Beim frustrierten Single handelt es sich meist um eine Frau. Sie hat ihre beste Freundin als Begleitung mitgebracht. Trotzdem erträgt sie das junge Glück des Brautpaars nur schwer, zieht den ganzen Tag eine Fresse und bestellt spätestens nach dem ersten Gang Schnaps. Irgendwann fängt sie an zu weinen und stürzt beim Frischeluftschnappen in einen Brennnesselstrauch.
Sollte sie ohne Begleitung erscheinen, ist davon auszugehen, dass sie das Brautpaar seit Monaten mit Anweisungen belästigt hat, neben wem sie auf gar keinen Fall platziert werden möchte (der Sturz in den Brennnesselstrauch wäre allerdings selbst dann nicht zu verhindern gewesen, wenn man sie neben, sagen wir, Barack Obama oder Gunter Sachs platziert hätte). Handelt es sich beim frustrierten Single um einen Mann, so wird er ebenfalls viel Schnaps trinken und später damit beginnen, Frauen auf der Tanzfläche zu belästigen.
Dieser entfernte Verwandte, gern aus dem Rheinland, versucht einerseits, seine blasse Enkelin an alle Männer unter Vierzig zu verschachern ("Jutet Chassis, jute Details"). Vom Restetisch aus, an dem alle Gäste platziert werden, für die sich das Brautpaar schämt oder die aus Pflichtgefühl eingeladen wurden, hat er andererseits seine eigenen Interessengebiete innerhalb kürzester Zeit ausgemacht. Sämtliche weiblichen frustrierten Singles werden den ganzen Abend lang vor ihm auf der Flucht sein. Immerhin: Bei schlüpfrigen und für das Brautpaar kompromittierenden Diavorträgen von Freunden grölt er am lautesten und gleicht damit das pikierte Schweigen der Rest-Verwandtschaft aus.
Sie tritt bereits ein halbes Jahr vor der Hochzeit erstmals in Erscheinung: per Mail mit dem Betreff "Die Hochzeit von Steffi und Jörg" und den einleitenden Worten "Wenn ich mich kurz vorstellen darf…". Diese Mail ist Vorbote für täglich mindestens vier Mails, die über Monate hinweg den Posteingang verstopfen werden. In diesen Mails katalogisiert sie die geplanten Aktivitäten auf Steffi und Jörgs Hochzeit, gibt Tipps für die Kleiderordnung, nötigt die Gäste zur Teilhabe.
Wer dachte, er könne sich auf Steffi und Jörgs Hochzeit gepflegt und passiv besaufen - Irrtum. Die penetrante Trauzeugin fordert einen Beitrag für die Hochzeitszeitung, eine "hübsch und originell verpackte Leckerei" für den kollektiven Fress-Geschenkkorb und einen "launigen" Text fürs Erinnerungsbuch. Sie weist dringend darauf hin, dass Sabine noch Darsteller für ihren Sketch sucht. Und sie schickt den Text für einen selbst gedichteten Hochzeitssong, der auswendig zu lernen ist, getextet auf die Melodie des wetterfesten Klassikers "An der Nordseeküste".
Sie ist völlig euphorisiert, weil sie von sehr entfernten Verwandten der Braut irrtümlich für die Braut gehalten wurde. Kein Wunder, schließlich hat sie ihre ausgemergelte, pilatesgeformte Mädchenfigur in einen Traum aus weißem Tüll gehüllt. Sie hält sich für die wahre Gastgeberin, drängt sich in jedes Gespräch, staucht die Servicekräfte zusammen ("Zacki, zacki") wenn irgendwas nicht sofort funktioniert und belästigt jeden, der es hören will oder nicht, mit Anekdoten aus den Kinderjahren des Bräutigams ("Wir haben uns ja schon ein bisschen gewundert, dass er mit sieben noch eingenässt hat"). Ihren Ehemann brüskiert sie, indem sie seine Rede durch spitze Zwischenrufe und hysterisches Gelächter stört.
Meist ist er ein alter Schulfreund des Bräutigams und ekelt sich vor allem Konventionellen. Sein Politikstudium musste er drangeben, weil das autoritäre Universitätsregime ihm keine Möglichkeit einräumte, ausschließlich durch die Lektüre von Marx, Derrida und Foucault zum Abschluss zu kommen. Hochzeiten sind für ihn die Ausgeburt des Spießertums, zudem vertritt er wortreich die Auffassung, die Frau begebe sich damit freiwillig und völlig anachronistisch in ein Korsett überholter männlicher Dominanz.
Zur Hochzeit kommt er natürlich trotzdem, denn Alkohol und gutes Essen für lau lässt er sich nicht entgehen. Bei Spielen macht er demonstrativ nicht mit, bleibt am Rand des Saals sitzen, rollt mit den Augen, stützt das Gesicht in die Hände, bestellt noch Whiskey (auf keinen Fall Eis, sondern zimmerwarm!) und verurteilt den Affentanz. Wenn er am Ende das Strumpfband fängt, verliert er kurz die Contenance, macht die Beckerfaust und brüllt vor Freude.
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