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13.08.2010
 

Im Werbeanzug

"Guck mal, der Bär"

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Stephan Thomas

Wer möchte sich nicht gern von einer 22-jährigen Anglistikstudentin durch die Fußgängerzone führen lassen? Nunja, ein orangefarbenes Riesenkostüm mindert den Spaß deutlich. Drinnen ist es heiß, unbequem und stickig - und wenn Stephan Thomas nicht aufpasst, rennt er Kinder über den Haufen.

Zwei münzgroße Löcher sind meine Fenster zur Außenwelt. Es ist ein kalter Samstagnachmittag in der Fußgängerzone von Bonn. Menschen spazieren vorbei und ich stecke in einem Bärenkostüm, denn ich bin das Maskottchen für einen lokalen Gummibärchen-Hersteller.

Unter meinem Kostüm ist es stickig. Durch einen kleinen Schlitz, der so groß ist, dass meine Hand gerade hindurch passt, bekomme ich Luft. Ich muss noch zwei Stunden hier drin bleiben.

Der Anzug ist grell-orange. Der Bärenkopf, den ich auf den Schultern trage, ist so groß, dass ich ihn mit beiden Armen nicht umfassen kann. Eine rote Zunge hängt aus dem geöffneten Bärenmaul. Wie bei einem Hund, dem zu heiß ist. Später, wenn ich aus dem Kostüm steige, werde ich aussehen wie nach dem Sport: Die Haare nass und durcheinander, der Kopf rot und verschwitzt. Aber ich mache das hier nicht zum Spaß, sondern um mir neben dem Studium Kinobesuche, neue Klamotten oder CDs zu finanzieren, für 7 Euro 50 die Stunde - bei großer Hitze sogar acht.

Zum Glück bin ich kein Tanzbär

Auf einem Schild auf dem Rücken des Kostüms steht der Name der Gummibärchenhersteller-Kette. Der Produzent stammt aus West-Bayern und hat Filialen in ganz Europa. Es gibt ausgefallene Sorten wie "Pina Colada" oder "Cuba Libre". Aber Bonn ist nun einmal Haribo-Land. Ich kämpfe hier an der Werbefront so gut ich kann, aber richtig gut klappt es nicht. Alle rufen immerzu: 'Guck mal, der Bär von Haribo!'

Vor rund 50 Jahren war der Bär von Haribo noch ein Tanzbär, aber solche armen gequälten Bären gibt es heutzutage nicht mehr, den Tierschützern sein Dank. Was es gibt, sind Leute wie ich, die versuchen in einem Kostüm ein paar Euro zu verdienen. Anders als geschundene Tanzbären, werde ich nicht an einem Ring in der Nase durch die Straßen gezogen und gepeitscht. Im Gegenteil: Kathrin, Anglistik-Studentin, 22, hält fürsorglich meine Hand und führt mich. Ohne sie würde ich kleine Kinder übersehen und Café-Stühle umstoßen. Und als Chaos-Bär würde ich Paul sicher nicht gefallen.

Paul* ist mein Chef und wer ihn das erste Mal sieht, denkt nicht, dass er hauptberuflich Gummibärchen verkauft. Er ist kräftig und hat blondes, kurz rasiertes Haar. Es war seine Idee, ein Bärenmaskottchen für den Laden einzusetzen. Er hat selbst schon Erfahrung im Kostümgeschäft, für Jägermeister war er als Hirsch unterwegs.

Er ist gelernter Einzelhandelskaufmann und war beruflich bei der Bundeswehr. Sein Händedruck ist kräftig, seine Stimme aber ist sanft. Bei meinem Vorstellungsgespräch redete er begeistert davon, dass er ein starkes Team für seinen Laden aufbauen wolle. Das Kostüm erwähnte er erst ganz am Ende.

"Die Kinder denken, dass du wirklich ein Bär bist"

Nun gehe ich also regelmäßig von Kopf bis Fuß in Orange gehüllt umher. Um das Kostüm anzuziehen, brauche ich Kathrins Hilfe. Erst bekomme ich ein Kissen vor den Bauch gebunden, damit ich gemütlicher aussehe. Nach dem Bauch kommt der orangefarbene Plüsch-Overall. Mit Stulpen verdecke ich dann meine Füße und mit Bärenpfoten meine Hände.

Schließlich kommt der Kopf, der ist das schlimmste am ganzen Kostüm. Er ist groß und fühlt sich an, als würde mir jemand ein dickes Kissen ins Gesicht drücken. Es ist dunkel, eng, heiß und bedrückend darin. Sobald ich den Kopf aufgesetzt habe, kann ich kaum mehr allein geradeaus gehen. Die große Bärennase verdeckt alles, was sich direkt vor meinen Füßen abspielt. Auch Kinder, die vor mir stehen und mir die Hand schütteln wollen.

Kathrin, die mich an der Hand hält, wird machmal von jungen Mädchen gefragt, ob ich ihr Freund sei. Einmal trafen wir auf eine Gruppe Teenie-Mädchen, alle um die siebzehn Jahre alt. Und eines sagte mir ins Gesicht, dass sie sich vor mir fürchte.

So etwas kenne ich sonst nur von Kindern. Die meisten freuen sich zwar, aber es gibt auch welche, denen mein Kostüm Angst einjagt. Sie verziehen ihren Mund, weinen und heben schützend die kleinen Hände vors Gesicht. Das passt dazu, was mein Chef mir eingeschärft hat: "Die Kinder denken, dass du wirklich ein Bär bist!"

*Name geändert

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Autor

Stephan Thomas
Stephan Thomas, 23, studiert Technik-Journalismus und PR an der Fachhochschule Bonn Rhein-Sieg.


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