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26.04.2010
 

22-Jähriger vor Gericht

Hacker von Sarah Palins E-Mails droht lange Haft

David Kernell: War es der Witz eines Studenten oder ein politisch motivierter Angriff? Zur Großansicht
AP

David Kernell: War es der Witz eines Studenten oder ein politisch motivierter Angriff?

Mitten im Präsidentschaftswahlkampf soll Student David Kernell den Mail-Account von Sarah Palin geknackt, Mails kopiert und Familienfotos veröffentlicht haben. Ihm drohen bis zu 50 Jahre Haft. Es wäre eine drastische Strafe fürs Eindringen in das Privatleben einer Politikerin.

Er hatte schon gespürt, dass er zu weit gegangen war. Es war im September 2008, David Kernell, damals 20 Jahre alt, Student der University of Tennessee im Fach Wirtschaftswissenschaften, hatte mit ein wenig Internetrecherche und ein paar Wörtern in den Präsidentschaftswahlkampf der USA eingegriffen.

Er hackte das E-Mail-Konto von Sarah Palin, damals Kandidatin für den Posten der Vizepräsidentin an der Seite des Republikaners John McCain. Und weil Kernell spürte, dass er eine Grenze überschritten hatte, nahm er erst einmal eine kalte Dusche. Denn da habe er die Dimension seiner Tat begriffen, schrieb er wenig später unter dem Namen "rubico" in einem Internetforum.

Doch nach der kalten Dusche legte Kernell, Sohn eines demokratischen US-Abgeordneten, erst richtig los - und was er dann tat, könnte ihn nun für lange Zeit hinter Gitter bringen.

"rubico" beschrieb es so: Er machte Screenshots von E-Mails, in manchen waren Familienfotos, in einer auch die Handynummer von Palins Tochter Bristol. Er veröffentlichte das Material im berüchtigten Internetforum "4chan.org", löschte sodann alles von seiner Festplatte, kappte die Internetverbindung - und saß dann herum, "in einem komatösen Zustand", wie er im Forum schrieb.

Er fand nichts - und kopierte alles

Ein Gericht in Knoxville im US-Bundestaat Tennessee hat das Verfahren vor kurzem eröffnet. Kernell ist wegen vier Vergehen angeklagt: Datenklau, Betrug, Annahme einer falschen Identität, Behinderung von FBI-Ermittlungen. Sollte er in allen Punkten schuldig gesprochen werden und sollten die Richter die Höchststrafen verhängen, drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft.

Nachdem gegen Kernell ermittelt worden war, hatte er sich Ende 2008 selbst gestellt. Längst ist bekannt, wie er den Zugang zu Palins Postfach geknackt haben soll: Wer seine Yahoo-Zugangsdaten vergisst, kann diese trotzdem ändern. Dazu muss man unter anderem seinen Geburtstag und seine Adresse angeben sowie eine Sicherheitsfrage beantworten. Weil Palin gegenüber Yahoo offenbar ehrliche Angaben zu Geburtstag und Wohnort gemacht hatte, konnte Kernell mit Hilfe von Wikipedia und Google in 45 Minuten diese Daten ausfindig machen. Samt der Antwort auf die Sicherheitsfrage: "Wo lernten Sie Ihren Lebenspartner kennen?"

Kernell recherchierte ein wenig und fand heraus, dass Mr. und Ms. Palin zur Highschool-Zeit zusammengekommen waren. Ein paar Varianten von high, highschool und dem Namen von Palins früherer Schule später war die Sicherheitsfrage richtig beantwortet: "Wasilla high". Im 4Chan-Forum schrieb "rubico", er habe das Passwort auf "popcorn" geändert und dabei einen Anonymisierungsdienst genutzt, der Anfragen über einen Proxyserver umleitet und so den Absender unkenntlich macht - beim Betreiber des Servers jedoch bleiben Daten zurück, die sich rekonstruieren lassen.

Er habe alle Mails gelesen, schrieb "rubico", auf der Suche nach "irgend etwas Inkriminierendem, irgend etwas, das ihren Wahlkampf ruinieren könnte, wie ich gehofft hatte". Er habe aber "nichts, rein gar nichts" finden können. Trotzdem kopierte er fleißig und veröffentlichte Mails.

Eine verunglückter Scherz oder gezieltes Störfeuer?

Die Frage nach dem Warum ist es nun, die das Gericht zu klären hat, ebenso natürlich die Strafzumessung. Der Staatsanwalt ist sich sicher: Kernell verfolgte ein primär politisches Interesse, er habe die Kampagne von Palin und McCain stören wollen. Ein gewichtiges Indiz für diese Annahme ist der Vater des Angeklagten: Mike Kernell ist Demokrat und sitzt im Parlament des Staates Tennessee.

David Kernells Anwalt sieht das freilich anders: Es sei der Scherz eines Studenten gewesen. Zudem habe sein Mandant das Passwort ganz simpel durch öffentlich zugängliche Informationen herausfinden können. Kurz vor Kernells Aktion hatten Medien berichtet, Palin nutze ihren privaten Mail-Account für Staatsgeschäfte, das habe Kernells Neugier geweckt. Wäre das Opfer nicht Sarah Palin gewesen, hätte der Prozess niemals stattgefunden, so der Anwalt.

Aber das Opfer war Sarah Palin. Dass dies den Fall zu einer nationalen Angelegenheit macht, zeigte sich am vergangenen Freitag. Palin sagte als Zeugin aus, der Medienrummel war immens.

Rund 30 Minuten äußerte sich Palin vor Gericht. Die Veröffentlichung von Familienfotos und E-Mails hätten Gerüchte angeheizt, wonach angeblich ihr Mann Affären gehabt habe und ihr jüngstes Kind Trig nicht wirklich ihr Sohn sei. Das habe ihr Privatleben gestört, ebenso die Wahlkampagne. Sie habe ihre damals schwangere Tochter Bristol eine Zeit lang nicht erreichen können, weil die durch viele Anrufe verängstigt gewesen sei, sagte Sarah Palin.

"Schlechtes Verhalten muss Konsequenzen haben", so Palin

Ihre Tochter Bristol selbst hatte schon zu einem früheren Termin vor Gericht ausgesagt, dass sie schikaniert worden sei: Sie sei angerufen worden und habe SMS bekommen, nachdem eine E-Mail aus Sarah Palins Account veröffentlicht wurde, in der ihre Handynummer stand. Sie habe ihr Handy dem Secret Service gegeben. Die Strafverfolgungsbehörde habe dann der Familie geraten, alle Kommunikationsmittel auszutauschen.

Ihre Mutter berichtete nun, ihre Wahlkämpfer seien tagelang nur damit beschäftigt gewesen, Medienberichte über den Inhalt ihrer Mails zu korrigieren.

Das Verfahren geht nun in die zweite Woche. Offen ist noch, ob Kernell selbst aussagen wird.

Am Rande der Verhandlung am Freitag wollte sich Palin in der Frage nicht festlegen, ob Kernell ins Gefängnis gehöre oder gemeinnützige Arbeit leisten solle. "Das ist Sache des Richters", entgegnete sie. Auf das Nachhaken eines Reporters, ob 50 Jahre nicht ein bisschen zu viel seien, sagte Palin: "Das weiß ich nicht, aber ich meine, dass schlechtes Verhalten Konsequenzen haben muss." Auf diese eher vage, ausweichende Antwort stürzen sich derzeit etliche US-Blogger - und deuten sie als Zustimmung Palins zu einem möglichen Strafmaß von 50 Jahren, das drastisch wäre und bedeuten würde, dass der Student aus Tennessee erst als 72-Jähriger wieder auf freien Fuß käme.

bim

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Die neuesten Beiträge:
29.04.2010 von antares85: Hacker nein, Straftäter sehr wohl

Das der Hacker kein Hacker ist, keine Frage, aber er hat mit dem Ziel Daten zu finden gehandelt und ist eben nicht bei irgendwem "eingebrochen", sondern hat sein Opfer ausgesucht, ausspioniert und alles genau geplant!! [...] mehr...

28.04.2010 von derfflingert: think different...

Warum wird hier eigentlich immer so getan, als wenn der junge Mann soeben zu 50 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden wäre? Das ist lediglich der Strafrahmen, in dem sich das Urteil bewegen wird. Es könne auch ein paar [...] mehr...

28.04.2010 von derfflingert: ( ;-)

Das ist Ihnen aufgefallen, das ist auch mir aufgefallen, das ist eigentlich den meisten aufgefallen, nur unser Mitforist @ dale_gribble ist der Ansicht, dass sein Bauchgefühl Fakten ersetzt... D mehr...

28.04.2010 von derfflingert: Traurig...

Sie irren! Es geht hier eindeutig nur um den jungen Kriminellen und die ihm zur Last gelegten Taten. Die Frage, ob ein Politiker sich bei Yahoo - mail einen mail account einrichten sollte ist nicht im entferntesten Gegenstand [...] mehr...

28.04.2010 von derfflingert: Titel

Ach ja! Ach nein! Habe ich mich irgendwo dagegen ausgesprochen, dass man jeden, der sich solche Taten zuschulden kommen lässt, ebenfalls hinter Schloss und Riegel bringen soll? Na klar, wenn man es beweisen kann. [...] mehr...

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