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Amerikanischer Kulturkampf: Mit Vollgas gegen das Tabu

Von , Cambridge

Seit seinem Buch "Kampf der Kulturen" ist kein Politologe umstrittener als Samuel Huntington. Er warnt die USA vor einer Unterwanderung durch ungebildete, faule, integrationsunwillige Mexikaner. An seiner weltoffenen Heimat-Uni Harvard wird Huntington dafür als Ausländerfeind und Faschist beschimpft.

Wer nicht glauben mag, dass Harvard eine besondere Lehranstalt ist, sollte morgens einfach zur Kreuzung vor der Kennedy School of Government gehen. Nirgends sonst auf der Welt sind die Chancen so groß, beim Trott zur Vorlesung von Samuel Huntington überfahren zu werden. Der 76-Jährige rast dort regelmäßig in einem alten Toyota vorbei.

Politologe Huntington: Wird die Welt zu vielstimmig?
Jane Reed

Politologe Huntington: Wird die Welt zu vielstimmig?

Später am Tag, in Huntingtons Seminaren, kommen Autos oft wieder ins Spiel - etwa wenn ein idealistischer Student von globalen Werten und der Annäherung aller Gesellschaften schwärmt. Er fahre seit Jahren japanische Autos, ruft Huntington dann ähnlich rasant wie hinter dem Steuer, aber zum Japaner mache ihn das noch lange nicht.

Das führt mit Vollgas in die Debatte, die Harvards Politologen derzeit bewegt. Denn Huntington, mit "Kampf der Kulturen" schon sehr umstritten, hat in seinem neuen Buch ein Thema angepackt, das heikel um Eingliederung und Anpassung kreist. In "Who are we? The challenges to America's National Identity" kommt Huntington zu dem Schluss, die massenhafte mexikanische Einwanderung gefährde die anglo-protestantischen Wurzeln der USA (englische Sprache, Christlichkeit, tiefe Religiösität) und verwandele das Land in einen multikulturellen und zweisprachigen Mischmasch.

Weil US-Identität mittlerweile nicht mehr von Rasse oder Ethnizität bestimmt werde, so Huntington, komme es auf Kultur an. Und die amerikanische Kultur unterminierten die neuen Einwanderer mit ihren "mexikanischen Werten": mangelnder Ehrgeiz, Abneigung gegen Bildung und vor allem Unwillen, sich nur auf eine Sprache, eben Englisch, einzulassen.

Heftige Vorwürfe gegen Huntington

Viele Rezensenten fanden diese Ideen reichlich unausgegoren. Doch das war harmlos gegenüber den Reaktionen, die Huntingtons neues Projekt in Harvard, seiner akademischen Heimat seit über vier Jahrzehnten, hervorrief. Die Uni-Zeitung listete genüsslich auf, wie viele Studenten und Kollegen Huntington einen Ausländerfeind nennen - und vergaß nicht zu erwähnen, dass Huntington campusweit mal als Faschist, mal als Genozid-Wegbereiter galt und das Büro des Kissinger-Freundes und Johnson-Beraters während des Vietnamkrieges attackiert wurde.

Harvard-Studenten: Ziemlich bunte Mischung
Jon Chase / Harvard News Office

Harvard-Studenten: Ziemlich bunte Mischung

Als wäre das nicht genug, machen sich nun die lieben Uni-Kollegen auch über die Werte lustig, die Huntington gerade retten will mit seinem Buch. Wofür stehe anglo-protestantische "Kultur", fragte John Coatsworth, Harvard-Dozent über Lateinamerika: "Für Hexenverbrennungen, Sklaverei, Rassentrennung und Ausrottung der Indianer?"

Vielleicht hat sich Huntington zur Verteidigung seiner Thesen deshalb trotzig Harvards "Longfellow Hall" ausgesucht, an deren Wand eine große USA-Flagge hängt. Longfellow ist einer der berühmtesten amerikanischen Dichter. Mit ihm im Rücken kann Huntington sich sicher fühlen beim Vortrag über die Wichtigkeit von englischer Sprache und Integration - den er fast schüchtern mit der Bitte um serious debate abschließt. Man vergisst leicht bei dem Mediengetöse um Huntington: Zuallererst ist er ein sehr trockener Wissenschaftler, der den Projektor nicht alleine anstellen kann und im Interview mit der "New York Times" Fragen nach Personen nicht versteht. "Sie reden über Personen, ich rede über Ideen."

"Wir sind eure Anwälte"

Nur ist genau das, zu einem so heiklen Thema wie Einwanderung, gerade in Harvard schwierig. Denn all die Gegenentwürfe zu Huntingtons düsteren Visionen sitzen ja in Fleisch und Blut im Publikum. Rund jeder zehnte Harvard-Student hat hispanische Vorfahren, die Uni ist stolz auf ihr "Rockefeller Center for Latinamerican studies". Und so kann Huntington zwar viel Richtiges erzählen - dass die mexikanische Einwanderung in die USA in Größe und Dauer eine neue Dimension erreicht hat, dass die Immigranten wegen Globalisierung und neuer Medien nicht mehr die Bindung an ihre Heimat abbrechen, dass die hohen Geburtsraten der Einwanderer weiße "nur Englisch" sprechende Amerikaner in Unterzahl und Frustration drängen können.

Grenze zu Mexiko: USA schotten sich ab
DPA

Grenze zu Mexiko: USA schotten sich ab

Aber was im Mittleren Westen Schrecken hervorrufen mag, klingt im liberalen Cambridge wie rassistische Panikmache. Hier veröffentlichen erfolgreiche hispanische Harvard-Absolventen Manifeste als Antwort auf Huntington: "Wir sind eure Anwälte, eure Investmentbanker, eure Professoren."

Der Americano Dream ist für sie wahr geworden, natürlich haben sie in der Fragestunde Statistiken parat, nach denen Hispanics sehr wohl Englisch lernen und geschäftstüchtig sind. Als ein Student fragt, ob Huntington nicht zu sehr an Konzepten aus dem 17. Jahrhundert hänge, brandet kräftiger Applaus auf.

Mit knappen Slogans steht sich Huntington selbst im Weg

Drei hispanische Studenten aus seinem Seminar haben sich vorher mit Huntington getroffen, weil sie seine Thesen beleidigend fanden. Im sehr britischen Faculty Club der Uni saßen sie, "aber es war, als ob man gegen eine Wand spricht", weil Huntington seine festgelegten Botschaften habe, berichten sie: Etwa die, Staatsbürgerschaft sei wie eine Religion, man könne nicht zwei haben.

ZUR PERSON
Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Da liegt Huntingtons Problem. Er kann noch so sehr beteuern, ihm gehe es wissenschaftlich um nationale Identität, nicht polemisch um Einwanderung. Aber dem Wissenschaftler - er ist immerhin Demokrat - stehen seit "Krieg der Kulturen" die knappen Slogans im Wege. Der Vorabdruck seiner Thesen fordert plakativ einen José auf, in Englisch zu träumen. Und Huntingtons Bücher verkaufen sich am besten, wenn sie neuen Kulturkrieg versprechen, diesmal unter Amerikanern.

Am schärfsten hat diesen Zwiespalt das US-Magazin "Foreign Affairs" ausgeleuchtet. Die Außenpolitikfibel warf dem Urrealisten Huntington vor, gar keiner zu sein - ein echter Realist verbreite nicht nur Panik, sondern auch Lösungen. Vielleicht hat Huntington aber einfach wieder ein Buch geschrieben, wie er Auto fährt: Er droht viele Leute zu überrollen.

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