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Ältester Student der Welt: Je oller, desto Doktor

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Er war Richter, Freiheitskämpfer, saß sogar einmal im Gefängnis: Jetzt ist Bholaram Das 100 Jahre alt - einen Wunsch will sich der rüstige Inder aber noch erfüllen: den Doktortitel. Der Senior schreibt an seiner Promotion und erlangt Berühmtheit als wohl ältester Student der Welt.

AP

Er hört schlecht, er sieht nur durch dicke Brillengläser, hinter denen seine Augen riesengroß erscheinen, und sich zu bewegen fällt ihm auch nicht mehr so leicht. Ein Gehstock ist immer in seiner Nähe. "Meine Gesundheit wird von Tag zu Tag schlechter", klagt der alte Mann mit dem Namen Bholaram Das. "Aber hier bin ich noch fit", sagt er dann und tippt sich an den Kopf.

Es klingt ein bisschen nach einer Rechtfertigung dafür, dass er in seinem hohen Alter noch studiert. Bholaram Das ist 100 Jahre alt und der älteste Student an der Guwahati Universität im nordostindischen Bundesstaat Assam. Wahrscheinlich ist er nicht nur der älteste Student Indiens, sondern der ganzen Welt. "Ich dachte, ich muss mich jetzt an die Doktorarbeit machen, um meinen Wissenshunger zu befriedigen", sagt er.

Seine Professoren sprechen ihn mit "Sir" an. "Er ist ein Beweis dafür, dass die Fähigkeit zu lernen nichts mit dem Alter zu tun hat. Bholaram Das exerziert lebenslanges Lernen auf beispielhafte Weise", lobt ihn Okhil Kumar Medhi, Vizekanzler der Universität. "Wir sind aber auch froh, dass er uns mit seiner Arbeit sein einzigartiges Wissen zur Verfügung stellt."

Bholaram Das, gläubiger Hindu, promoviert über die Neo-Vaishnavismus-Bewegung, eine spezielle Ausrichtung des Hinduismus. "Im Gegensatz zu den bei den Hindus üblichen vielen Göttern glauben die Anhänger dieser Bewegung an einen Gott", erklärt Das. Die Vielgötterei lehnten die Gläubigen ab, ebenso feste Rituale und die Unterscheidung in Kasten. Stattdessen geben sie sich ihrer Spiritualität in Tanz und Gesang hin und glauben an die Gleichheit der Menschen.

Seit 1930 steht er im Ruf eines Freiheitskämpfers

Das erinnert sich noch aus eigener Anschauung, wie diese Bewegung in seinem Heimatdorf Bohori an Popularität gewann. Seine Doktorarbeit behandelt die Rolle seiner Heimat in der Verbreitung des Neo-Vaishnavismus. Das Thema habe ihm schon immer sehr am Herzen gelegen, sagt er. Er beschäftige sich damit allein aus Neugier. Denn Das ist kein Theologe, sondern Jurist.

"Er arbeitete zunächst als Lehrer und studierte dann Rechtswissenschaften", erzählt sein Sohn Bhupati Das. Er sei schon immer ein sehr politischer Mensch gewesen, rebellierte gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien. Den Besatzern gefiel das Verhalten des jungen Mannes überhaupt nicht, als 19-Jähriger landete er wegen der Teilnahme an einer antibritischen Demonstration für zwei Monate im Gefängnis. Das war 1930, seither haftet ihm der Ruf eines Freiheitskämpfers an.

1941 schloss er in Kalkutta sein Jurastudium ab, arbeitete als Anwalt, wurde später Richter am Distriktgericht und ging offiziell 1971 in den Ruhestand. "Danach arbeitete er wieder als Anwalt", sagt sein Sohn, "er übernahm Mandate, bis er 98 Jahre alt war."

Bholaram Das hat fünf Söhne und eine Tochter, ist zehnfacher Großvater und hat ein Urenkelkind. Seine Frau starb 1998. Vor zwei Jahren begann er mit seiner Doktorarbeit, nur seiner Familie erzählte er anfangs davon. Erst an seinem 100. Geburtstag, am 16. Oktober, gab Das seine Promotion offiziell bekannt. Zeitungen und Sender aus ganz Indien wollten ihn sprechen, er gab zig Interviews, ließ sich filmen.

"Er ist wirklich sehr eisern"

Es habe auch Kritik gegeben, warum man einen so alten Mann zulasse, erzählt Das. Aber Professor Medhi habe durchgesetzt, dass er promovieren dürfe. "Ich bin überzeugt, dass Bholaram Das ein Vorbild für jüngere Menschen ist", sagt J. B. Patnaik, der Gouverneur der Bundesstaates Assam und zugleich Kanzler der Universität.

Für seine Forschungen ist er viel unterwegs, die Familie hat einen Fahrer, der ihn zur Universität und zu seinen Recherchen kutschiert. "Meine Söhne haben mich immer ermutigt, die Doktorarbeit in Angriff zu nehmen", sagt Das. "Vor allem mein dritter Sohn, der promoviert derzeit selbst."

In Das' Arbeitszimmer stapeln sich die Bücher bis an die Decke, auch auf dem Schreibtisch liegen welche. In der Familie nennen sie ihn manchmal "Bücherwurm", gelegentlich auch "Kricket-Fanatiker", weil er ständig vor dem Fernseher sitzt, wenn es ein wichtiges Spiel gibt. Vor allem aber bewundern sie ihn für seinen Lernwillen. "Er ist wirklich sehr eisern", sagt sein Enkel Abhinav Das. Meist sitze sein Großvater an seinem kleinen hölzernen Schreibtisch, sei in seine Bücher vertieft oder schreibe - per Hand - an seiner Arbeit.

Jetzt, da etwas Ruhe eingekehrt sei nach all dem Trubel um seinen Geburtstag herum, will Das sich wieder seinen Studien widmen. Seine Gesundheit mache ihm Sorgen, sagt er. Er sei in seinem Leben immer glücklich gewesen, das sei wohl das Rezept fürs Altwerden, und deshalb wolle er nicht so viel über Krankheiten nachdenken, sondern glücklich sein. "Er wird wohl noch eineinhalb bis zwei Jahre brauchen, bis er mit seiner Doktorarbeit fertig ist", sagt sein Sohn Bhupati. "Hoffen wir, dass ihm die Zeit gegeben ist!"

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Gratulation!
Allegorius 08.12.2010
Großartig! Ein wunderbares Anti-Beispiel für die herangezüchtete Sofa-Generation unserer westlich-kapitalistisch orientierten Welt.
2. ...
faustjucken_de 08.12.2010
Sehr gut, ein Fanal gegen den Jugendwahn
3. Prima Sache!
Wojus27 08.12.2010
Meines Erachtens sollte Studieren Allen offen stehen! Bildung kann niemals schaden. Wenn es um teure Laborplätze geht, gut, da gibt es Ausnahmen. Aber ansonsten ... Was mich nur etwas traurig stimmt ist die Tatsache, dass ich selber nicht zu den glücklichen Doktores gehöre - wir traten mit fünf Leuten an, nach sieben Jahren hatten zwei ihren "Dr." - tja ... auch meine Schuld, zuviel gearbeitet (45 Stunden auf der halben Stelle) und zuwenig Druck in Richtung der Dissertation gemacht. Allerdings scheint mir bei der Quote die Ursache nicht alleine bei mir zu liegen. Bei Allem: Alle Achtung vor den älteren Herrschaften, die sich noch in Studien stürzen!
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