verändert hat. Ein Freund wollte einen Film mit Christian Bale sehen, aber das ging auf keinen Fall. Soweit mir bekannt ist, hat Christian Bale keine Kinder, mit Kinderlosen möchte ich nichts zu tun haben. Hingegen schätze ich den Langweiler Tom Hanks, vier Kinder, plötzlich sehr, schlicht aus dem Grund seiner Vermehrung. Mein Lieblingsschauspieler ist aber der Antisemit und Hardcore-Katholik Mel Gibson. Ich schäme mich deswegen, aber was soll man machen, Gibson hat acht Kinder.

Ist sie wirklich schwanger? Vielleicht ist sie nur fett geworden

"Du bist zu engstirnig", sagte jüngst ein Freund. "Unsinn", motzte ich, "bin ich gar nicht. Man muss da rigoros sein." Ich bin ja Journalist von Beruf, weswegen ich die Zuspitzung mag. Ich sagte: "Wer weiß, was das noch wird, mit diesem ganzen kinderlosen Pack… schließlich hatte auch Hitler keine Kinder." Zugegeben: Die These ist angreifbar. Stalin hatte einen Sohn. Pol Pot? Keine Ahnung. Hatte Pol Pot Kinder?

Ist ja auch egal.
Aber da fällt mir der Geburtsvorbereitungskurs ein.

Ich bin einer von diesen verständnisvollen Männern, die einen solchen Kurs besuchten. Ich lernte, wie man die Beine, den Kopf, die Arme des Babys ertastet. Zumindest theoretisch, denn ich habe das nie geschafft und war mit meiner Unfähigkeit alleine im Kurs. Während alle anderen auf die Frage "Fühlt ihr euren Liebling?" glücklich nickten, fühlte ich: gar nichts. Ich erschrak. "Oh Gott", dachte ich, "wir dachten immer, sie ist schwanger, dabei ist sie nur fett geworden." Glücklicherweise ein Fehler meinerseits.

Ich lernte außerdem, wie die Frau gehalten werden muss, wenn die Wehen einsetzen, und was ich mache, wenn das Kind kommt. Ich sag mal so: Man kann sich das auch sparen und die Zeit noch mal mit Feiern verbringen, weil man dazu später ohnehin nicht mehr kommt.

Als es nämlich losging mit der Geburt und ich mit einem Ich-verstehe-alles-mein-Schatz-Pädagogengesicht meine Freundin im Kreißsaal stützen wollte, kommunizierte sie ausschließlich schreiend mit mir. "Fass mich nicht an, du Arsch", wahlweise auch "Hände weg, hau ab". Ich verstand auch das, natürlich, das hatte ich ja alles gelernt, ihr war eher nicht nach Anfassen.

Aha, meine Tochter war im Russlandfeldzug

Ich stand eine Zeitlang wie eine Zimmerpflanze im Kreißsaal und versuchte es dann mit Anfeuern, wie beim Sport. "Zieh", sagte ich. "Sauber" - "Das läuft, das läuft" - "Sieht super aus" - "Endspurt". Ich stellte motivierende Zeitkorridore auf: "Noch zwanzig Minuten, dann ist das Kind da", "Bis Mitternacht haben wir es überstanden", "Jetzt noch eine halbe Stunde Vollgas". Irgendwann warf mich die Hebamme aus dem Saal.

Als alles überstanden war und die Tochter bei uns einzog, fand ich es sehr merkwürdig, dass jemand, den ich nicht kannte, plötzlich selbstverständlich in meinem Bett schlief. Sie sah so zerknautscht aus wie Charles Bronson und war laut wie eine Sirene. Sie schrie immer. Zweieinhalb Monate lang.

"Koliken", sagten die Ärzte. Manche sagten auch, dass das Kind sich erst an die Welt gewöhnen müsse, "die Schwerkraft, die Weite, der Lärm, Sie wissen schon." Eine Osteopathin sagte gar: "Ihre Tochter schreit nicht aus Schmerz." "Ach", erwiderte ich, "sondern?" "Aus Wut", sagte sie und legte mir das Prinzip von Seelenwanderung und Wiedergeburt dar. Es sei vermutlich so, fuhr sie fort, dass der Seele meiner Tochter in einem früheren Leben schlimmes Leid widerfahren sei. "Ein französischer Soldat vielleicht, zu Beginn des 19. Jahrhunderts." "Ah, Russlandfeldzug", sagte ich. Und dass ich mich freue, dass meine Tochter und mein vor Jahren verstorbener Opa etwas gemeinsam hätten. Sie fühlte sich nicht ernst genommen und brach daraufhin die Behandlung ab.

In der ersten Schrei-Nacht dachte ich tatsächlich, dass das Kind stirbt. Es schrie ein Schreien, das ich noch nie gehört hatte. Es musste innere Blutungen haben oder einen Gehirntumor, irgendwas, das ich nicht sehen konnte. Ich packte das Kind panisch ins Auto und fuhr mit Höchstgeschwindigkeit ins Kinderkrankenhaus. Verheult kam ich an, ich war mir sicher, dass ich in dieser Nacht Abschied nehmen müsste.

"Da will ich mal von einem Verwarnungsgeld absehen"

Kaum hatte ich die Türschwelle des Krankenhauses überschritten, hörte das Kind auf zu schreien. Kaum war die Ärztin in Sicht, fing das Kind an zu lachen. Ich hatte ein lachendes und juchzendes Kind im Arm, vom Heulen geschwollene Augen, und andauernd lief mir Rotz aus der Nase. Das erste, was die Ärztin sagte, als sie uns sah, war: "Geht es Ihnen nicht gut?" Mein Antwortsatz "Ich glaube, mein Kind stirbt" war völlig unglaubwürdig.

Zwar war die Tochter gesund, dennoch ging das Geschrei wieder los, als wir das Krankenhaus verließen. Auf dem Rückweg wurden wir tatsächlich von der Polizei angehalten. Es war vier Uhr morgens, "Routinekontrolle". Eine von der Situation völlig unberührte Polizistin leuchtete mit einer Stabtaschenlampe ins Auto. Sie sah meine geschwollenen Augen und sagte allen Ernstes: "Haben Sie Drogen genommen?" Sie wollte meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen. Das Kind schrie wie am Spieß. Ich hatte beides natürlich nicht dabei. Sie ging zu ihrem Auto zurück, um meine Angaben zu überprüfen. Es dauerte ewig.

Ein Kollege nutzte die Zeit, um mich weiter zu beobachten, Lichtkegel der Taschenlampe in meinem Gesicht, Hand am Pistolengürtel. Sie kam zurück. "So, so, und Sie sagen, Sie waren im Kinderkrankenhaus?" Ich reagierte etwas gereizt. Ich sagte: "Nein, ich war Spargel stechen." Sie sah mich an, überlegte. "Naja", sagte sie, "Sie sind wohl von der Situation überfordert. Ich will mal von einem Verwarnungsgeld absehen."

Falls Deutschland wirklich ausstirbt, wäre es schön, wenn die Idioten zuerst verschwinden.


Dieser Text ist ein Auszug aus Philipp Kohlhöfers neuem SPIEGEL-ONLINE-Buch "Grillsaison - meine Reise durch die Heimat". Darin beschreibt er höchst subjektiv deutsche Vorlieben und Eigenarten, die ihm im In- und Ausland begegneten.

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Die neuesten Beiträge:
01.04.2010 von Benefit: (noch) nicht mama...

.... und trotzdem amüsiert! die ersten zehn beiträge spiegeln nämlich die deutsche gesellschaft wider. humorlosigkeit bis zum umfallen. das sind die idioten, von denen die rede ist.... also: finger weg vom [...] mehr...

23.03.2010 von Pumsen: Ohjemine

Huch, ich bin ja wirklich erstaunt über diese fast schon aggressiven Kommentare. Als Papa von zwei kleinen Kindern habe ich mich jedenfalls köstlich amüsiert, mein Dank an den Autor dafür. mehr...

12.03.2010 von Wuschelkopp: ...

Ich kann mich nur anschließen, einfach mal lachen. Das gute an Intelligenz ist doch: Man kann über Mario Barth UND Kabarett lachen... nur scheinbar haben hier einige vor lauter Abgrenzungspanik nicht den Mut dazu? ;-) mehr...

10.03.2010 von AeonCor: Das lachen habt Ihr wohl verlernt?

Ich habe mich ueber den Artikel koestlich amuesiert und herzlich gelacht. Und bei der Beschreibung der Geburt hatte ich durchaus ein de ja vue Erlebnis an meine Nacht im Kreissaal bei der Geburt meiner Tochter. Danke fuer [...] mehr...

10.03.2010 von Transmitter: Anschluss

Da kann ich mich nur anschliessen. Schlaft weiter! mehr...

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Zum Autor

Philipp Kohlhöfer (geboren 1973), ist Metzgersenkel und bekennender Durchschnittsdeutscher – er rebelliert kaum, ist unauffällig und versucht, möglichst alles von der Steuer abzusetzen. Er hat Politik studiert und, durchaus mit heißem Bemühn, auch VWL, Jura und Psychologie - alles nicht zu Ende. Er mag es, wenn traurige, wütende Männer mit der Gitarre am Lagerfeuer sitzen. Weil ihm aber Gesangstalent fehlt, ist er Journalist geworden: für SPIEGEL ONLINE, "Geo" und "Neon", "SZ-Magazin" und "Playboy".

In seinem neuen Buch "Grillsaison" betätigt sich Kohlhöfer als Heimatforscher und beschreibt, in welchen Leuten ihm Deutschland begegnete. Denn auf seinen Reisen verfolgte ihn das Land manchmal "so penetrant wie Fischgeruch in der Kleidung".

Buchtipp

Philipp Kohlhöfer:
"Grillsaison"
Meine Reise durch die Heimat

Goldmann Taschenbücher; 160 Seiten; 8,95 Euro.

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