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12.08.2010
 

Überschwemmte Hochschule

Studenten kratzen Matsch vom Hörsaalboden

Von Wolfgang Lenders

Baggermatsch im Hörsaal: Das war die Flut
Fotos
Wolfgang Lenders

Nachts wateten die Studenten aus dem Wohnheim, ihre Habe über dem Kopf und das braune Wasser bis zum Hals. In sächsischen Görlitz sind Hochschule und Wohnheime nach der Neiße-Flut arg ramponiert. Die Studenten helfen und schippen Matsch. Ob der Semesterstart verschoben wird, ist ungewiss.

Als Samstagnacht der Pegel der Neiße zu steigen begann, kam Studentin Elisa Theuerl, 22, die Flut zuerst ganz harmlos vor. Ihr Freund war zu Besuch im Wohnheim "Am Hirschwinkel" in Görlitz, hinter dem direkt die Neiße fließt. Auf dem anderen Ufer kann Elisa von den Wohnheimfenstern aus nach Polen sehen und auf ein sonst so romantisches Flusspanorama.

Im Laufe des Abends war die Psychologie-Studentin in eine Wasserpfütze vor dem Eingang ihres Wohnheims getreten. "Ich hab aber nicht gedacht, dass das vom Fluss kommt", sagt sie.

Nur wenige Stunden später führte die Feuerwehr sie, ihren Freund und die anderen Bewohner aus dem Haus. "Mir stand das Wasser bis zum Hals", sagt Theuerl. Hintereinander wateten sie durch die braune Flut der Neiße, die zu dem Zeitpunkt schon durch den Flur des Wohnheims schwappten. Über dem Kopf trug die Studentin einen kleinen Rucksack mit ihren wichtigsten persönlichen Gegenständen.

Modriger Geruch hängt überall in der Luft

"Wir haben uns zuerst keine großen Sorgen gemacht", sagt ihr Freund Daniel Benkendorf. "Aber dann hat sich der Hof immer mehr gefüllt und gefüllt." Die beiden hätten gewarnt sein können. Direkt neben der Tür zum Wohnheim hängt ein kleines weißes Schild. "Hochwasser 1981" steht dort und darauf ist ein Strich in Hüfthöhe. Der braune Schatten vom aktuellen Hochwasser reicht ein gutes Stück höher. In den Fußräumen von drei Autos vor dem Haus steht noch das schlammige Wasser. In der Luft hängt ein modriger Geruch.

Genauso muffig riecht die ganze Hochschule Zittau/Görlitz. Der Parkplatz ist mit Schlamm überzogen, Mücken schwirren durch die feuchte, warme Luft. Hochschul-Rektor Professor Friedrich Albrecht steht in einem Seminarraum im Chaos, das vor wenigen Tagen noch seine kleine, saubere Hochschule war. Nur die Tafel an der Wand und der Beamer an der Decke sind noch an ihrem Platz.

Eine dicke Schlammschicht bedeckt den Boden, Stühle und Tische des Seminarraums liegen wild durcheinander. Dazwischen ein Projektor, nass, schmutzig und nicht mehr zu retten. Das hereinstürzende Wasser hat die Bodenplatten hochgerissen, in den Löchern im Boden steht noch die braune Brühe.

Mensa ab Montag im "Notbetrieb", Bafög-Anträge aufgeweicht

Ähnlich sieht es auf der ganzen unteren Etage aus, die etwa einen Meter unter Straßenniveau liegt, auch in den Toiletten und im Fotolabor. Hier werden so schnell keine Filme mehr entwickelt. Das Wasser war in der Flutnacht schnell gestiegen, ein Klavier hatten die Hausmeister noch ein Stockwerk höher und damit in Sicherheit bringen können. Die Lautsprecheranlage, die Drucker und vieles mehr ist nur noch Schrott.

Wie hoch der Schaden ist? Friedrich Albrecht zuckt nur mit den Schultern. Die untere Etage muss wohl komplett entkernt werden. Aber was das genau kostet, das müssen die Gutachter sagen, die jetzt kommen werden. Geschätzt werden könne der Schaden erst in der kommenden Woche.

Nach groben Schätzungen geht der Schaden in der Hochschule und beim Studentenwerk in die Millionen - auch am Standort Zittau wurden zwei Wohnheime, die Mensa und Unigebäude Opfer der Flut. Für die Studentenwerks-Mitarbeiter wurden am Mittwoch schon mal Büros für die Übergangszeit angemietet. In der Mensa in Görlitz sprengte das Wasser die Tür zum Untergeschoss auf und zertrümmerten die Einrichtung. Ein Bild der Verwüstung. In den Räumen lagerten schon Lebensmittel für die nächsten Tage, die jetzt in Müllcontainer wandern. Das Studentenwerk will die Mensa aber schon am kommenden Montag "im Notbetrieb" wieder öffnen, denn der Speisesaal stand nicht unter Wasser.

Studenten, die schon frühzeitig ihre Bafög-Anträge fürs kommende Semester eingereicht haben, werden sich zum Teil noch einmal über den Formularwust beugen müssen. Akten mit Anträgen sind durchweicht, das Studentenwerk will sie jetzt trocknen lassen.

Kaffee und Kuchen für die fleißigen Aufräumer

Auch andere Papiere hat es erwischt. Mariana Zwierzchowski wollte am Montag das Zeugnis von einem Rettungssanitäter-Lehrgang abholen, den sie parallel zu ihrem Studium gemacht hat. Doch sie stand erst einmal im Schlamm. "Das Zeugnis lag im Sekretariat und ist weggeschwommen", sagt sie. Doch sie ist zuversichtlich, wenn wieder Ordnung herrscht, wird sie wohl ein neues Zeugnis bekommen.

Auch Christian Blankenburg stand am Sonntag vor seiner überschwemmten Hochschule. "Der Parkplatz sah aus wie eine Bootsanlagestelle", sagt er. Am Tag danach kam er wieder, um zu helfen. "Ich hab schon geahnt, dass es mit den Aufräumarbeiten losgehen wird", sagt der Student der sozialen Arbeit.

Viele Studenten und Hochschulmitarbeiter zogen sich Gummistiefel oder feste Schuhe an und arbeiteten mit. Etwa in der Aula, die gut einen Meter hoch unter Wasser gestanden hatte. "Wir haben die ganzen Stühle ausgeräumt und saubergemacht", sagt Blankenburg. "An den anderen Kram kamen wir noch gar nicht ran, das musste erst mal leergepumpt werden." Als Lohn für die Arbeit gab es Kaffee und Kuchen.

Student Blankenburg ist froh, dass in seiner eigenen Wohnung alles in Ordnung ist - und hofft, dass auch an der Hochschule bald wieder normaler Betrieb möglich ist. Das will auch Rektor Friedrich Albrecht. Das Wintersemester soll Ende September planmäßig beginnen, hofft er - auch wenn es danach im Moment nicht aussieht. Ein Teil der Hochschule wird dann aber eine Baustelle sein.

Ob und wann die Studenten in ihr Wohnheim mit Flussblick wieder einziehen können, ist noch ungewiss. Erst einmal sollen Statiker untersuchen, ob das Gebäude noch sicher ist. Wenn nicht, müssen alle raus. Da trifft es sich für Studentin Elisa Theuerl gut, dass sie ohnehin schon an einen Auszug gedacht hatte. Die Neiße-Flut hat ihr die Entscheidung erleichtert, jetzt steht ihr Auszug fest. Und erst einmal ist sie bei ihrem Freund untergekommen.

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