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Argumente pro Latein: Cui bono - vielen nützt es

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Latein lebt! Das bestätigen Hunderttausende begeisterter Schüler, Romanistik-Studenten, Asterix-Leser und Kandidaten bei Günther Jauch. Und nützlich ist Latein allemal - wenn nicht direkt, dann doch auf Umwegen.

Latein eine tote Sprache? Das Zwangslatinum gehört in eine erdferne Umlaufbahn geschossen, damit man mit dem gleichen Aufwand ein, zwei, viele moderne Fremdsprachen lernen kann? Natürlich ist das Humbug. Latein ist quicklebendig, und so muss es bleiben. Dafür gibt es viele gute Gründe, von denen wir nur einige nennen wollen. Und wenn am Ende das Abendland dennoch untergehen sollte, sind wir's wenigstens nicht schuld gewesen.

Julius Caesar: Auch dieser freundliche Feldherr empfiehlt Latein
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Julius Caesar: Auch dieser freundliche Feldherr empfiehlt Latein

In seinem Beitrag "Cui bono Latinae linguae studere?" (im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" 1992) beantwortete Wolf Schneider die alte "Wem nützt es"-Frage so: Latein sei zweifellos nützlich, "um jene gebildeten Redensarten zu verstehen, mit denen Absolventen humanistischer Gymnasien manche Geselligkeit zu verschönern wissen", spöttelte der Sprachkritiker und bekennende Besserwisser. Sonst konnte er dem Latinum kaum positive Seiten abgewinnen. Aber das ist doch schon eine Menge - wer eine Rede vorbereiten muss oder beim Small talk nichts abseits stehen will, kann mit Klassiker-Floskeln mächtig Eindruck schinden. Das gilt unter Gelehrten bei der Emeritierung des alten Zausels aus der Germanistik ebenso wie bei der Betriebsfeier der Unternehmensberatung oder bei der Silbernen Hochzeit der Schwiegereltern: Von carpe diem über ad multos annos bis veni, vidi, vici würzt garantiert jemand seinen Auftritt mit lateinischen Phrasen.

Oder darf's eine Party sein? Alte Lateiner bilden von Natur aus eine Leidensgemeinschaft. Der jahrelange Kampf mit verzwickten Satzkonstruktionen hinterlässt Spuren, darüber tauscht man sich stets gern aus und lauscht Erzählungen über Fehlschläge im Abitur oder den Lateinlehrer mit der sonderbaren Vorliebe für karierte Schlaghosen (im Fachbegriff: der Feuerzangenbowlen-Effekt). Da geht es den Lateinern ganz wie Juristen, die noch nach Jahrzehnten komplette Abende mit nostalgischen Reminiszenzen ans Staatsexamen bestreiten können.

Apropos Party: Zum Karnevalsfest in einer Toga zu erscheinen, kommt in Kölner Südstadtkneipen immer gut an. Ein paar salbungsvolle Sätze sollte man aber schon gönne könne. Immerhin gründeten die Römer die Stadt einst als "Colonia Claudia Ara Agrippinensis". Das hat den Kölner so schwer beeindruckt, dass er sogar in seine liebsten Gassenhauer Latein-Fetzen mengt: "Da simmer dabei / dat is prima / Viva Colonia!"

Die Asterix-Ausgaben auf Latein sind hinlänglich bekannt, auch "Max et Moritz" zählt zur Grundversorgung. Aber manche Menschen wissen gar nicht, dass der moderne Schüler beim Kölner Bundeswettbewerb für Fremdsprachen auf Latein rappt. Oder dass ein Professor im Saarland das Bundesverdienstkreuz erster Klasse für seine Bemühungen abstaubte, Latein in der Gegenwartskultur zu verankern. Dass manche Vereine bei ihren Treffen ausschließlich auf Latein parlieren und es auch Mailinglisten für Lateinfreunde und Latein-Chats im Internet gibt. Eine Runde von Sektierern bei Radio Bremen bietet sogar einen Monatsrückblick auf Latein ("Angela Merkel cancellaria Germaniae prima creata est").

Auch der Vatikan bemüht sich, seine Amtssprache im Hier und Jetzt zu verankern. Sieben Jahre lang übersetzten 14 Spezialisten 15.000 Alltagswörter ins Lateinische. Dank des "Neuen Latein-Lexikons" kann man jetzt endlich Ausdrücke wie Auspuffrohr (tubulus emissarius) und Eierlikör (merum ovo infusum) übersetzen.

Wer Latein vergöttert und in der feindlichen Umwelt auf Unverständnis trifft, kann auch einfach auf gute Gesellschaft verweisen. Zum Beispiel auf Boris Becker: Der gab kürzlich preis, Latein habe zu seinen Lieblingsfächern gehört - nicht zuletzt wegen seines Lateinlehrers Herrn Pusch, "der war besonders streng". "Erst durchs gehorsame Pauken der i-Deklination konnte der Junge doch fit werden für Wimbledon", notierte dazu der "Tagesspiegel". Denn wer Universum deklinieren könne, für den sei Bumbum ein Kinderspiel: "bumbum - bumbui - bumbo - bumbum - bumbo".

Latein eröffnet außerdem lukrative Geschäftsmöglichkeiten: Ohne Nachhilfe schaffen manche Schüler es nie zum Latinum, und mit privaten Crashkursen lässt sich Studenten reichlich Geld aus der Tasche ziehen. Schließlich gehört das Latinum in rund 120 Studienfächern zum Pflichtpensum.

Pecunia non olet, noch schneller gelangt man an die geruchslose Knete bei Quizsendungen. Wer Latein spricht, wird viel leichter Millionär: Lehrer eines humanistischen Gymnasiums in Augsburg haben untersucht, wie weit man mit Latein und Griechisch in Günter Jauchs Quizshow kommt. Und siehe da: Mehr als 20 Prozent der Fragen sollen sich mit Hilfe der alten Sprachen beantworten lassen - bei etwa der Hälfte hilft demnach Latein, bei sieben Prozent Griechisch, bei vier Prozent beides.

Selbst in der internationalen Politik bietet Latein den zukunftsweisenden Ausweg aus schwierigen Konflikten. Nehmen wir etwa Finnland, besonders fit in Latein: Als die gewitzten Finnen 1999 die EU-Ratspräsidentschaft hatten, lehnten sie Gerhard Schröders Forderung nach Übersetzungen ins Deutsche bei allen informellen Ministertreffen ab. Dafür bot das Land einen besonderen Service, nämlich regelmäßige Nachrichten in klassischem Latein auf den Internet-Seiten der finnischen Präsidentschaft - ein Coup, der für viel Gelächter sorgte.

Oder nehmen wir die Europahymne der EU: Bisher wurde sie instrumental gespielt, aber die Menschen sehnen sich nach einem Text zum Mitsingen. In welcher modernen Sprache der Text zur Hymne auch verfasst würde - irgendein Land wäre immer eifersüchtig. Was also singt man politisch korrekt zur Neunten Sinfonie Beethovens? Na klar doch: den "Hymnus Latinus Europae".

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