Phase 1 - da! Oder: Vom Bottich des Vertrauens
Du kommst dir vor wie ein weißes Blatt, auf dem zum ersten Mal geschrieben wird. Nach der Ankunft in der anderen Stadt, auf dem anderen Kontinent werden plötzlich all die Bilder und Gesichter Wirklichkeit, die du vorher immer nur im "Auslandsjournal" oder im "Weltspiegel" und vielleicht beim Blättern in "Geo" gesehen hast.
Einen kurzen Moment lang wanderst du auf einem superschmalen Grat. In diesem Moment kannst du dich entscheiden, ob du zu einer Billardkugel wirst, die von den Menschen durch dieses Land geschubst wird. Oder ob du deinen Nacken streckst und deinen Kopf erhebst und diesem neuen Land in die Augen siehst. Direkt.
Das erfordert Energie, die du in diesen ersten Tagen des Ankommens noch nicht so recht hast. Du magst toll verabschiedet worden sein, tausend Küsse und Wünsche und Umarmungen mögen mit dir sein. Hier aber sind sie nichts wert. Mit deiner Ankunft hat jemand, den du nicht gesehen hast, einen Bottich neben dich gestellt. Auf dem Bottich steht in großen Buchstaben das Wort "Vertrauen". Dieser Bottich muss jetzt neu gefüllt werden. Mit guten Erlebnissen, mit neuen Bekanntschaften, mit Lächeln.
Der Mensch ist so: Auch wenn er weiß, dass dieser Bottich zu Hause gut gefüllt ist - hier muss er wieder neu gefüllt werden. Also wirst du in den ersten Wochen zu einem kleinen Schleimer. Du grüßt den Hausmeister, die mürrische Frau am Kiosk und sagst sehr oft "Pardon" oder "Sorry" oder was es braucht, um in deinem neuen Land höflich zu sein. Du fängst von vorne an. Daheim hast du Freunde, die zu dir passen. Hier weißt du nicht, ob du auf die schnelle Menschen vom ähnlichen Schlag finden wirst. Deshalb ist es schon wichtig, ein Lächeln des Hausmeisters einzuheimsen. Du musst langsam anfangen.
Nach außen, in den Telefonaten und Mails und im Internet, lässt du die Kraft der neuen Eindrücke wirken. Du gibst die schiere Wucht der Erlebnisse weiter, und alle beneiden dich. Der bloße Report der Tatsache, dass du angekommen bist, haut die Daheimgebliebenen für einen Moment um. Sie spüren, dass du weg bist, dass du ernst gemacht hast, dass ein neues Leben beginnt. Sie sind neidisch.
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