Animationsfilm: Lego-Deutschland ist Weltmeister

Im Finale kickt Deutschland gegen Beckham, Zidane und Ronaldinho. Und Prinz Poldi locht ein zum WM-Titel 06 - per Fallrückzieher. In ihrem Diplom-Film lassen vier Offenburger Studenten die Starkicker als Lego-Männchen auftreten: ein famoses digitales Daumenkino.

Der Animationsfilm "Die Helden von Bern" über die WM 1954 war vor drei Jahren ihr erster großer Erfolg. Drei Studenten der Fachhochschule Offenburg inszenierten mit der Stop-Motion-Technik ein Video und ließen Lego-Männchen das deutsche "Wunder von Bern" vollbringen. In einem Stadion nur aus Lego-Steinen spielten die Plastikfiguren um den Weltmeistertitel - zum legendären Original-Ton von Kommentator Herbert Zimmermann. Via Internet machte der Film Furore.

Florian Plag, Ingo Steidl und Martin Seibert beendeten in diesem Jahr ihr Studium "Medien und Informationswesen". Zusammen mit ihrem Kommilitonen Daniel Müller lieferten sie eine Diplomarbeit der Extraklasse ab: Der Lego-Film "Helden 06" nimmt die Ereignisse des WM-Finales am 9. Juli in Berlin vorweg.

SPIEGEL ONLINE: Erst die "Helden von Bern", jetzt "Helden 06" - war die Arbeit am zweiten Lego-Film leichter?

Florian Plag: Wir waren nicht mehr so unbedarft und hatten jetzt schon das ganze Wissen vom Studium. Wir haben das von vornherein richtig durchgeplant, im hoch auflösenden HDTV gedreht, inklusive Dolby-Surround. Inhaltlich haben wir auch dazugelernt, etwa Einstellungen und Perspektiven. "Helden 06" ist eine professionelle Medienproduktion, "Die Helden von Bern" war noch Learning by Doing.

SPIEGEL ONLINE: In "Helden 06" spielt die deutsche Nationalelf gegen eine All-Stars-Mannschaft. Wie entstand das Drehbuch?

Plag: Da wir ja nicht wussten, auf wen die Deutschen im Finale treffen werden, haben wir uns gefragt: Was wäre für das WM-Finale für die Zuschauer interessant? Na klar: wenn alle Stars dabei wären. Also Beckham und Ronaldinho zum Beispiel. Und richtig spannend sollte es sein, deshalb auch die Aufholjagd zum Schluss mit einem Entscheidungstor. Der Lego-Podolski stand für seinen Fallrückzieher auf einer Knetstütze, die wir später wegretuschieren mussten.

Steidl: Am besten sind die im Film versteckten Details. Viel ist einfach spontan dazugekommen: wie Klinsmann vor Wut gegen die Tonne tritt, der Flitzer, der aufs Spielfeld rennt, der berühmte Fan aus Ecuador, der sich immer als Paradiesvogel verkleidet und schon bei mehreren Weltmeisterschaften aufgetaucht ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert die Animation der Figuren?

Steidl: Das Ganze heißt "Stop-Motion"-Technik. Wir haben die Bilder einer digitalen Spiegelreflexkamera über ein Kabel an den Computer geschickt. Du stellst das Männchen hin, machst ein Foto, dann stellst du den Fuß des Männchens ein bisschen nach vorn, machst wieder ein Foto. Diese Aneinanderreihung ist wie ein digitales Daumenkino - aus den einzelnen Bildern entsteht der bewegte Film.

Plag: Im Sommer 2005 haben wir drei Monate gedreht, die Nachbearbeitung am Computer hat dann von Herbst bis Frühjahr gedauert. Das war Full-Time. Gerade bei den Dreharbeiten: Da ging's morgens um neun los, und manchmal saßen wir um vier Uhr morgens noch dran. Wir haben schon anfangs ganz viele Kommentatoren angefragt, da kam wenig Feedback. Kurz vor knapp hat sich dann alles ergeben. Sprecher Frank Stöckle zum Beispiel, der hat das wirklich toll gemacht. Auch der Musiker und HSV-Stadionsprecher Lotto King Karl ist dabei, dazu ein zehn- und ein elfjähriger Schüler und acht internationale Kommentatoren, die man sich auf der DVD auf verschiedenen Tonspuren anhören kann.

SPIEGEL ONLINE: Ein riesiger Aufwand – was reizt Euch an diesen Lego-Filmen?

Plag: Dass es am Schluss so toll ankommt! Dass die Leute sich alle so freuen und so begeistert sind. Wenn man selber eine Szene gedreht hat, sie dann ansieht und es so putzig aussieht: Das ist die Hauptmotivation, dass es am Ende ein tolles Ergebnis gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Lego habt Ihr verbaut?

Plag: Lego hat uns 40 Kilo Steinchen zur Verfügung gestellt, damit wir unser großes Set bauen konnten. Der Lego-Experte Paul Friese hat uns geholfen, dem konnten wir sagen: "Wir brauchen noch 2000 Stück davon." Aber das wird in dem Maßstab gar nicht mehr in Teilchen gerechnet, es hieß eher: "Wir brauchen zwei Meter", also zwei Säcke. Wir haben auch alle Lego-Männchen individuell designt.

Steidl: Die Fußball-Trikots habe ich gemacht: Einfach mit Photoshop eine Schablone entworfen, die genau um das Lego-Männchen herumpasst. Die haben wir auf Glanz- und Klebefolie ausgedruckt, ausgeschnitten, aufgeklebt. Jedes einzelne der über 1000 Männchen ist individuell. Lego hatte ein bisschen Angst, dass wir die Figuren verschandeln, wir haben aber ganz vorsichtig gemalt.

Plag: Ein Problem war der Ball: Den Lego-Fußball konnten wir nicht nehmen, der ist aus hartem Plastik. Den kann man nicht beliebig positionieren. Wir haben uns wieder wie bei "Die Helden von Bern" für einen Knetball entschieden. Den kann man eben bei einem Kopfball einem Männchen an den Kopf kleben, und überall liegen bleibt er auch.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist Eure Abschlussarbeit. Welche Note habt Ihr bekommen?

Plag: Es sind ja immer zwei Korrektoren. Die eine Note 1,0 ist schon da, die andere wird irgendwann noch kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wollt Ihr so was auch beruflich machen? Im Sinne von Nick Parks "Wallace and Gromit", der sich mit seinen Knetfiguren und dem "Stop-Motion" gegen die reinen Animationsfilme positioniert hat?

Steidl: Die ganze Sache war schon eine tolle Erfahrung, aber ich werde mich nicht auf Animationsfilme spezialisieren. Wir haben ja auch andere Sachen gemacht, Dokumentarfilme und eine interaktive DVD, Sachen, die ich genauso interessant finde. Ich überlege noch, was ich machen will.

Plag: Das wird schon schwierig, weil sich diese Filme finanziell kaum lohnen. Das waren jetzt anderthalb Jahre Arbeit, und der Bedarf an solchen Filmen ist nun mal nicht groß. Was aber grundsätzlich die Richtung Filmproduktion und Video angeht: auf jeden Fall.

Das Interview führte Arndt Breitfeld

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Fotostrecke
Trickreiches Finale: Weltmeister '06 im Legoland