Auslandsstudium in Israel: Im Raketenhagel der Hamas

Erst der Alarm, dann das furchtbare Zischen: Wie ein Gaststudent palästinensische Raketenangriff im Gaza-Krieg erlebte, beschreibt UniSPIEGEL-Autor Markus Flohr in seinem Buch. Nahe der Grenze bleiben nur Sekunden, um sich vor den Geschossen zu retten. Ungefähr so lange dauert ein Kuss.

Student in Israel: 15 Sekunden bis zum Schutzraum Fotos
DPA

Angekommen in Israel, WG-Zimmer gefunden, Ausflug nach Ramallah - Was erlebt der Held aus dem Roman von Markus Flohr als nächstes? SPIEGEL ONLINE veröffentlicht den vierten Auszug aus dem Buch "Wo samstags immer Sonntag ist".

Noa fuhr anders Auto als ich, ruppiger und schneller. Sie sagte, die Israelis könnten eigentlich nicht richtig Auto fahren, das sei aber nicht so schlimm, die Araber würden es schließlich auch nicht können. Es gäbe hier so etwas wie Fahrschulen, ja, das seien die Autos mit diesem leuchtenden Schild auf dem Dach, in dem der Buchstabe "Lamed" zu sehen sei. Aber in einer Fahrschule werde man auf die Straße so gut vorbereitet wie in einer Turnhalle aufs Fallschirmspringen.

Die Landschaft zischte am Fenster vorbei.

Wir überholten einen Radlader, der einen Panzer transportierte.

Wir überholten drei, vier, fünf Militärjeeps mit riesigen Antennen auf dem Dach, die aussahen wie die Fühler einer Heuschrecke. Als auf dem Schild das erste Mal "Sderot" zu lesen war, wurde mir mulmig. Auf dem nächsten Schild stand "Gaza". Im Radio liefen Nachrichten. Ich verstand nicht viel, aber es reichte mir. Die Sprecherin sagte die ganze Zeit "Asa", was auf Hebräisch "Gaza" heißt und "Tzahal", den Namen der israelischen Armee. Sie nannte die Orte Khan Yunis, Rafah, Jabalia, Beit Hanoun, Beit Lahia.

Außerdem Sderot, Netivot, Kibbuz Nachal Oz, Kibbuz Nir Am.

"Wo wohnt deine Oma?"

"Nir Am."

"Was ist da passiert?"

"Raketen."

Gestern hatten israelische Kampfflieger den Gaza-Streifen angegriffen, 260 Menschen starben. Die Hamas versuchte mit Raketen zurückzuschießen. Es war der blutigste Tag in Israels Geschichte seit dem Krieg von 1967. Um den Gaza-Streifen zog die Armee eine Sperrzone. In dieser Zone wohnte Noas Oma, und wir holten sie ab, um sie nach Jerusalem zu bringen. Man weiß ja nie, wie lange so ein Krieg dauert. Sie wartete auf uns, auch wenn sie sich am Telefon standhaft dagegen gewehrt hatte, mit uns zurück nach Jerusalem zu fahren. Ich versuchte Simson anzurufen, dreimal, ohne Erfolg. Schließlich meldete er sich. Er sagte, es sei alles gut, er sei mit einer Kollegin vom Fernsehen unterwegs, bei der er im Bus mitfahren könne.

15 Sekunden bis zum nächsten Schutzraum

Es war Mittag. Die Straßen von Sderot leer, auf einem Platz in der Mitte der Stadt standen Soldaten in einem Kreis. Daneben ein paar Jeeps und Polizisten. Am Straßenrand sah ich alle 500 Meter komische eckige Bauten aus Beton, wie Bushäuschen, nur zugemauert. Noa lenkte den Wagen auf einen Parkplatz. Wir gingen in ein Café. Sie bestellte Toast und Kaffee für mich, und für sich das Gleiche, aber "charif", also scharf.

Ich sagte : "Ich möchte auch scharf."

Sie sagte : "Nein, das möchtest du nicht. Du möchtest Essen in der Farbe Beige."

Wenn eine Stimme aus einem Lautsprecher komme, sagte Noa, müssten wir schnell aufstehen und dahin gehen, wo alle hingingen. 15 Sekunden hätten wir Zeit. Die Durchsage sei "Tzewa adom, tzewa adom", was "Farbe Rot" bedeute, aber das müsse ich mir nicht merken, es komme ja doch nichts anderes aus diesen Lautsprechern. Ein Warnsignal, so ein lautes Piepen ertöne dazu, und wenn ich es hören würde, hätte ich nur noch zehn Sekunden und ich solle auf jeden Fall in einen Schutzraum gehen - so wie alle anderen es tun würden.

"Hast du das verstanden, Bubik, 15 Sekunden? Das ist so viel, wie ich brauche, um dir einen Kuss zu geben." Noa gab mir einen Kuss, aber ich glaube, er war höchstens 10 Sekunden lang.

Im Café hing ein Fernseher an der Wand, so ein Flachbildschirm.

Eine Moderatorin im roten Kostüm erklärte den Zuschauern die Lage. Es gab Bilder zu sehen von Kampfflugzeugen, Panzern, den Resten einer Kassam-Rakete irgendwo auf dem Feld. Keine Bilder aus Gaza, keine Toten, kein Blut, kein Rauch, keine zerstörten Häuser. Der Regierungschef und der Verteidigungsminister verlasen vor der Presse eine Erklärung.

Noa drückte meine Hand zu Brei

Am Himmel donnerte ein Kampfjet vorbei; ich hörte ihn, konnte ihn aber nicht sehen. Plötzlich knallte es. Wie Silvester, nur viel, viel lauter. In Gaza hatte man vermutlich keine 15 Sekunden Zeit, um sich zu verstecken. Und auch keine Noa, die einem sagte, wie das geht.

Als der erste Alarm kam, wollten Noa und ich gerade bezahlen.

Tzewa adom.

Ich griff nach ihrer Hand. Sie zog mich nach links, da stand eine Tür offen, alle Leute aus dem Café liefen dorthin.

Einer riss die Tür zu. Eigentlich war das hier ein Büro, doch jetzt gerade war es ein Luftschutzbunker. Eine Frau zog eine große Platte vor das Fenster, sie war aus Metall.

Dann kniete sie sich auf den Boden, hielt die Ohren zu und fing an zu weinen. Draußen zischte etwas, erst leise, dann immer lauter, wie ein kleines, sehr schnelles Flugzeug, so ein Ton, den ich nicht verstand, der nicht gut klang.

Die Kellnerin aus dem Café wimmerte leise. Noa drückte meine Hand zu Brei. Aber es war gut, dass sie das tat. Ich merkte, dass mein Herz schneller schlug. Dass sich meine Adern anspannten, vor allem die an den Unterarmen. Mein Herz pumpte wild Blut durch den Körper, in die Spitzen, in die Finger, in die Arme, damit ich zuschlagen konnte. Um die Rakete festzuhalten und ins Meer zu schmeißen. Mein Körper machte Dinge mit mir, die ich nicht kannte. Es war, als dauere jede Sekunde doppelt so lange wie sonst.

Es knallte. Es war nicht lauter oder schriller als Silvesterböller, das Feuerwerk beim Hafengeburtstag oder das Schlagzeug bei einem Heavy-Metal-Konzert. Es war nicht die Lautstärke. Diese Geräusche klangen böse. Es war kein Film, es war nicht abgemixt, ich saß nicht in einem Kino mit Dolby Surround. Das hier war echt. Und das war es, was es so grässlich machte.

Ich hatte das Steuer in der Hand, ich war überfordert

Eben, beim Kaffee, hatte ich wahrscheinlich gehört, wie ein Luftangriff Menschen das Leben gekostet hatte. Ich war gar nicht weit weg gewesen. Und jetzt? Nach dem Knall holten alle ihre Telefone her aus und riefen ihre Liebsten an: "Alles gut? Wo ist sie heruntergekommen?" Als der zweite Kassam-Alarm kam, saßen wir im Auto. Die Sirene. Ich hatte das Steuer in der Hand, ich war überfordert.

Wegfahren? Bremsen? Tzewa adom.

15 Sekunden. Die Rakete war quasi schon hier. 14 Sekunden.

Meine Hände klebten immer noch am Steuer, der Gang war drin, mitten auf der Straße. Wir fuhren 55 km/h.

Noa schrie : "RAUS!" 13 Sekunden. Meine rechte Hand machte sich selbständig, riss die Handbremse hoch. 12 Sekunden.

Mein linker Arm drückte die Tür auf. Wie ich mich abgeschnallt habe, weiß ich nicht mehr. 11 Sekunden.

Meine Füße rannten zu einem der zugemauerten Bushäuschen.

Noa war neben mir. 10 Sekunden. Das furchtbare Zischen. Es war, als fliege die Rakete auf das Häuschen zu. Auf genau dieses eine Schutzhäuschen. Sie kam näher.

9 Sekunden. Neben uns standen zwei Jungs um die 20, mit Kippa und Jogginganzug. Im Schutzhäuschen roch es nach Urin. 8 Sekunden. Ich wusste, wenn die Rakete uns trifft, also genau dieses Häuschen, dann hält der Beton nicht.

7 Sekunden. Noa fuhr mit ihrem Finger über meine Stirn.

"Du hast da eine Ader, da, direkt über der Nase", sagte sie.

6 Sekunden. Wir duckten uns alle auf den Boden, obwohl das überhaupt nichts brachte. Einer der Kippa-Jungs betete.

Tzewa adom.

Tzewa adom.

5, 4, 3, 2, 1.

BAMM.

Ich wollte weg. Nur weg

Das war nah. Sehr nah. Wie ferngesteuert gingen wir raus. Die Straße da hinten war es, da, bei dem weißen Haus. Es rauchte. Ich hörte Menschen schreien. Das Martinshorn eines Krankenwagens. Die Polizei. Das Auto. Unser Auto stand im Weg. Noa fuhr es schon zur Seite. Wir liefen zu der Straße mit dem weißen Haus. Überall lag Glas auf dem Boden. Kaputtes Porzellan, Stühle, die Reste eines Sonnendachs. Ein Auto am Straßenrand brannte.

Daneben stieg Rauch auf, im Boden war ein Krater. Die Häuserwände übersät mit kleinen Löchern. Die Rakete war mit Schrapnellen gefüllt gewesen, die in alle Richtungen geflogen waren. Metallsplitter, Nägel und Schrauben.

Menschen liefen verwirrt umher und schrien. Der Krankenwagen kam um die Ecke. Dann die Polizei. Ein Mann stolperte von der Seite heran, stützte sich auf mir ab und winselte etwas. Sein Gesicht war voller Blut. Noa packte ihn am Arm und brachte ihn zum Krankenwagen. Ich wollte weg. Nur weg.

Auszug aus dem Kapitel "15 Sekunden"

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insgesamt 8 Beiträge
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1. das ist genau der teil realität,
Makronaut 03.03.2011
der in dem ansonsten recht guten videospecial erstaunlich präzise ausgeblendet wurde: dass es nämlich a) einen permanenten terror aus gaza gibt, und dass dieser b) nicht lustig zum miterleben ist.
2. .
Deali 03.03.2011
ach, das ist ja furchtbar. Der arme Mensch. Und diese arme Oma! Und dieser arme blutende Mann. Oh je, Nägel und Schrauben, das ist ja unverzeihbar, eventuell waren die auch noch rostig? Ja, es geht doch nichts über klinisch reinen weißen Phosphor.
3. ,
dilinger 03.03.2011
Zitat von Dealiach, das ist ja furchtbar. Der arme Mensch. Und diese arme Oma! Und dieser arme blutende Mann. Oh je, Nägel und Schrauben, das ist ja unverzeihbar, eventuell waren die auch noch rostig? Ja, es geht doch nichts über klinisch reinen weißen Phosphor.
Ihren Zynismus sollten Sie sich sparen. Sie kennen offensichtlich den Zusammenhang von Aktion und Reaktion nicht.
4. no
Jinen 03.03.2011
Zitat von dilingerIhren Zynismus sollten Sie sich sparen. Sie kennen offensichtlich den Zusammenhang von Aktion und Reaktion nicht.
Und der waere?
5. ...
dilinger 03.03.2011
Zitat von JinenUnd der waere?
Der israelische Militäreinsatz, einschließlich des von einigen aufgebauschte Gebrauch von Phosphorgranaten, wäre ohne dem in dem Artikel beschriebenen Raketenhagels der Hamas nicht notwendig gewesen.
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Zur Person
Matthias Thiele
Markus Flohr, 30, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE; er lebte und studierte eineinhalb Jahre in Israel. Dort erlebte er das wilde Leben in Tel Aviv, den beschwerlichen Alltag in der geteilten Stadt Jerusalem und kam dem Gazakrieg näher als ihm lieb war. Im Januar erschien sein Buch "Wo samstags immer Sonntag ist", eine halbfiktionale Reisereportagen-Compilation, erzählt als Geschichte über Liebe und Freundschaft.

Buchtipp

Markus Flohr:
Wo samstags immer Sonntag ist
Ein deutscher Student in Israel

Kindler Verlag; 256 Seiten; 14,95 Euro.

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Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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