Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Alkohol und Drogen: Ich bin 24 und trinke nicht

Von

Wasser oder Wein? Zur Großansicht
DPA

Wasser oder Wein?

Drogen zu nehmen ist okay, wenn du weißt, wie es geht. Das sagt das neue Aufklärungsbuch "High Sein". Unsere Autorin ist Abstinenzlerin. Ein Rausch hat ihr gereicht.

Zack, runter. So ging Saufen mit 16. Bloß nicht zu langsam, zieh es weg! In der Garage, vor der wir unsere Räder parkten, gab es Salzstangen, Kippen, Wodka. Wir wollten voll sein.

Für alle, die so denken wie wir mit 16, ist gerade ein schonungslos offenes Buch erschienen: "High Sein" heißt es, ein Aufklärungsbuch, herausgegeben von dem Journalisten und Ex-Junkie Jörg Böckem und dem Wissenschaftler Henrik Jungaberle.

Anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen - was wirkt wie in Kopf und Körper - und Erfahrungsberichten - mein letzter Absturz, meine geilste Nacht - zeigt das Buch, wohin ein Rausch führen kann: ins Glück, Gefängnis, Grab.

Auf 320 Seiten werden Tabak, Alkohol, Cannabis, Speed, Koks, Crystal Meth und Ecstasy klassifiziert: Wie fühlen sie sich an, was sind die Folgen? Mit Drogen könne man tief fallen, im Krankenhaus oder in der Psychiatrie landen. Aber man könne auch abheben und Wunderbares erleben, schreiben die Autoren.

"Willst du nicht auch?"

Zwischen diesen Extremen lässt sich reisen. Als junger Mensch und Adressatin der Autoren habe ich schon viele in meinem Umfeld die Koffer packen sehen - für einen Trip ins Unbekannte. Manche meiner Freunde trinken, damals und heute noch, bis sie kotzen müssen. Manche probieren bunte Pillen, rauchen Wasserpfeife, drehen Joints. Und fragen mich: Willst du nicht auch?

Ich will nicht. Dass ich das Gefühl hasse, meine Sinne zu verlieren, nicht mehr ich zu sein, zeigte mir ein Absturz nach den Garagen-Drinks mit 16. Damals musste mir meine Freundin vor dem Schlafengehen die Kontaktlinsen aus den Augen fischen. Ich schrie wie verrückt nach meiner Mutter, konnte keinen Schluck Wasser mehr in mir behalten und legte mich unter den Schreibtisch, statt ins Bett. Am nächsten Morgen war mir klar: Die Testphase ist abgeschlossen.

Seitdem ich kaum mehr etwas trinke, besteht mein Umgang mit Alkohol in der Herausforderung, ihn abzulehnen. Gastgeber und Freunde wollen wissen: Willst du denn nicht feiern? Kommst du dir nicht wie 'ne Spaßbremse vor? Oder willst du nicht mal was ganz anderes versuchen? Das wäre wahrscheinlich normaler als ein Nein.

Aktueller Drogenbericht: Natürlich wird konsumiert

Heute wird der aktuelle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung in Berlin vorgestellt. Er liegt SPIEGEL ONLINE vor und zeigt: Mehr als jeder zweite Jugendliche hat schon mal Alkohol getrunken, obgleich die Zahl in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Zwölf Prozent der 11- bis 17-Jährigen haben im vergangenen Jahr Zigaretten geraucht, jeder 13. Jugendliche hat mindestens schon einmal gekifft. Wenn unter 25-Jährige Probleme mit illegalen Drogen haben, sich behandeln lassen oder eine Suchtberatung aufsuchen - dann fast immer wegen Gras. Süchtig nach Amphetaminen oder Kokain sind laut dem Bericht nachweislich nur 0,1 beziehungsweise 0,2 Prozent der jungen Menschen in Deutschland.

Konsumiert wird natürlich trotzdem: 1,4 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland - also ungefähr 712.000 Menschen - haben laut Bericht in den vergangenen zwölf Monaten illegale Drogen außer Cannabis zu sich genommen, meistens waren sie zwischen 25 und 39 Jahre alt und männlich.

Gehören Drogen zum Leben dazu? Die Autoren von "High Sein" sind überzeugt: Drogen nehmen ist okay, wenn du weißt, was du tust - und wie sie bei dir wirken. Doch das, so das Fazit der Autoren muss jeder selbst herausfinden. Stimmt natürlich, einerseits. Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, sieht das - natürlich - anders: "Das Buch 'High Sein' vermittelt den Eindruck, man könne die Gefahren von Drogen einschätzen."

Praktische Tipps zum Konsum

Tatsächlich werben die Autoren für einen geplanten und bewussten Rausch. Und den trauen sie ihren Lesern auch zu. Wer Bock hat auf eine Bewusstseinsveränderung bekommt Tipps zum Konsum: Achte auf die Sauberkeit der Substanz in den Drogen, triff bewusst eine Entscheidung über die Dosis und plane am nächsten Tag genug Zeit für einen Kater ein, raten die Autoren. Und: Such dir den richtigen Ort und die richtigen Mitmenschen zum Konsumieren.

Doch: Wo man mit Drogen wirklich landet, kann einem vorher keiner sagen. Mir hat erst das Ausprobieren von Alkohol dabei geholfen, seine Gefahren einzuschätzen und meinen Körper besser kennenzulernen. Ohne die Garagen-Getränke hätte ich mir nie sicher werden können, dass ich keine weiteren Substanzen zu mir nehmen will, die mein Bewusstsein verändern. Ohne befriedigte Neugier wäre ich beim "Nein" vermutlich nie so mutig wie jetzt. Und ich wüsste vielleicht nicht, dass ich auch mit Limo in der Hand tanzen und fliegen kann.

Dass es möglich ist, sich innerlich so zu sammeln, haben die Buchautoren verstanden. Doch manchmal vergessen die Schreiber, dass nicht jeder Mensch es schafft, seinen Konsum zu reflektieren. Nicht jeder kann mit 17 aus der Garage treten, und voller Selbstsicherheit das Tor hinter sich schließen.

Hoffentlich erreicht "High Sein" trotzdem diejenigen, die bislang nicht über sich nachgedacht haben. Die, die lernen müssen: Wer sich vor einem Absturz schützen will, muss nicht völlig abstinent sein, aber immer wieder ehrlich - zu sich selbst.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige