Auslandsstudium in Israel: Zur Wiesn in die Westbank

Von

Kaum zu glauben, aber in der wilden Westbank feiern christliche Palästinenser ein Oktoberfest - natürlich im September, wie in München, mit Bier und einer Rosenheimer Blaskapelle. Von Israel führt der Weg dorthin durch die Mauer - und über Ramallah. Mit einem israelischen Freund? Aber sicher.

Israelische Soldaten in der Nähe von Ramallah: "Wir waren einfach da" Zur Großansicht
AFP

Israelische Soldaten in der Nähe von Ramallah: "Wir waren einfach da"

Der Held aus dem Roman von Markus Flohr ist gerade angekommen in Israel und hat ein WG-Zimmer gefunden. Ein gutes Jahr will er nun studieren - und die Gegend erkunden und Leute kennen lernen. Mit einem israelischen Freund macht er sich auf den Weg zum Oktoberfest nach Ramallah. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht den dritten Auszug aus dem Buch "Wo samstags immer Sonntag ist".

Unser Treffpunkt war das Damaskus-Tor an der Altstadt.

Das sei doch im Osten, meinte Simson. Neun von zehn Israelis sagen: "Damaskus-Tor? Da fahre ich nicht hin. Das ist im Osten." Für diese Israelis existiert Jerusalem östlich der Altstadt nicht. Schon die Altstadt gilt als Gefahrenzone, mit Ausnahme der Klagemauer und des jüdischen Viertels.

Für die Palästinenser gilt das Gleiche umgekehrt, zum einen, weil mitten durch den Osten eine Mauer verläuft, die einen Teil von ihnen dar an hindert, überhaupt in den Westen zu kommen. Oder sonst irgendwohin. Zum anderen weil die, die können, den Westen nicht so gerne betreten, da sie damit rechnen müssen, alsbald als Sicherheitsrisiko beäugt zu werden. Und dann gibt es noch den Teil der Palästinenser, die den Westen nicht betreten wollen, selbst wenn sie könnten, weil es da zu viele Juden gibt. Die kommen allenfalls mit einem Bombengürtel.

Fotostrecke

8  Bilder
Studentisches Israel-Buch: "Als Jude hätte ich genug von den Deutschen"
Simson dachte einen Moment nach, wir wollten ja in die Westbank, und dann wäre es ein wenig komisch gewesen, nicht nach Ostjerusalem zu fahren, denn nur von dort fuhr der Bus nach Ramallah. Von unserer Wohnung aus gab es zwei Möglichkeiten, zum Damaskus-Tor zu kommen:

1. Mit dem israelischen Linienbus. Ja, genau mit dem, der hin und wieder mal in die Luft fliegt - was aber schon länger nicht mehr passiert war. Dieser Bus hält kurz vor der Altstadt und braust dann durch die palästinensischen Stadtteile, ohne anzuhalten.

2. Mit dem palästinensischen Kleinbus, die Linie von Bethlehem zur Altstadt. Der hält im jüdischen Westen nur da, wo jemand winkt. Das passiert bis zur Altstadt eher selten. Und wenn doch, dann halten alle im Bus die Luft an und hoffen, dass es nicht die Polizei ist oder das Militär oder ein Kamerateam von CNN.

Simson und ich saßen ganz hinten. Aus dem Radio säuselte Arab-Pop, und Simson zählte, wie viele Arafat-Aufkleber an der Scheibe klebten. Da war einer, da, da und da.

"Unser Blut und unsere Seelen für Jerusalem"

"Da steht: 'Unser Blut und unsere Seelen für Jerusalem'."

"Du kannst Arabisch?"

"Ein wenig."

Am Damaskus-Tor stiegen wir aus und trafen Friedrich.

Wir gingen zum Busbahnhof an der Nablus-Straße. Friedrich sah auf die Nummern an den Bussen. Er stieg in den zweiten auf der linken Seite, wir blieben draußen stehen.

Ein Mann mit einer Gebetskette sah Simson an.

"Taxi?" Simson schüttelte den Kopf. "Welcome", sagte der Mann.

Friedrich winkte aus dem Bus. "Der hier ist es, kommt schon." Wir fuhren durch Jerusalems Norden. An einer Straßensperre hielten wir an. Ein israelischer Soldat stand in der Mitte der Fahrbahn. Simson setzte seine Sonnenbrille auf.

Der Bus bog vor dem Soldaten rechts ab, fuhr den Hügel hinunter, da war zwar eine Straße, aber die war nicht dafür gebaut worden, dass dieser Bus auf ihr fuhr. Rechts stand eine Mauer, links Häuser. Die Mauer war höher als die Häuser und bemalt vom Boden bis oben. Sie war lang.

Einen Kilometer, zwei. Immer noch kein Ende. Da waren Graffiti. Es stand geschrieben: "Free Palestine", "Ich bin ein Berliner", an einer Stelle einfach nur "Boss"und ein paar Meter weiter "Benetton".

Man hat viele Vorurteile

Die Mauer öffnete sich zu einem Trichter, in der Mitte ein Kreisverkehr, aber das konnte man nur erkennen, wenn man auf den Boden sah, denn die Autos fuhren einfach drüber, genauer: Sie standen dar auf. Es gab Stau. Ich sah einen großen Grenzschalter, ein flaches Gebäude mit Gängen aus Gittern davor und dahinter, auf der einen Seite standen Busse, wie der, in dem wir saßen. Auf der anderen wartete eine große Traube Menschen, die sich Kopf für Kopf in die Gittergänge drückte. Hinten kamen sie einzeln heraus und bestiegen die Busse.

Ich hielt meinen Pass fest in der Hand und stellte mich auf eine Befragung durch einen Grenz beamten ein. War hier schon die verbotene Zone? Ich stellte mir das so vor :

"Woher?"

"Deutschland."

"Der da?"

"Auch."

"Und der?"

"Ach, das ist mein israelischer Kumpel Simson, der sich hier mal umschauen wollte, ohne eine Uniform anzuhaben."

"Und was wollt ihr hier (ihr Verrückten)?"

"Wir machen einen Ausflug nach Ramallah, da nehmen wir ein Taxi, hat mein Freund Friedrich hier gesagt, um in einem christlichen Dorf in der Nähe zum Oktoberfest zu gehen und uns mal so richtig zu besaufen."

Aber nix! Plötzlich waren wir in Ramallah. Friedrich sagte: "Jetzt sind wir in Ramallah." Kein Metalldetektor, kein Gitter, keine Polizei, keine Soldaten, nichts. Die Kontrollen gab es anscheinend nur bei der Ausreise. Oder Einreise.

Jedenfalls in der anderen Richtung. Mir wäre es gar nicht aufgefallen, aber das hier war Ramallah. Wir waren einfach da und fuhren durch Ramallah.

Ramallah, das klang für mich nach Arafat, PLO, Fatah, Hamas, nach dem wilden Arabistan, nach Sonne, Staub, Olivenbäumen. Nach paramilitärischem Trainingslager.

Nach Reisewarnung, Rohrbombe, Sprengstoffgürtel, nach Bürgerkrieg. Nach Besatzung, Sechstagekrieg, Entführungen.

Kurz: nach Ärger. Man hat so seine Vorurteile.

"Die meisten Freiheitshelden haben Menschen auf dem Gewissen"

Die Straße hinter dem Checkpoint war breit, die Autos fuhren in zwei, manchmal in drei Reihen nebeneinander - und vor allem durcheinander. An einer Hauswand hinter einem Gemüseladen sah ich ein großes Bild, auf dem ein Mann mit Bart zu sehen war. Er hatte aber weniger Bart als Jassir Arafat und eine viel kleinere Nase. Seine Hände waren in Handschellen, er hielt sie hoch, hatte sie ineinandergelegt, also die Hände, wie Politiker das machen, wenn sie sich selbst gratulieren, weil ihnen der Parteitag zujubelt.

Wie Gerhard Schröder das immer gemacht hat, nachdem er eine Wahlkampfrede gehalten hatte. Seht her, wie toll ich bin. Und nachdem er Holzmann gerettet hatte. Und wenn er die Oper betrat. Vielleicht auch morgens, nach dem Aufstehen, vor dem Spiegel. Sieh her, Doris, wie toll ich bin.

"Wer ist denn das? "

"Barghouti", sagte Simson. "Das ist Marwan Barghouti."

"Und wer ist das?"

"Arafats geistiger Erbe. Anführer der zweiten Intifada."

"Darum hat er Handschellen? Sitzt er im Gefängnis?"

"Ja. Er hat viele Israelis umgebracht, und wir haben ihn geschnappt. Auf dieser Seite der Mauer ist er so eine Art Freiheitsheld. Wie Che Guevara oder Jeanne d'Arc. Siehst du ja."

"Freiheitsheld?"

"Die meisten Freiheitshelden haben ein paar Menschen auf dem Gewissen. Unsere auch: David Ben Gurion, Menachem Begin, Moses ... na ja, der vielleicht nicht. Obwohl, die Sache mit dem Roten Meer und den Ägyptern ..."

"Simson, im Ernst: Das eine war Krieg, das andere ist Terrorismus. Che Guevara hat eine Revolution angeführt und Jeanne d'Arc..."

"Ist das so einfach? Begin? Ben Gurion? Wir bauen Denkmäler, benennen Straßen, Flugplätze, Museen, Parks, Schulen nach Soldaten. Nach Generälen. Nach Heerführern. Nach Revolutionären? Und hier ... hier ist halt ein Bild an der Wand."

Auf diesem Bild sah dieser Marwan Barghouti weder aus wie Ernesto Che Guevara noch wie Moses am Roten Meer.

"CTRL+ALT+DELETE" = Alles löschen?

Er sah auch nicht wirklich aus wie Gerhard Schröder, nur die Geste. Halb über seinen Arm hatte jemand eine große Werbung für Waschmittel plakatiert. Sie war schon leicht vergilbt.

Auf das Haus folgte eine Baulücke, und man konnte ins Tal sehen, in dem sich die Häuser, langsam absteigend, aneinanderreihten. Hier ein fertiges Gebäude, da ein Rohbau. Aus der Entfernung konnte ich die Mauer sehen.

Jemand hatte von innen in großen schwarzen Lettern einen Computerbefehl als Graffiti dagegengesprüht : "CTRL+ALT+DELETE" = Alles löschen. Die Mauer löschen? Israel löschen? Vor einer windschiefen Baracke, in der einmal ein Laden gewesen sein musste, lagen ein paar leere Apfelsinenkisten.

Die grünen Metalltüren hatte jemand mit einem Vorhängeschloss gesichert, das kräftig rostete. Mit schwarzer Farbe waren zwei Buchstaben aufs Tor gemalt : "SS". Daneben ein großes Hakenkreuz.

Der Bus hielt, alle stiegen aus. Nicht, das hier eine Haltestelle oder irgendetwas zu sehen gewesen wäre. Friedrich strebte schon zur Tür, ich zögerte. Der Fahrer sah mich an und sagte noch einmal: "Ramallah, Centre. Central Ramallah. Welcome." Ahsonadann - danke. Wir stiegen aus.

Auszug aus dem Kapitel "Septemberfest"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ctrl+alt+delete
acsa77 28.02.2011
Von Vorurteilen und Desinformation kann man auch mit bestem Willen nicht loswerden. Die Kombination bedeutete mal Soft Reboot, also Neustart. Aber aktuell bedeutet es mal Login (Arbeit anfangen) oder mal Task Manager (grundsächliche Prozesse beeinflussen). Also ist es manchmal nützlich, Symbole von Kunstwerken besser zu interpretieren, als es der Künstler vielleicht zuerst meinte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Auslandsstudium Nahost
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Zur Person
Matthias Thiele
Markus Flohr, 30, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE; er lebte und studierte eineinhalb Jahre in Israel. Dort erlebte er das wilde Leben in Tel Aviv, den beschwerlichen Alltag in der geteilten Stadt Jerusalem und kam dem Gazakrieg näher als ihm lieb war. Im Januar erschien sein Buch "Wo samstags immer Sonntag ist", eine halbfiktionale Reisereportagen-Compilation, erzählt als Geschichte über Liebe und Freundschaft.
Buchtipp

Markus Flohr:
Wo samstags immer Sonntag ist
Ein deutscher Student in Israel

Kindler Verlag; 256 Seiten; 14,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Fotostrecke
Auftragssprüher: Ihre SMS auf israelischen Grenzmauer

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Israel-Reiseseite

Video-Spezial
Videospezial Israel: Heiliges Land, zerrissenes Land

Geschichte Israels

DER SPIEGEL
Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel

Bilder-Reise durch Jerusalem


Beeindruckende Fotos aus einer faszinierenden Stadt

Fotostrecke
Studentisches Israel-Buch: WG-Casting und Holocaust-Witze