Schwarzwald-Sause: Studenten, Senioren, Schnaps

Von Marie-Charlotte Maas

Vesperplatte, Blutwurst, Williams-Christ: Wenn badische Senioren mit Studenten aus China, Indonesien und Iran durch den Schwarzwald marschieren, gibt es einiges zu lernen. Protokoll einer ungewöhnlichen Wanderung.

Offenburg an einem Sonntagmorgen im April. Der Wetterdienst hat schönes Frühlingswetter versprochen, doch noch hängt der Himmel grau über der Universitätsstadt in Baden-Württemberg. Es ist 8.45 Uhr, als am Hauptbahnhof eine ungewöhnliche Gruppe zusammenkommt.

Sie besteht aus 25, zumeist ausländischen Studenten und etwa gleich vielen badischen Senioren, die Regenjacken und Nordic-Walking-Stöcke dabeihaben. Die Jungen und die Alten wollen gemeinsam auf eine elf Kilometer lange Schwarzwald-Wanderung gehen, mit Zwischenstopp auf einer Alm: Dort soll es eine deftige Brotzeit, etwas Bier und Schnaps und einen herrlichen Ausblick geben.

Der Ausflug gehört seit Jahren zum festen Programm des Offenburger "Senior Service", der ältere Einheimische mit Hochschülern aus dem Ausland zusammenbringt. Beide Seiten profitieren: Die Senioren erfahren etwas vom Leben in anderen Ländern, die Gaststudenten fühlen sich in der Fremde weniger einsam und können ihre Sprachkenntnisse verbessern.

Auf der kurzen Zugfahrt zum Ausgangspunkt der Wanderung finden die ersten Gruppen zusammen, man kennt sich bereits von einem gemeinsamen Einführungsabend im März. Seniorin Eva-Maria Geißler und die chinesische Studentin Lee haben sich seitdem schon einige Male zum Kochen getroffen. "Ich zeige ihr, wie man richtige Spätzle macht, sie kocht für mich im Wok", sagt Frau Geißler.

"Der erste Kontakt ist schwierig"

Als der Zug in Unterharmersbach ankommt, dem Ausgangspunkt des Marsches, beginnt es zu nieseln. Hartmut Söhnel, der Wanderführer, bläst trotzdem zum Aufbruch: "Let's go", sagt er, das verstehen alle. Auf den nächsten Kilometern dringt dann unter den Kapuzen und Regenschirmen ein Gewirr von Sprachen hervor: Man hört Deutsch und Badisch, Spanisch und Persisch, Chinesisch und Englisch.

Lucifer aus Brasilien und Martha aus Mexiko unterhalten sich über ihr Leben in Offenburg. "Die Kommilitonen sind hilfsbereit, aber auch distanziert, vor allem der erste Kontakt ist schwierig", sagt Martha. Mit den Leuten vom Senior Service sei es aber leicht gewesen. "Die sind einfach sehr offen", findet sie. Durch den Kontakt zu den Rentnern hat sich ihr Wortschatz enorm vergrößert - jetzt spricht sie sogar einige Brocken Dialekt. "A bissl und der Nächschte bitte", sagt sie und muss lachen.

Luthfi aus Indonesien und Mahdi aus Iran haben sich Lea angeschlossen, einer der wenigen deutschen Studierenden, die an der Wanderung teilnehmen. Lea bringt den beiden neue Begriffe bei. "Wenn du jemanden spontan fotografierst, ist das ein Schnappschuss", sagt sie. "Ah, Schnaps", entgegnet Luthfi, "das kenne ich doch!"

Ein paar Kilometer weiter macht die Gruppe eine kurze Rast wegen der schönen Aussicht auf den Schwarzwald samt Wiese mit Kühen im Vordergrund. Alle sind beeindruckt, trotz des durchwachsenen Wetters. Mahdis Kamera ist im Dauereinsatz. Luthfi vergleicht die Landschaft mit der in seiner Heimat Indonesien und schwärmt dann von einem anderen Ausflug, den er mit dem Senior Service unternahm: Damals ging es nach Oberstdorf, wo er den ersten Schnee seines Lebens sah. "Es war so schön dort und still. Nicht mal ein Vogel war zu hören, nur der Wind", schwärmt er.

Vesperplatte, Blutwurst und Williams-Christ-Birne

Nach sechs Kilometern kommt die Gruppe auf einem Bergbauernhof an: Endlich Mittagessen! Auf der Karte stehen Dinge, von denen auch mancher deutsche Student noch nie gehört hat: Schäufele, Bibiliskäs, Vesperplatte. Elkin aus Kolumbien entscheidet sich für die Vesperplatte. Was das genau ist? Er hat keine Ahnung, "aber es soll typisch deutsch sein". Nach ein paar Minuten bekommt er das Gericht und spießt Blut- und Leberwurst auf die Gabel.

Während Elkin isst, wird Lucifer zum Trinken animiert. Franz Roser, Vorsitzender des Senior Service, hat selbstgebrannten Schnaps dabei. "Kirschwasser oder lieber Williams-Christ-Birne?", fragt er. Lucifer weiß nicht so recht, die Skepsis ist ihm anzusehen. Herr Roser lässt nicht locker, Lucifer nippt - und schüttelt sich. "Schmeckt es dir?", will Franz Roser trotzdem wissen. Lucifer nickt tapfer.

Nachdem alle aufgegessen haben, beginnt der Abstieg ins Tal. Den meisten Studenten steht die Erschöpfung bereits ins Gesicht geschrieben. Elf Kilometer Fußmarsch sind keine Kleinigkeit. Zurück am Bahnhof, ist auch Luthfi still geworden. "Ich bin wirklich müde", verrät er leise, "aber ich will es niemanden merken lassen, denn die Senioren sind ja alle noch total fit."

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1. kleine Anmerkung am Rande
cincinna 19.06.2013
Offenburg hat keine Uni, ist demnach allenfalls Hochschulstadt und nicht Universitätsstadt. Hat sich auch noch nie selbst so betitelt. In Bawü gibt es neun Universitäten: Heidelberg, Karlsruhe, Freiburg, Konstanz, Ulm, Tübingen, Stuttgart, Hohenheim, Mannheim.
2. Alles muß seine Richtigkeit haben
deglaboy 19.06.2013
Danke Cincinna, damit wäre der Ordnung halber wieder mal alles korrekt. Fehlertoleranz ist ja was ganz, ganz Böses. Entweder 100% oder man schmort in der Hölle. Bloß nicht locker sein. Erbsen zählen macht ja soviel Spaß.
3. Frust
henrychinaski1984 19.06.2013
Das ist nur der Frust darüber, dass es nicht mehr "Fach"-Hochschule heißt, sondern nur noch Hochschule und die Universitäten durch den Bachelor dahingehend degradiert werden. Wir haben unsere eigenen Kasten.
4. Universitätsstadt? Haha!
stevemax 19.06.2013
Cincinna hat doch völlig recht. Das hat nichts mit Erbsen zählen zu tun. Offenburg ist eindeutig keine Universitätsstadt und um auch nur annähernd den Flair einer Universitätsstadt zu haben, braucht es auch deutlich mehr als eine Hochschule.
5. und weil ...
sebastian_stgt 19.06.2013
wir grad am erbsenzählen sind - mir ist immer noch schleierhaft was badisch für ein sprech sein soll. in altbaden spricht man ja allerlei (Schwäbisch, Alemannisch, Rheinfränkisch) aber ein badischer Dialekt ... das muss was gaaaanz neues sein.
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