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Jungpolitikerin Agnieszka Brugger: Die bunte Grüne

Von Laura Gitschier

Agnieszka Brugger, 29, zog vor fünf Jahren eher versehentlich in den Bundestag ein - heute hat die Studentin in Claudia Roth einen mächtigen Fan und ist im Wehrausschuss die grüne Gegenspielerin von Ursula von der Leyen.

Grünen-Politikerin Brugger: Die Parteisoldatin Fotos
Verena Brüning

Ein Mittwochnachmittag im Bundestag: Eine Frau mit dunkelrot gefärbten Haaren, blass geschminktem Gesicht und Piercing in der Unterlippe läuft einen langen Flur entlang, sie ist gut drauf. Gerade kommt sie von einer Regierungsbefragung mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und will jetzt zur Stärkung erst mal einen doppelten Espresso im Bundestagsrestaurant trinken. Dort wirft sie ihre Tasche auf den Stuhl und sagt zu ihrer Referentin: "Ich glaube, den Minister haben wir heute ein bisschen genervt."

Die Frau ist noch als Studentin an der Universität Tübingen eingeschrieben und heißt Agnieszka Brugger. Als sie 2009 das erste Mal für die Grünen in den Bundestag einzog, war sie die jüngste aller weiblichen Abgeordneten und wurde regelmäßig schräg angeguckt von all den anderen Parlamentsmitgliedern in ihren grauen und erdfarbenen Anzügen. Jetzt ist Brugger 29 Jahre alt und die sicherheits- und abrüstungspolitische Sprecherin der Grünen. Ein Job, der derzeit besonders wichtig ist - und Brugger zur Widersacherin einer mächtigen Frau macht: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Brugger erledigt ihre Arbeit offenbar so gut, dass das grüne Urgestein Claudia Roth ganz begeistert ist. Die ehemalige Parteivorsitzende und jetzige Bundestagsvizepräsidentin hält Brugger für eines der "größten Politik-Talente im Deutschen Bundestag". Es sei "beeindruckend zu sehen", wie sich die junge Kollegin innerhalb kürzester Zeit tief in das Thema Verteidigungspolitik eingearbeitet habe. Sie sei "zu Recht hoch angesehen - bis hin zur Ministerin, die sich ganz schön warm anziehen muss".

Es sind wichtige Fragen, die Brugger derzeit beschäftigen: Sollte sich die deutsche Außenpolitik neu ausrichten? Müsste die Bundeswehr zusätzliche Militäreinsätze leisten? Mehr Verantwortung übernehmen? Brugger reagiert verhalten. Im Bundestag argumentierte sie: Krisen könnten auch zivil, ohne Waffengewalt gelöst werden. Waffenlieferungen an die Kurden im Irak lehnt sie daher ab, der Konflikt mit dem "Islamischen Staat" würde dadurch nur noch "länger und blutiger".

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Die Verteidigungspolitik beschäftigt Brugger nicht erst seitdem sie im Bundestag ist. Genau dieses Thema war es im Grunde, das sie zur Politik brachte. Als 2003 Tausende Menschen gegen den Irakkrieg auf die Straßen gingen, wollte auch die Gymnasiastin etwas unternehmen - und trat etwas später den Grünen bei. "Fragen von Krieg und Frieden waren schon immer mein politisches Herzensthema", sagt Brugger.

"Man muss sich einmischen, auch wenn man anders aussieht"

Schnell ging es für sie bergauf: Erst Asta-Mitglied an der Uni Tübingen, dann Kreisvorstand, schließlich Landesvorsitzende der Grünen Jugend. Während eines Traineeprogramms für Parteitalente lernte sie Tübingens grünen Oberbürgermeister Boris Palmer kennen. Der erinnert sich: "Sie war engagiert und kritisch und aus meiner Sicht sehr alternativ, auch im Dresscode. Ich dachte damals nicht, dass sie so schnell in den Bundestag will.

"Der Sprung nach Berlin sei so auch gar nicht geplant gewesen und eher aus Versehen passiert, sagt Brugger heute. Sie habe 2009 in erster Linie deswegen für den Bundestag kandidiert, weil sie zeigen wollte, dass es bei den Grünen auch junge Menschen gibt und man "sich einmischen muss - auch wenn man anders aussieht oder man anders redet" als ein üblicher Bundestagskandidat. Sie war sich im Grunde sicher, dass es nicht reichen würde, doch sie täuschte sich. Weil die Grünen so viele Stimmen bekamen, zog Brugger trotz des eher aussichtslosen Listenplatzes elf in den Bundestag ein.

Also machte sich die Studentin der Philosophie, Politikwissenschaften und des Öffentlichen Rechts auf den Weg nach Berlin. Als sie im Zug saß, rief der damalige Fraktionsgeschäftsführer sie an und fragte, in welchen Ausschuss sie denn eigentlich strebe. Man hatte erwartet, sie wolle Jugend- oder Hochschulpolitik machen. Aber es zog sie in den Verteidigungsausschuss: Sie wollte sich im weitesten Sinne mit jenem Thema beschäftigen, das sie einst politisiert hatte.

Gute Oppositionsarbeit

Sie bekam den Platz im Ausschuss, und als sie das erste Mal in dem männerdominierten Plenum zu Gast war, ahnte sie, was die anderen dachten: Was will das Mädchen hier? Die Zeiten, in denen sie als Fremdkörper wahrgenommen wurde, sind jedoch längst vorbei: "Brugger ist immer gut vorbereitet und steht für eine gute Oppositionsarbeit", urteilt Ausschussvorsitzender Hans-Peter Bartels (SPD).

Brugger, die vor drei Jahren geheiratet hat, fühlt sich mittlerweile zu Hause in Berlin und im Bundestag. In manchen Wochen arbeitet sie 80 Stunden, oft auch am Wochenende. Manchmal gibt sie morgens um 7 Uhr dem Deutschlandfunk ein Interview, hält nachmittags eine Rede im Bundestag und sitzt am Abend in irgendeiner TV-Talkshow, um zum Beispiel über die Politik von Widersacherin von der Leyen zu reden. Mit der ist sie natürlich nicht besonders gnädig. Von der Leyen mache "viel Show", aber ihre Arbeit habe oft "wenig Substanz", so Brugger.

Logisch, dass ihr die Angriffe auf von der Leyen auch Kritik einbringen, zumal es sich bei der Bundesverteidigungsministerin um die mögliche Nachfolgerin von Kanzlerin Angela Merkel handelt. Unter einem Text im Internet, in dem sie von der Leyen angreift, schreibt ein Nutzer: "Die Frau soll erst mal ihr Studium fertig machen, bevor sie so große Töne spuckt. Dass eine Langzeitstudentin ohne Abschluss sich als sicherheitspolitische Sprecherin und Wehrexpertin betätigen kann, ist auch nur bei den Grünen möglich, wo Qualifikation noch nie gezählt hat." Ein anderer kommentiert süffisant: "Mal ehrlich, Fräulein Brugger: Die Gothicparty ist schon längst vorbei."

Ausgebremst und verlacht

Dass die Leute auf ihre Optik anspielen, kennt sie schon. Was sie mehr treffe, ist die Kritik an ihrem Alter und ihrer Erfahrung, die sei "nur begrenzt" nachzuvollziehen: "Oft sind diese Kritiker die gleichen Leute, die sich darüber beschweren, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren."

Jüngere hätten ein Recht darauf, bei den politischen Entscheidungen des Landes mitzureden - auch an verantwortlichen Stellen. Leider würden sie regelmäßig ausgebremst und verlacht, das merke man zum Beispiel, wenn Schulklassen aus ihrem Wahlkreis zu Besuch nach Berlin kommen."

"Viele Jugendliche sagen, sie fühlten sich nicht ernst genommen und haben sich deswegen zurückgezogen", hat Brugger bemerkt. Sie hat sich nicht zurückgezogen, und sie wird das wahrscheinlich auch bei der nächsten Bundestagswahl nicht tun. Dann wird sie, wenn alles so läuft wie geplant, aber ihr Studium abgeschlossen haben.

Nach fast 20 Semestern will sie 2015 ihre Magisterarbeit abgeben. Dafür analysiert sie Reden von Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Steinmeier und ihrer Widersacherin von der Leyen. Klar, um welches Thema es in diesen Reden geht: Verteidigungspolitik.

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insgesamt 204 Beiträge
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1.
Peter Lublewski 02.01.2015
Da kann man ja von Glück reden, dass die Grünen auf Bundesebene abgesägt sind.
2. hmmm Wehrausschuss
hansmaus 02.01.2015
Mal eine doofe Frage, dürfte ich auch in den Wehrausschuss gehen obwohl ich null komma null Ahnung davon habe wie es beim Bun "innen" zugeht? Klingt nach Leuten die wirklich Ahnung haben ;) Meiner bescheidenen Meinung nach sollten Leute die da hin wollen erstmal ein Jahr bei der Bundeswehr freiwillig machen......aber hey dann würden wir uns ja nicht bis auf die Knochen blamieren das geht ja auch nicht :D
3.
opinio... 02.01.2015
Demokratie und Schwarmintelligenz; Weisheit addiert sich genauso wenig wie Intelligenz. Die Schwachstelle der Demokratie bleibt die Addition der Dummheit.
4. refreshing!
kosamm 02.01.2015
Weiter so Frau Brugger. Die Grünen brauchen erfrischende Menschen wie Sie. Vielleicht kann man sie dann wieder wählen. Ignorieren Sie die Frauen und Männer mit grauen Outfits und Gedanken. Geben Sie auch Ihrer Partei einen push, damit sie nicht auch so wird, wie die verknöcherten Menschen auf den Regierungssitzen. Vielleicht interessiern sich dann auch wieder mehr junge Leute Ihrer Generation für die Politik im Allgemeinen. J. B. Heide (Jahrgang '44)
5.
themistokles 02.01.2015
Eine Studentin, die im Wehrausschuss sitzt? Hört sich wirklich nach geballter Kompetenz an. Diese Frau ist auch nur wieder ein Abziehbild unserer heutigen Politiker. Von der Schulbank direkt in den Bundestag bzw. in die "große" Politik. Lebenserfahrung? Null komma gar nichts und eigentlich noch viel zu jung, um alle komplexen, gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Die Hauptsache ist, man kann große Reden schwingen, sich für die Medien entsprechend inszenieren und sich dem Beifall der eigenen Mitglieder sichern.
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Heft 6/2014 Wie die Band "Trümmer" Revolution machen will

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