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Absurde Wohnheim-Überwachung: Leben unter katholischer Kontrolle

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Wer hier wohnt, braucht starke Nerven. Im Rainerum in Südtirol führen katholische Salesianer ein absurd strenges Regiment - Kameras filmen die Flure, Besuch auf dem Zimmer ist verboten, das Verrücken der Möbel ebenso. Freiheit und Privatsphäre? Nicht in diesem Wohnheim.

Wohnheim-Überwachung: Die Patres sehen alles Fotos

"Bitte, geben Sie mir schnellstmöglich ein Zimmer in einem anderen Studentenheim", flehte Georg Eder die Sachbearbeiter im Amt für Hochschulfürsorge an. Keine 72 Stunden hatte es der Student im Rainerum ausgehalten, einem vom katholischen Orden der Salesianer geführten Studentenheim in Bozen. Dann bat er um die Zuweisung einer neuen Bleibe.

In den drei Tagen erlebte der 19-Jährige, was Überwachung heißt: "Überall in dem Studentenheim sind Kameras angebracht, im Eingangsbereich, im Treppenhaus, in den Fluren. Ununterbrochen werden die Studenten gefilmt", erzählt Eder.

3000 Studenten studieren an der dreisprachigen und international ausgerichteten Freien Universität Bozen in Südtirols Landeshauptstadt, unter ihnen etwa 200 Deutsche. Die Nachteile einer Unterkunft im Rainerum haben sich herumgesprochen. Die Bewohner beklagen sich nicht nur über das geschätzte Dutzend sichtbarer und verdeckter Kameras, die sie im Haus auf Schritt und Tritt filmen. Sie kritisieren auch andere fragwürdige Überwachungsmethoden der Heimleitung. "Als ich einmal nach Hause kam, stellte ich fest, dass jemand vom Orden ohne mein Wissen im Zimmer gewesen war, meine Sachen durchsucht und an andere Stellen verrückt hatte", sagt eine junge Studentin.

Ähnliches berichten andere Bewohner unabhängig voneinander; ihre Namen wollen sie allesamt nicht öffentlich nennen, auch aus Furcht vor Verlust der Mietkaution von rund 500 Euro. "Als ich nicht da war, sind die einfach in meine Wohnung gegangen und haben mir Dinge weggenommen, die ich im Schrank stehen hatte. Banale Dinge, die ich aber laut Hausordnung nicht besitzen durfte", sagt einer. Unter den Bann fallen zum Beispiel elektrische Geräte wie Wasserkocher oder Kaffeemaschinen.

Kein Besuch auf dem Zimmer, nie, schon gar nicht nachts

Die absurd strikte Hausordnung verbietet unter anderem, eigene Möbel mit- oder auch nur Nägel anzubringen. Wer kleinste Veränderungen vornimmt, wird sofort gerügt. Selbst fürs Verschieben der Vorhänge verteile die Heimleitung Abmahnungen, erzählen Studenten. "Da ist dann gleich wieder einer vom Orden in mein Zimmer gegangen und hat alles wieder zurechtgerückt", sagt eine Bewohnerin.

Schon nach "zwei schriftlichen Abmahnungen" könne "der Student auch während der Vorlesungszeit vom Universitätscollege verwiesen werden", heißt es in der Hausordnung. Ist ein Bewohner länger als einen Tag abwesend, muss er das dem "Salesianer" mitteilen, dem Heimchef. Wer das Wohnheim mit seinen rund 90 Zimmern betritt, wird erst einmal vom Portier in Augenschein genommen. Denn eine weitere Regel besagt: Studenten dürfen keinerlei Besuch mit auf die Zimmer nehmen. Nie. Gäste dürfen ausschließlich in Gemeinschaftsräume. "Einmal war für zehn Minuten eine Kommilitonin in meinem Zimmer, da habe ich gleich wieder mächtig Ärger bekommen", sagt eine Bewohnerin.

Die Heimleitung des Rainerums hält die strengen Vorschriften und die Kameras für angemessen - "in erster Linie zum Schutz der Studenten vor regelwidrigen Vorkommnissen" sowie zur "Gewährleistung des Versicherungsschutzes". Die Wohnungen würden ausschließlich vom Reinigungspersonal betreten, Veränderungen im Raum und Mahnungen nur bei "besonders unaufgeräumten Zimmern" vorgenommen. Kontrollen würden dann "in Anwesenheit und im Interesse des Studenten" durchgeführt. Im Übrigen hätten die erwachsenen Studenten den Mietvertrag und damit auch die strenge Hausordnung "in freien Stücken unterzeichnet", teilt die Heimleitung SPIEGEL ONLINE in einer E-Mail mit.

"Da beißt man in den sauren Apfel"

Gern würden viele der rund 70 Studenten, die in Einzelzimmern oder kleinen WGs wohnen, aus dem Rainerum ausziehen - können es sich aber kaum leisten. Die 345 Plätze in den anderen Studentenwohnheimen sind hart umkämpft. WG-Zimmer kosten in Bozen etwa 350 Euro monatlich, Ein-Zimmer-Wohnungen um die 400 Euro. Im Studentenwohnheim kommt man mit 260 Euro hin. "Da beißt man in den sauren Apfel, es bleibt einem ja nichts anderes übrig", sagt eine Mieterin im Rainerum.

Georg Eder hat Absonderliches aus seinen drei Tagen zu berichten. Während er im Bad seiner WG duschte, sei ein Pater einfach in die Wohnung gekommen und habe seine Zimmertür abgeschlossen, erzählt er. "So konnte ich nicht zurück in mein Zimmer und mich anziehen. Mein Mitbewohner war so nett und hat für mich den Schlüssel von der Heimleitung geholt, sonst hätte ich nur mit einem Handtuch bekleidet durchs Haus rennen müssen." Am nächsten Tag der nächste Schock: Plötzlich war ein Handwerker im Zimmer, als Eder gerade schlief - dabei hatte er sein kleines Reich von innen abgeschlossen. "Ich habe mich heftig erschreckt, als ich aufwachte, ein wildfremder Typ in meinem Zimmer stand und über mir an einer Lampe werkelte."

Privatsphäre vermissen die Rainerum-Bewohner. Bei ihnen regt sich Widerstand gegen Gängelung und Kontrollzwang. Doch jeder Gesprächsversuch habe ins Leere geführt, sagt Student Eder: "Wir haben sogar eine große Versammlung gemacht mit den Bewohnern und dem Orden. Doch das Interesse der Heimleitung, etwas zu verändern, war bisher gleich null." Die Leitung des Rainerums dagegen teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, bei den vierteljährlichen Treffen habe sich "bis heute niemand" beschwert oder Regelverstöße gemeldet.

In anderen Wohnheimen gibt es Privatsphäre

Die Studenten gehen nun andere Wege. Die Südtiroler HochschülerInnenschaft Asus hat Unterschriften für eine veränderte Heimordnung und die Abschaffung der Kameras gesammelt. "Innerhalb von zwei Stunden hatten wir 200 Unterschriften zusammen", sagt Asus-Mitarbeiter Martin Fink. Die Studenten wollen die Liste in dieser Woche der Landrätin vorlegen und eine Kommission zur Klärung einberufen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Studentenwohnheim St. Benedikt, das die Studentenvertreter vorbildlich finden. Das Wohnheim wird vom Benediktinerkloster Muri-Gries geführt - ganz anders als im nahen Rainerum: "Bei uns ist der Student nicht der Feind, sondern Freund", sagt Heimleiter Frater Otto Grillmeier. In seinem Haus gebe es keine Kameras, keine Überwachung, Gäste seien willkommen, und die Aufgaben des stellvertretenden Heimleiters übernehme ein Bewohner.

"Die Studenten sind doch erwachsene Menschen. Wir gehen hier vertrauensvoll miteinander um, respektieren uns und die Regeln", sagt der Frater. "Ich möchte, dass die jungen Menschen ihre individuelle Persönlichkeit bei uns bestmöglich entfalten können." So gibt es im St. Benedikt einmal im Monat einen gemeinsamen Brunch; Studenten und Heimleitung treffen sich regelmäßig, um Probleme zu besprechen und auszuräumen.

Georg Eder hatte Glück. Als er beim Amt für Hochschulfürsorge um einen neuen Heimplatz bat, wurde im St. Benedikt gerade ein Platz frei. "Da bin ich nach zwei Wochen endlich hingezogen", sagt der Student. Die vertrauensvolle Atmosphäre im neuen Zuhause weiß er zu schätzen: "Hier kümmert man sich um unsere Anliegen, hier hat man die Freiheiten, die man sich wünscht."

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insgesamt 158 Beiträge
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1. Reißerischer Titel!
libertin76 22.04.2010
Die Überschrift "Leben unter katholischer Kontrolle" soll offenbar suggerieren, dass es sich bei der Überwachung (im Salesianer-Wohnheim) um ein "katholisches" Phänomen handelt. Dabei wird aus dem Beispiel des Benediktiner-Wohnheims deutlich, dass dem gerade nicht so ist. Das Dinge aus einem Zimmer wegkommen oder aufgeräumt und umgestellt werden, ist möglicherweise auch auf das Reinigungspersonal zurück zu führen, das sich offenbar um die Zimmer kümmert, und deutet nicht zwingend auf eine "Ordens-Überwachung" hin. Ich habe auf Sprachreisen in Gastfamilien oder Internatsunterkünften auch schon erleben müssen, dass in meiner Abwesenheit jemand "aufgeräumt" hatte. Und da gabs keine katholischen Orden im Hintergrund.
2. Absurde Wohnheim-Überwachung
schalzi 22.04.2010
Da ist wohl ein sehr (Kopf)kranker paranoïder obsessiver Direktor am Werk! Schauen sie mal nach ob nicht Kameras in den Zimmern versteckt sind, die dort auch noch heimlich filmen! Da muss eine neue menschliche zeitgemässe Direktion hin!
3. Aua
Narf 22.04.2010
Der Student als Feindbild, der keinerlei individuelle Rechte genießt und wo immer möglich gegängelt wird. Hört sich nach nem Fall für den Verfassungsschutz an... (Hausrecht hin oder her).
4. .
frubi 22.04.2010
Zitat von sysopWer hier wohnt, braucht starke Nerven. Im Rainerum in Südtirol führen katholische Salesianer ein absurd strenges Regiment - Kameras filmen die Flure, Besuch auf dem Zimmer ist verboten, das Verrücken der Möbel ebenso. Freiheit und Privatsphäre? Nicht in diesem Wohnheim. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,690241,00.html
Wer braucht denn auch Freiheit und individuelle Entfaltung wenn man die Liebe Gottes empfängt. Wann werden denn die Kamera`s mal abgeschaltet? Wenn der Priester die Jungs auf den Zimmern besucht?
5. Absurde Wohnheim-Überwachung?
aktenzeichen 22.04.2010
Zitat von sysopWer hier wohnt, braucht starke Nerven. Im Rainerum in Südtirol führen katholische Salesianer ein absurd strenges Regiment - Kameras filmen die Flure, Besuch auf dem Zimmer ist verboten, das Verrücken der Möbel ebenso. Freiheit und Privatsphäre? Nicht in diesem Wohnheim. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,690241,00.html
Was bitteschön ist absurd an einer Videoüberwachung an öffentliche Stellen in Heimen, in denen auch Schwererziehbare, sprich Intensivtäter leben? Der Autor scheint wirklich nichts mehr zu merken, scheint nichts mitbekommen zu haben von den vielen Prügelattacken in Schulen, Bahnhöfen u.s.w. Statt wie in dem Fall, in dem jetzt zwei Jugendliche eine Bundespolizisten wegen des Hinweises auf das Rauchverbot zu Boden prügelten, die Täter postwendend auf freien Fuß zu setzten, hätte man bei solchen lieber die bewährten Erziehungsmethoden der 50er und 60er angewendet sollen, denn damals gabs noch keine Intensivtäter!
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