Von Lars-Olav Beier
Er steht nachts auf einer Straßenbrücke. Seine Finger befühlen den Stein, wie ein Geologe, der eine Kostbarkeit ausgegraben hat. Dann lässt er den Stein aus den Händen gleiten. Der Zuschauer hört nur, wie er die Scheibe eines fahrenden Autos durchschlägt. Zwei Menschen sterben.
Ken Duken verkörpert in Thomas Siebens Film "Distanz" einen zartfühlenden Mörder. Er heißt Daniel und arbeitet als Gärtner im Botanischen Garten in Berlin. Er ist so bleich, als würden ihn die Sonnenstrahlen, denen er den ganzen Tag lang ausgesetzt ist, niemals erreichen. Wenn es dunkel wird, geht er hinaus, um zu morden.
Daniel setzt Blumen in die Erde, ohne einen Halm zu knicken. Mit derselben Behutsamkeit, nur erscheint sie hier monströs, reinigt er sein Gewehr, bevor er es auf arglose Passanten richtet. Er tötet mit dieser sanften Akribie. Er scheint gefangen von der Idee, Leben zu nehmen, zu spüren, wie es aus einem Körper entweicht.
Regisseur Sieben und Hauptdarsteller Duken stellen einen Serienkiller mitten in die deutsche Hauptstadt, ohne ihn zu erklären, ohne die Folgen seiner Taten groß auszubreiten. In einem Land, das sich seit Jahrzehnten an der Psychopathologie von Massenmördern abarbeitet und in jüngerer Zeit von Amokläufen in Schulen aufgeschreckt wird, ist das provokant. Darf man einen Mörder zeigen wie einen Forscher des Todes, der nicht Insekten und Fröschen, sondern Menschen beim Sterben zusieht?
Bisweilen scheint es so, als hätten Sieben und Duken Angst vor der eigenen Courage bekommen - oder vor ihrem Protagonisten. Sie umstellen Daniel mit Figuren, die ihn in ein soziales Gefüge einordnen sollen, mit einem schikanösen Chef oder einer liebevollen Arbeitskollegin. In solchen Momenten wirkt "Distanz" schematisch, klischeehaft und unglaubwürdig.
Der Film will Motive ergründen: Ist der Frust im Job Auslöser für die Lust am Töten? Doch solche Fragen prallen ab an der erratischen Hauptfigur. Der destruktiven Kraft dieses Mörders ist nicht beizukommen.
Die Webseite zum Film (mit Trailer): www.distanz-film.de
_________________________________________________________________
Kalter Vater, warme Brüder
Es gibt bereits einige Komödien, in denen die Helden ihren Eltern offenbaren, dass sie schwul sind. Die turbulente Dramaturgie dieser Filme beruht fast immer darauf, dass dieses Bekenntnis bis zum spätestmöglichen Zeitpunkt hinausgezögert werden muss. Ferzan Ozpeteks Komödie "Männer al dente" hingegen funktioniert anders herum. Sie handelt vom Wettstreit ums erste Outing.
Tommaso (Riccardo Scamarcio), Sohn eines süditalienischen Familienpatriarchen und Pasta-Magnaten, verrät seinem älteren Bruder Antonio (Alessandro Preziosi), dass er schwul ist. Wenige Tage später, bei einem Familienfest, will er seine Verwandten damit konfrontieren. Doch Antonio kommt ihm zuvor, bekennt sich zu seiner Homosexualität und wird von seinem Vater verstoßen. Tommaso ist perplex.
Mit dem Frohsinn der italienischen Sommerkomödie erzählt der türkische Regisseur eine Geschichte um zwei warme Brüder und einen kalten Vater. Es gelingt dem Film, auch den mitteleuropäischen Zuschauer in eine Welt zurückzuversetzen, in der Schwulsein als Makel gilt. Mit Esprit und Sentiment erzählt er von einem Befreiungskampf, der vielerorts schon gewonnen ist.
seit 15. Juli im Kino
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH