Von Xenia von Polier
Das kleine Hamburger Kellerstudio, in dem Svea Eckert und Johannes Weber ihre Campussendung produzieren, wirkt beengt und veraltet. In dem winzigen, schalldichten Raum des offenen Bürger- und Ausbildungskanals Tide werden die studentischen Radiomacher in weiß-bläuliches Neonlicht getaucht.
Johannes, der heute moderiert, hat sich bereits vor dem Mikro positioniert. Hinter ihm zeigt die Wanduhr auf kurz vor eins, alle werden still. Johannes zählt: "Noch 20 Sekunden - noch 10." Dann leuchtet eine rote Lampe auf.
13 Uhr - die Sendung beginnt: "Hallo und herzlich willkommen zu 'Universal' - das Campusjournal. Unsere Themen heute: Der neu gewählte AStA-Chef, zwei Studenten, die 'Stine' nicht studieren lässt, und der Boykott gegen die Studiengebühren." Mit einer selbstsicheren und zugleich lockeren Stimme verliest Johannes das Programm der nächsten Stunde. Dann folgt Musik: Die Hamburger Rockband Tocotronic mit "This Boy Is Tocotronic".
Svea nutzt die Musikpause, um den Studiogast, Asta-Chef Torsten Hönisch, auf das Interview vorzubereiten.
Die Arbeit der acht jungen Radiomacher wirkt professionell und hat gleichzeitig den Charme einer selbstgemachten Sendung, die keine Vorgaben kennt. Der Preis für diese Freiheit ist hoch: Produziert wird ohne jegliches Budget. Woche für Woche arbeiten die Studenten ehrenamtlich an Berichten, schreiben Nachrichten oder Moderationen. Trotzdem sind sie nur den wenigsten Kommilitonen in Hamburg bekannt. "Uns fehlt das Geld, um zumindest Plakate aufzuhängen, damit die Studenten auf uns aufmerksam werden", erklärt Nabil Atassi das Schattendasein.
Nachrichten direkt aus der Uni
Ganz anders die Situation bei Radio Q in Münster. Der Sender dort ist eine festverankerte Institution im Studentenalltag mit über 60 studentischen Mitarbeitern.
Welche Vorlesungen fallen aus? Was gibt es heute in der Mensa? Und wo wird abends gefeiert? Radio Q weiß Bescheid. Durch 20 Cent vom Semesterbeitrag wird das Programm mitfinanziert, und dank 24-stündiger Sendelizenz herrscht bereits frühmorgens in den geräumigen, hellen Redaktionsräumen reges Gewusel. Vor einem der PC sitzt Praktikant Oliver Braune und schreibt noch schnell die Nachrichten für die Frühstückssendung zusammen. Die 20-jährige Carolyn Wißing, heute Chefin vom Dienst, liest Korrektur.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs liegt der eigentliche Ort des Geschehens: Die Sendung wird in dem modernen, komplett digital gesteuerten Studio 1 produziert. Eine rote Lampe über der schalldichten Tür verbietet den Eintritt, denn dahinter beginnt der Germanistikstudent Stephan Lütke Hüttmann die ersten Minuten des "Coffeeshops" zu moderieren: Die Nachrichten - nicht aus Deutschland und der Welt, sondern direkt aus der Uni.
Die beiden Radiosender in Hamburg und Münster repräsentieren eine Medienlandschaft an deutschen Hochschulen, die unterschiedlicher kaum sein könnte. Während bei einigen der bundesweit rund 60 studentischen Stationen die Mitarbeiter mit viel Improvisation und wenig Unterstützung eine Sendung zusammenschustern müssen, können andere Hochschulradios mit manchen privaten oder öffentlichen Kanälen mithalten.
"Mega-Hits der 80er"? Hier nicht!
Insbesondere in Nordrhein-Westfalen wurde mit dem Rundfunkgesetz von 1995 ein wahres Eldorado für die Hochschulsender geschaffen. Durch die vereinfachte Vergabe von 24-Stunden-Lizenzen an Campusradios entstanden hier optimale Bedingungen für inzwischen 14 Sender. Wie die College-Stationen in den USA sind sie mittlerweile durch ihre extravagante Musik auch bei der Plattenindustrie als Trendsetter bekannt.
"Die abgedroschenen Mega-Hits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute kommen bei Radio Q nicht ins Programm", sagt der 24-jährige Chefredakteur Christian Erll. "Wir unterscheiden uns bewusst vom Einheitsgedudel. Unsere Musikredaktion spielt 50 Prozent gitarrenlastigen Rock, die andere Hälfte füllen Pop, Funk, Soul und HipHop."
Zudem wird in der Sendung "MBN-Frequency" der münsterschen Musikszene eine Plattform geboten, die eigene Musik zu präsentieren.
Die ehrgeizigen Campussender in NRW wollen die "dritte Kraft" im Land neben den öffentlich-rechtlichen Sendern und dem Privatfunk werden. Dazu kooperieren sie inzwischen auch bundesweit mit anderen Hochschulsendern. Gemeinsam präsentieren sie im UniSPIEGEL die Campuscharts und küren den "Silberling der Woche".
Reportagen, Satire, Radio-Soaps - Experimente unbedingt erlaubt
Die Unabhängigkeit bietet den Äther-Amateuren Raum zum Ausprobieren. Nicht nur in der Musikauswahl sind sie autark, auch in den Wortbeiträgen bleibt viel Platz für Experimente: Radio-Soaps über das Studentenleben, Satiresendungen, die die Hochschulpolitik verwursten, provokante Interviews und Umfragen rund um den Campus oder Berichte über spannende Forschungsprojekte - die studentischen Radiomacher produzieren, was ihnen in den Sinn kommt. Das macht die Hochschulradios als Ausbildungssender so beliebt.
Hinzu kommt, dass, anders als bei manch anderen Praktika, Neueinsteiger nicht die Bedienung der Kaffeemaschine verinnerlichen müssen. In selbstorganisierten Seminaren und Workshops lernen die Studenten das nötige Know-how.
Und im Südwesten nützt das Sprechen ins Mikro sogar dem Studium: Die Hochschule für Musik in Karlsruhe hat das "Lernradio" zum Studiengang erhoben. Seit dem Wintersemester 2006/2007 können die Studenten hier einen Bachelor und einen Master in "Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia" machen. Das Lernradio ist damit nach eigenen Angaben der "einzige Studiengang in ganz Europa, der Rundfunkjournalisten mit Schwerpunkt Musik ausbildet".
Gelernt wird hier allerdings nicht nur Radioproduktion: 2003 entwickelte sich aus dem Hochschulradio heraus der studentische Fernsehsender Extrahertz. Als Web-TV gestartet, läuft das Programm inzwischen auch beim regionalen Fernsehsender R.TV "on Air". Im Human Information Technology-Labor (HIT-Labor) der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft, wo das Programm produziert wird, laufen die Fäden zusammen. An einem Dutzend Computern sitzen Studenten technischer und auch geisteswissenschaftlicher Fächer zusammen mit Kommilitonen vom Lernradio und schneiden Filmmaterial.
Nicht für Geld, sondern für die Sache
Einige werkeln hier ehrenamtlich neben dem Studium, für andere ist die Mitarbeit Teil der Ausbildung, denn die Produktion der Extrahertz-Sendungen ist für Lernradio-Leute genauso Studieninhalt wie die Mitarbeit beim gedruckten Hochschulmagazin "KA.mpus". "Trimediale Produktion" nennen die Karlsruher dieses Aufbrechen medialer Grenzen. Dazu arbeiten Karlsruher Studenten verschiedener Fachbereiche von sechs Hochschulen eng zusammen.
Der riesige Flachbildschirm im Foyer der Hochschule Karlsruhe deutet bereits darauf hin, dass hier selbst angehende Mechatroniker und Maschinenbauer den Campusmedien eine große Bedeutung beimessen. Die Technik im HIT-Labor ist auch ihre Spielwiese. Seit den neunziger Jahren arbeiten hier Studenten technischer Studiengänge unter der Leitung von Professor Jürgen Walter konsequent an der Integration und Weiterentwicklung verschiedener Medien. "Mit HDTV-Kameras haben wir schon lange gearbeitet, bevor die innovative Technik auf der Cebit der Öffentlichkeit vorgestellt wurde", sagt Walter stolz.
Anderswo können studentische Fernsehproduzenten über solche Technikwunderwelten nur staunen. Bei Moritz TV an der Universität Greifswald würde sich die Chefredakteurin Jeanette Rische schon darüber freuen, einen einzigen versierten Studenten zu haben, der das Filmstudio der Uni bedienen kann. "Die bestimmt 100.000 Euro teure Technik ist so kompliziert, dass wir das Studio ohne einen Fachmann nicht nutzen können", erzählt die Germanistikstudentin. "Mit ganz herkömmlichen Kameras drehen wir zum Beispiel in der Aula, auf der Straße oder an irgendwelchen ausgefallenen Orten, die sich gerade anbieten."
Was den Reiz der Campusmedien ausmacht, sind die Leidenschaft, das unkonventionelle Vorgehen und die Experimentierfreude, mit der die Macher am Werk sind. Ob in HDTV-Qualität oder Standardtechnik, eines haben die studentischen Medienmacher gemeinsam: Sie arbeiten nicht für Einschaltquoten und nicht für Geld, sondern für die Sache. Jeanette Rische ist sich sicher. "Die Möglichkeit, wie für Moritz TV ganz ohne Vorgaben solche Sendungen zu produzieren, bekomme ich nie wieder im Leben."
© UniSPIEGEL 4/2007
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