Abgang von Anna Lührmann, MdB: "Manchmal hat sie genervt"

Von Mathias Hamann

Politikkarrieren gibt es auch im Sprint. Mit 19 ging Anna Lührmann als jüngste Abgeordnete in den Bundestag. Die Grüne piesackte Konservative und legte sich mit Rentnern wie Studenten an. Nebenher studierte sie, bekam ein Kind. Mit 26 will sie jetzt im Sudan den Master machen.

Bye bye, Bundestag: Jüngste Abgeordnete hört auf Fotos
DDP

Eine Praktikantin, die sich falsch hingesetzt hat. Das denkt Herbert Frankenhauser, als er Anna Lührmann zum ersten Mal sieht. Damals, 2004.

Frankenhauser, geboren 1945, CSU-Mitglied seit 1965, Abgeordneter seit 1990, vertritt den Osten Münchens im Deutschen Bundestag. Er ist ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Instituts für reines Bier e.V., katholisch, verheiratet, eine Tochter. Er hat Industriekaufmann gelernt und sich mühsam nach oben gearbeitet, 19 Jahre Stadtrat, dann Mitglied des Bundestages, bis er angekommen ist im Haushaltsausschuss, einem der wichtigsten Gremien des Bundestages.

Und jetzt hockt da dieses bebrillte Mädchen, halblange Haare, geboren 1983. Ihre pure Anwesenheit muss Frankenhauser als Zumutung empfinden, ihr Einzug ins Parlament ist ein Anschlag auf das Prinzip Frankenhauser.

Erst zwei Jahre zuvor hatte Anna Lührmann mit 19 Jahren als jüngste Abgeordnete aller Zeiten ein Mandat errungen, über die Landesliste der hessischen Grünen, Listenplatz 5. Zwar hat auch sie früh angefangen, sich zu engagieren - Greenteam, Schülervertretung, Grüne Jugend. Doch während Politiker wie Frankenhauser einen Gremienhinterzimmerdorffestbierzelt-Marathon hinter sich bringen, bevor sie endlich im Bundestag landen, schaffte Lührmann das im Sprint.

Lehrstelle, Uni, große Reise? Nö, nach dem Abi gleich in den Bundestag

Ihr Weg: Nach dem Abitur ging sie nicht ins Ausland als Au-Pair oder in die Uni zum Politikstudium, sondern direkt ins Parlament. Dort kümmerte sich die junge Grüne die ersten zwei Jahre um Europaangelegenheiten, 2004 wechselte sie in den Haushaltsausschuss. "Am Anfang hat sie sich erst einmal finden müssen, aber das muss jeder", erinnert sich CSU-Mann Frankenhauser.

Es dauerte, bis sich Anna Lührmann seinen Respekt erarbeitet hatte und den der anderen. Sie ist pragmatisch, keine Rebellin. Eine von Joschkas sanften Kindern. "Ich hätt' am Anfang etwas forscher sein können", sagt Lührmann heute selbst.

Dabei war sie schon vielen zu forsch, wenn sie sich mit den Rentnern anlegte und forderte, dass die zum Wohle der Jüngeren auf höhere Bezüge verzichten. Wie viele Jungpolitiker vor ihr, die sich zum Thema Rente äußern, bekam sie E-Mails und Beschwerdebriefe. Die Lührmann habe doch noch nichts geleistet, stand da, sie lebe vom Staat, verdiene kein eigenes Geld. Und überhaupt, es sollte doch ein höheres Mindestalter für Abgeordnete geben.

Rente, das ist aus Rentnersicht ein verbotenes Thema für Politiker unter 30. Später stimmte Lührmann versöhnlichere Töne an und sagte, die Parteien sollten keine Politik zugunsten einer bestimmten Generation machen.

Vom Plenarsaal in den Hörsaal

Warum wollte sie überhaupt in den Bundestag? "Weil man da am meisten gestalten kann." Für den Landtag ihres Heimatlandes Hessen wäre sie auch zu jung gewesen, dort schreibt die Landesverfassung ein Mindestalter von 21 vor.

Vom Plenarsaal huschte sie manchmal zum Hörsaal, an der Humboldt-Uni in Berlin hatte sie sich eingeschrieben - Sozialwissenschaften. Andere Abgeordnete, die noch studieren, machen aus ihren Uni-Besuchen eher ein Geheimnis. Bei Anna Lührmann war es umgekehrt, sie hängte ihr Mandat nicht an die große Glocke: "In der Uni wussten wenige davon."

Lührmann wünschte sich mehr Geld für Bildung und brachte Kommilitonen gegen sich auf, als sie sich für Studiengebühren aussprach; ihre Partei dagegen trat für ein kostenfreies Erststudium ein. Später ruderte auch Anna Lührmann zurück und begründete das mit "den negativen Erfahrungen in vielen schwarz regierten Ländern, wie meiner Heimat Hessen, wo Studis 500 Euro pro Semester gezahlt haben". Nach viel Zank und Getöse hat Hessen die Campusmaut inzwischen wieder abgeschafft.

Die beste Bibliothek Deutschlands

Wie viele Kommilitonen konnte auch Anna Lührmann Studium und Arbeit schwer vereinbaren. "In der HU gab es Anwesenheitspflicht, mehr als dreimal Fehlen war nicht drin", erzählt sie. Nach zwei Semestern wechselte sie an die Fernuni Hagen, wo auch ihr Abgeordnetenkollege Jens Spahn von der CDU studierte. Die Hefte der Fernuni ließen sich unterwegs durchackern, und für Hausarbeiten hatte sie Zugang zu einer der besten Bibliotheken Deutschlands, der des Bundestages: "Die ist echt gut!"

Wozu eigentlich Politik studieren, wenn sie doch Politik macht? "Man bekommt da theoretisches Rüstzeug und kann Verhandlungen besser verstehen." In einer Hausarbeit schrieb sie über die zweite Föderalismusreform und prognostizierte deren Scheitern: "Und dann findet sie doch noch statt", lacht sie.

Als "völlig getrennte Welten" beschreibt sie Politik und Politikwissenschaft. Anna Lührmann versuchte sich in modernem Wahlkampf, hielt Bürgersprechstunden bei Second Life in ihrem 3-D-Büro, "doch der Andrang war eher mau". 2005 gelang es ihr, wiedergewählt zu werden. Wieder nahm sie im Haushaltsausschuss Platz. Dort war CSU-Mann Frankenhauser nun stellvertretender Vorsitzender.

Nunmehr in der Opposition, kritisierte Lührmann die Finanzplanung heftiger als zuvor. "Sehr insistierend", sagt Frankenhauser, "ja, manchmal hat sie fast genervt." Beim Haushaltsentwurf 2006 stellte Lührmann mit ihrem Team 150 Änderungsanträge. Frankenhauser sagt, das sei für eine Oppositionspartei normal. Lührmann ist trotzdem stolz; drei, vier Monate hat sie daran gearbeitet: "Wir haben aus der Opposition dafür gesorgt, dass mehr für Klimaschutz ausgegeben wird."

Sie wird Mutter, beendet ihr Studium - alles neben der Politik

Frankenhauser, der Brauerei-Lobbyist, hat dem Ausschuss eine Zapfanlage spendiert, nach manchen Sitzungen tranken die Mitglieder gemeinsam noch ein Bier. Immer schwieriger wurde Lührmanns Zeitmanagement - Bundestag, Studium, Freunde, Mann und die kleine Tochter. Außerdem lernte sie Arabisch und schrieb ihre Bachelorarbeit über den Darfur-Konflikt. Irgendwie schaffte sie das alles.

Doch jetzt hört sie auf, wird dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören. Es zieht sie in den Sudan: Ihr Mann tritt seinen Posten als deutscher Botschafter in Khartum an. Dort will sie ihren Master machen, im Fach "Gender and Peace Studies" an Afrikas größter Uni für Frauen.

Vielleicht arbeitet sie später mal bei einer Hilfsorganisation oder der Uno. Allerdings: "Die kommen manchmal ganz schön arrogant daher, sind gerade drei Tage im Land und erklären dann den Leuten, was zu tun ist", frotzelt sie - "wie manche Unternehmensberater". Sie will durch ihr Studium die Region erstmal besser kennen lernen. Derzeit pendelt sie noch zwischen Sudan und Hessen, wo sie noch Wahlkampf für die Grünen macht.

Das Gefühl, mitgestalten zu können, werde ihr fehlen, sagt Lührmann. Aber sie freut sich darüber, den langen Sitzungen zu entgehen. Den Sitzungen, in denen die Frankenhausers schon Jahrzehnte lang hocken und noch hocken werden.

Was sagt der CSU-Mann über die flotte Karriere der Grünen? Frankenhauser erinnert sich gern an Anna Lührmann. "In Schwaben sagt man: 'Net gschimpft is Lob gnug'."

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